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Pandemie und Job Kommt für Frauen der "Corona-Rollback"?

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So ist Berufstätigkeit nur schwer möglich.

(Foto: imago images/Westend61)

Studien zeigen, dass sich mit der Corona-Krise auch alte Rollenmuster wieder verfestigen. Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit häufiger als Männer, um Kinderbetreuung oder Homeschooling zu schaffen. Frauen könnten dadurch dauerhaft vom Arbeitsmarkt verdrängt werden.

Nach der Geburt ihres Sohnes und der Elternzeit wollte die Journalistin Corinna O. eigentlich durchstarten. Sie hatte nach über zehn Jahren im Job ein gutes Netzwerk, die Auftragslage sah vielversprechend aus. Im Sommer 2019 machte sich die Hamburgerin selbstständig. Zwar brachen durch Corona im nächsten Jahr die Aufträge zunächst ein, doch im Sommer verbuchte die erfahrene Journalistin wieder regelmäßige Anfragen. Dann kam der zweite Lockdown.

Mit der erneuten wochenlangen Schließung der Kitas gab es für sie und ihren Mann einen "Rollback" - und Corinna O. musste immer mehr Aufträge absagen. Geplant war das anders. "Mein Mann hatte beruflich in Berlin eine Karrierechance, deswegen habe ich in den ersten Lebensjahren unseres Sohnes weniger gearbeitet, und er ist von Hamburg nach Berlin gependelt", erzählt die 36-Jährige ntv.de. "Als wir dann alle nach Berlin gezogen sind, war der Plan eigentlich, dass ich dran bin und Raum für die berufliche Selbstverwirklichung habe."

Stattdessen kümmert sich die Journalistin jetzt tagsüber um das gemeinsame Kind, kocht und macht den Haushalt - und ihr Mann, der festangestellt ist und mehr verdient, geht weiter arbeiten. "Ich betreue unseren Kleinen zu Hause, weil ich es wichtig finde, meinen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie zu leisten. Er fordert meine volle Aufmerksamkeit, nebenher zu arbeiten ist schlicht nicht möglich. Mein Mann gehört zur Führungsebene und muss sich im Job beweisen. So sind wir, ohne es zu wollen, in ein sehr traditionelles Modell geschlittert." Die 36-Jährige leidet unter der Situation, denn sie würde gerne arbeiten. "Diese traditionelle Aufteilung der Aufgaben entspricht auch gar nicht meiner Vorstellung von Elternschaft", sagt sie. Am meisten frustriert es die Journalistin, dass es so schwer ist, aus einer solchen Situation wieder herauszukommen. "Das Totschlagargument ist immer, dass er mehr verdient und sein Job deswegen wichtiger ist. Aber ich kann so natürlich auch nicht an einen Punkt kommen, an dem ich wieder mehr verdiene. Das macht die Situation sehr verfahren."

Corona oft Karrierekiller

Ihre Geschichte ist kein Einzelfall, sagt Sandra Runge: "Frauen werden durch die derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungen systematisch vom Arbeitsmarkt verdrängt." Runge arbeitet seit einem Jahrzehnt als Anwältin, ihr Schwerpunkt ist Arbeitsrecht für Eltern. Sie leitet außerdem eine Co-Working-Kita in Berlin und hat mit "Don't Worry, be Mami" einen Ratgeber geschrieben, der wichtige rechtliche Fragen rund um Schwangerschaft und Elternzeit klärt. Auf ihrem Blog und ihrem Instagram-Kanal informiert Runge Eltern seit Beginn der Corona-Krise zudem über die neuesten Entwicklungen rund um das Thema Kitaschließungen, zusätzliche Kinderkrankentage oder Gehaltsentschädigungen für Eltern. Sie sagt: "Die Errungenschaften der letzten Jahre sind in vielen Fällen mit einem Mal vom Tisch gefegt, Eltern und insbesondere Mütter werden in manchen Firmen in die Kurzarbeit gedrängt, selbst, wenn sie ihre Arbeitszeit gar nicht reduzieren wollen."

Derzeit beobachtet sie immer wieder, dass mit der Corona-Krise auch ein Karriereknick einhergeht. "Hier spielt auch der Gender Pay Gap eine wichtige Rolle, denn bei der Frage, wer zu Hause bleibt und wer weiter arbeitet, haben finanzielle Aspekte einen wichtigen Einfluss. Doch Frauen, die im Berufsleben pausieren, fangen danach oft wieder bei Null an", sagt sie. Und das Home-Office könne Müttern im Job zum Nachteil gereichen. "Auch wenn ich es befürworte, im Sinne der Eindämmung der Pandemie, so ist es insbesondere für Frauen, die Karriere machen wollen oder nach der Elternzeit wieder einsteigen, oft eine Bremse, denn es ist schwer, von dort wieder im Job anzudocken und sich ins Gespräch zu bringen - und Arbeitnehmerinnen müssen ohnehin mehr tun, um gesehen zu werden, als ihre männlichen Kollegen."

Diese Entwicklung zeigte sich auch schon in einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, die im April 2020 veröffentlicht wurde. Zwar seien männliche und weibliche Beschäftigte ähnlich oft von Kurzarbeit betroffen, doch spürbar mehr Frauen (24 Prozent) als Männer (16 Prozent) haben die Arbeitszeit auf anderem Wege reduziert. "Leben Kinder im Haushalt, übernehmen ganz überwiegend Frauen den größten Teil der nach Kita- oder Schulschließungen anfallenden Betreuungsarbeit", sagt die Soziologin und designierte Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts, Prof. Dr. Bettina Kohlrausch. Sie beobachtet, dass sich dabei schon vorher bestehende Muster der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung fortsetzen oder gar zuspitzen. "Bei diesen Paaren zeigt sich eine Tendenz, dass häufiger Frauen einen größeren Anteil übernehmen. Wir sehen also eine Verfestigung der Rollenmuster", erklärt die Wissenschaftlerin.

"Entsetzliche Retraditionalisierung"

Auch die Professorin Jutta Allmendinger, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) leitet, beobachtet dies. "Wir erleben eine entsetzliche Retraditionalisierung", schrieb sie im Mai 2020 in einem Gastbeitrag für "Die Zeit". Über 20 Prozent der Mütter würden ihre Erwerbsarbeit in der Pandemie reduzieren - alarmierend sei dabei, dass es eben überwiegend Frauen seien, die sich aus dem Berufsleben zurückzögen, um sich Kindern und Küche zu widmen - vor allem in Familien mit kleinen Kindern. "Sie belegen eine Rollenverteilung zwischen Müttern und Vätern, die jener in der Generation unserer Eltern und Großeltern entspricht - und die wir nicht mehr für möglich gehalten hätten", schreibt Allmendiger in dem Beitrag weiter.

Diesen Rückfall sieht auch die Soziologin Kohlrausch - und das sogar bei Paaren, die sich zuvor die Erziehungsarbeit noch ungefähr gleich aufgeteilt haben. Von diesen tun das in der Corona-Krise nur noch rund 62 Prozent. "Bei diesen Paaren zeigt sich eine Tendenz, dass häufiger Frauen einen größeren Anteil übernehmen", so Kohlrausch. Frauen in Doppelkarrierepartnerschaften hätten schon vor der Pandemie mehr Hausarbeit und Betreuungsarbeit geleistet - in der Krise habe sich das nun noch verschärft.

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Hinzu kommt, dass ein Ende der Situation nicht absehbar ist und besonders das Fehlen langfristiger Lösungen und die damit einhergehende Planlosigkeit Mütter verzweifeln lässt, sagt Runge. "Viele Frauen aus meiner Community fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Denn das Kinderkrankengeld ist ja auch nur eine temporäre Lösung und geht mit deutlichen Verdiensteinbußen einher. Und was, wenn der Lockdown über den Januar hinausgeht? Dann sind die 20 Tage im Zweifel schon aufgebraucht."

Freiwillig versicherte Selbstständige wären ganz besonders hart getroffen. "Ihre Verdienstausfälle werden vonseiten des Staats gar nicht kompensiert." Runge hat nun die Initiative #ProParents gegründet und setzt sich dafür ein, dass Eltern besser vor Diskriminierung geschützt werden. Denn Beispiele, dass vor allem Mütter auch schon vor der Corona-Krise vom Arbeitsmarkt gedrängt wurden, hat sie viele. "Sprüche wie "Deine Kinder sind aber oft krank" oder "Wir suchen eine Bewerberin wie Sie, aber ohne Kinder" sind immer noch traurige Realität", sagt die Anwältin.

Quelle: ntv.de