Leben

Vom Gehweg in den Kleiderschrank Karina trägt nur, was sie auf der Straße findet

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Dass Karina Papp sämtliche Kleidungsstücke auf der Straße gefunden hat, sieht man den Bildern nicht im geringsten an.

(Foto: @found_on_the_street)

Was für andere Müll ist, ist für sie Mode: Karina Papp kämpft gemeinsam mit einer Freundin auf Instagram gegen Markenwahn und für mehr Mut bei der Klamottenwahl. Ihre Kleider haben die beiden Berlinerinnen alle auf der Straße gefunden.

Wer unaufmerksam ist, läuft an dem kleinen Pappkarton, der etwas verloren auf dem Gehweg in der Berliner Bergmannstraße steht, einfach vorbei - oder er hält die Kleider darin für achtlos entsorgten Müll. Doch Karina Papp sieht den Schatz sofort, der verknüllt zwischen alten Blusen und zerfledderten Büchern darauf wartet, gefunden zu werden: ein wunderschönes wollenes Cape im Schottenmuster - Papps neues Lieblingsstück. Ihr Kleiderladen, das ist die Straße.

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Gemeinsam mit ihrer Freundin Anna Vladi postet sie auf Instagram unter dem Namen "Found on the Street" Fotos, die auf den ersten Blick aussehen wie die vieler anderer Modebloggerinnen: Ausgefallene Vintage-Stücke aufwendig inszeniert in verborgenen Neuköllner Hinterhöfen oder vor hippen Kreuzberger Cafés - doch anstatt wie andere Instagramer mit Hashtags die Marken der Teile zu verlinken, steht unter ihren Bildern "gefunden in der Hermannstraße", "ein Geschenk der Straßen von Athen" oder "handgefertigte Baumwollbluse, zurückgelassen in der Weserstraße". Die vermeintlichen Designerstücke, die Papp und Vladi mit ihren Followern teilen, haben eines gemeinsam: Sie alle wurden von ihrem Besitzer aussortiert und auf der Straße entsorgt.

"Wir wollen uns ein bisschen über den Markenwahn auf Instagram lustig machen", sagt Papp, "aber vor allem wollen wir zeigen, dass schöne Kleidung von überall herkommen kann - selbst von der Straße". Schon als die heute 30-Jährige vor fünf Jahren von Russland nach Berlin zog, trug sie hauptsächlich gebrauchte Kleidung von Flohmärkten oder aus dem Second-Hand-Shop. Aber hier, in Berlin, ist etwas anders: "Ich habe bemerkt, dass die Leute oft alte Sachen zum Mitnehmen auf die Straße stellen, vor allem in Kreuzberg, Neukölln und Schöneberg. Schöne Sachen, bei denen man sich fragt: Wie kann jemand so etwas weggeben?" Papp fängt an, die Klamotten zu tragen, die sie auf der Straße findet - dabei sucht sie nicht einmal bewusst danach. "Die Kleider finden mich. Manchmal liegt etwas auf der Straße und schreit förmlich: Nimm' mich mit!" Irgendwann hört die Berlinerin ganz damit auf, Kleider zu kaufen.

Ekelgefühle? Fehlanzeige!

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Daraufhin entsteht in kürzester Zeit eine Community; gefundene Kleider - aber auch Möbelstücke oder Bücher - werden an Freunde weitergegeben, getauscht und verschenkt. Trotzdem sind Papp und Vladi noch in der Minderheit. Die Zahl derer, die lieber Second Hand statt Neuware tragen, ist in Deutschland klein, vor allem außerhalb der Großstädte. Umfragen zufolge geben mehr als 80 Prozent der Deutschen an, noch nie in einem Second-Hand-Laden gewesen zu sein. "Viele Menschen kennen nichts anderes, als zu den großen Textildiscountern zu rennen und sich dort einzudecken", sagt Papp. Mit "Found on the Streets" will sie zeigen, dass es anders, dass es nachhaltiger geht. Dass Mode eben nicht nur konsumieren bedeutet, sondern auch entdecken, teilen, geben und nehmen.

Irritation löst Papp mit ihrer Straßenmode dennoch aus - vor allem bei ihren russischen Freunden und Verwandten. "Kommst du nicht klar, sollen wir dir Geld leihen?", heißt es dann. Dabei geht es Papp gar nicht in erster Linie darum, Geld zu sparen. "Aber klar, ich finde es lächerlich, hundert Euro für eine Jeans zu zahlen. Überlege dir mal, wie viel ich mit dem gesparten Geld reisen kann." Dass sie dafür Kleider tragen, von denen sie nicht wissen, woher sie stammen und die womöglich schon einige Zeit bei Wind und Wetter auf der Straße gelegen haben, stört Vladi und Papp nicht. Ekelgefühle? Fehlanzeige.

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"Bei Sachen aus dem Second-Hand-Shop ist das ja auch nicht anders. Man wäscht die Teile einmal und gut ist es", sagt Papp. Nur ihre Unterwäsche, die kauft Papp lieber neu. Und sowieso: der alte Strickpulli oder das Vintagekleid, die nach der Haushaltsauflösung einer alten Dame auf der Straße landen, haben oft eine bessere Qualität als die Shirts, die neu in den Regalen der Billigmodeketten liegen. "Die Preise, zu denen Klamotten heutzutage verkauft werden, sind verstörend - und die Kleider nach einer Saison hinüber und ausgeleiert. Denen können wir dann auch kein zweites Leben mehr schenken."

Eine Idee, die sich ausbreitet

Vor Jahren war das noch anders: Pullis von C&A, die vor 40 Jahren produziert wurden, findet Papp heute noch auf der Straße - in guter Qualität. Nur wer diese Pullover vor 40 Jahren gekauft hat, welche Höhen und Tiefen, Schicksalsschläge und Glücksmomente die ehemaligen Besitzer der Kleider erlebt haben, das weiß Papp nicht. "Es wäre schön, wenn alle Kleider ein Etikett hätten, auf dem ihre Geschichte erzählt wird", sagt die 30-Jährige. Dass diese Geschichten auch traurig sind, erkennt sie allein schon am Pappkarton, in dem ein Stück Leben eines Fremden steckt und der dennoch auf der Straße zurückgelassen wurde. Oft sind es Trennungen und Todesfälle, die dazu führen, dass solche Kisten gepackt werden.

Dass immer mehr solcher Kartons auf Berlins Straßen zu finden sind, ist für Papp aber auch ein Zeichen dieser "verrückten Zeit". "Jeder schaut nach einer Wohnung, die Mieten sind unglaublich hoch, die Leute ziehen ständig ein und wieder aus. Und bei jedem Umzug werden Sachen aussortiert." Typisch Berlin eben. "Die Stadt ist keine gierige, sie gibt viel, verlangt nichts im Gegenzug und ermutigt dich, zu kreieren und zu spielen", schreiben die Bloggerinnen auf Instagram. Auch in Tel Aviv und Athen haben sie schon Kleider gefunden - und die Idee scheint sich auszubreiten: "Vor Kurzem war ich Aachen und habe überrascht festgestellt, dass die Leute dort jetzt auch ausgemusterte Kleider vors Haus gelegt haben. Frisch gewaschen und sauber zusammengelegt".

Sicher, nach ein paar Tagen im Regen oder Schneematsch sind auch die schönsten Kleider hinüber. Doch selbst dafür haben sich die beiden Berlinerinnen eine Lösung überlegt: Sie wollen feste Zu-verschenken-Boxen installieren, in denen die Menschen ihre Kleider vor dem Wetter geschützt austauschen können. Damit sie auf der Straße nicht doch irgendwann zu Müll werden.

Quelle: n-tv.de

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