Leben

Nachbau genialer Skizzen Leonardos Instrumente werden lebendig

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Auf den musikalischen Spuren eines Genies: Signor Sangineto baut die von Leonardo da Vinci gezeichnete "Viola Organista" nach.

(Foto: Andrea Affaticati)

Es gibt kaum etwas, das Leonardo da Vinci nicht gezeichnet, hinterfragt und neu gedacht hat. Unter anderem erfand er faszinierende Instrumente, die das Musizieren erleichtern sollten. In Monza baut ein Kunstschreiner Papierorgel und Sackflöte mit Blasebalg nach.

Von außen wirkt die Werkstatt, die sich Maestro Michele Sangineto unten in seinem Einfamilienhaus eingerichtet hat, schlicht und unauffällig. Doch schon auf der Türschwelle wird man buchstäblich in eine andere Welt hineinkatapultiert. Überall stehen und liegen faszinierende, für den Laien oft völlig unbekannte Musikinstrumente aus vergangener Zeit. Hier eine Spitzharfe aus dem 17. Jahrhundert, dort eine "Kantele" (finnische Kastenzither), da eine holländische "Cister" aus dem 16. Jahrhundert und dort eine "Trombamarina". Letztere wurde auch als Tonsignal auf Schiffen eingesetzt, daher der Name Seetrompete, der allerdings täuscht: Es handelt sich nicht um ein Blas-, sondern um ein Streichinstrument, das vom Mittelalter bis weit ins 18. Jahrhundert hinein vor allem in Klöstern gespielt wurde. Auch der Komponist Antonio Vivaldi schätzte sie.

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Signor Sangineto ist gelernter Kunstschreiner.

(Foto: Andrea Affaticati)

Alle diese Instrumente hat Signor Sangineto nachgebaut, ein robuster, großgewachsener Mann Mitte 70 mit langem, weißem Haar und struppigem Vollbart. Beeindruckend an ihm sind aber vor allem die Augen, die unentwegt freudig blitzen. Er arbeite gerade an einer "Viola Organista", erklärt er. Der Entwurf stammt von Leonardo da Vinci, dem Universalgenie, dessen 500. Todestag dieses Jahr gefeiert wird. "Ist das nicht genial", begeistert sich Signor Sangineto, während er weiter schraubt und feilt. "Das sind zwei Instrumente in einem, noch dazu zwei gegensätzliche". Und zwar ein Streich- und ein Tasteninstrument.

Die Originale der Zeichnungen sind im zweiten Band des "Codex Madrid" enthalten, der sich in der spanischen Hauptstadt befindet, erklärt Signor Sangineto. Mittlerweile hat er schon alle vier dort abgebildeten Instrumente nachgebaut. Neben der "Viola Organista" auch die "Piva a vento continuo", die einer Sackflöte ähnelt, aber nicht mit dem Mund, sondern durch eine Art Blasebalg gespielt wird. Dann sind da noch die "Lira da braccio", eine Armleier, und eine kleine Orgel. Die wird auch "Organetto di carta" genannt, denn aus Leonardos Zeichnung ist zu entnehmen, dass die Pfeifen aus Papier sein sollen. Das allerdings ist nicht machbar. "Allein die Feuchtigkeit wäre für die Pfeifen verheerend", meint Signor Sangineto. Trotzdem sei die Idee brillant. Leonardo war es immer ein besonderes Anliegen, dem Musiker das Spielen zu erleichtern. Deswegen änderte er klassische Formen, machte sie ergonomischer und dachte an neue, leichtere Materialien.

Leidenschaft auf den ersten Blick

Signor Sangineto kommt ursprünglich aus dem süditalienischen Albidona, einer kleinen Gemeinde inmitten der kalabrischen "Magna Grecia". "Meine Eltern legten viel Wert auf Kultur", erzählt er. Schon seine 1918 geborene Mutter konnte lesen und schreiben, was für eine Frau in Kalabrien zu jener Zeit mehr als ungewöhnlich war. Finanziell ging es der Familie gut, und so konnten sie allen drei Söhnen eine höhere Bildung ermöglichen. Signor Sangineto besuchte in dem nahe von Albidona gelegenen Städtchen Castrovillari die Kunstschule und wurde Kunstschreiner. Um sich eine eigene Zukunft aufzubauen, zog er Anfang der 70er-Jahre nach Monza, eine Kleinstadt nördlich von Mailand, in der alljährlich im Herbst das Formel-1-Rennen stattfindet. Hier unterrichtete er 35 Jahre lang Werken an der Kunstschule. Nebenbei begann er sich für Lauten und Orgeln zu interessieren und studierte in erster Linie ihren Bau.

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Auf dem Plakat sind die zwei Musikanten eines Renaissancegemäldes zu sehen, die Signor Sanginetos Leidenschaft für alte Instrumente weckten.

(Foto: Andrea Affaticati)

Eines Tages stand er in den Uffizien in Florenz vor dem Gemälde "Perseus befreit Andromeda" des Renaissancekünstlers Piero di Cosimo. "Was mich an diesem Bild sofort in den Bann zog, war die Darstellung der drei wichtigsten Aspekte in unserem Leben", erinnert sich Signor Sangineto. "Das Gute, das Böse und das Schlichtende." Die Verdammung von Andromeda zum Tode sei das Böse, Perseus, der sie rettet, der Schlichter. Das Gute wiederum sei die Musik, dargestellt von zwei geschlechtslosen Gestalten, die jeweils ein Instrument spielen. "In diesem Moment spürte ich den Wunsch, diese Instrumente auch nachzubauen", erklärt Signor Sangineto.

Verehrt und verkannt

Mittlerweile sind seine Instrumente weit über Italiens Grenzen hinaus bekannt. Immer wieder wenden sich Musiker mit der Bitte an ihn, ihnen eine original gotische oder keltische Harfe nachzubauen. Darunter befinden sich auch internationale Granden wie der Franzose Alan Stivell, dessen bretonische Harfenmusik sehr beliebt ist. In den 80er-Jahren ließ Stivell sich vom Maestro eine elektro-akustische Harfe bauen, die den Namen "Sangineto-Stivello" bekam. Auch der deutsche Harfenist Jochen Vogel gehört zu Signor Sanginetos Kunden.

Seine Leidenschaft für alte Instrumente hat Signor Sangineto seinen Kindern Caterina und Adriano vererbt, "beide mit Universitätsabschluss", wie er stolz hinzufügt. Im Moment touren die Geschwister mit einem Kollegen und den Leonardo-Instrumenten durch Europa. Anfang Oktober tritt "Lyradanz", so heißt das Ensemble, auch in Bonn, Marburg, Halle und Leipzig auf.

Doch trotz der internationalen Anerkennung macht sich Signor Sangineto Sorgen um die Zukunft seiner Instrumente. Auf das Wort "Sammlung" reagiert er unerwartet wirsch. "Das ist keine Sammlung, das ist ein Sammelsurium, ein Chaos", sagt er und lässt den Blick über seine gestapelten Instrumente gleiten. Bis jetzt habe kein italienisches Museum Interesse dafür gezeigt. "Hier bei uns ist etwas erst museumsreif, wenn es über 50 Jahre alt ist", meint er. Dass man die didaktische, aufklärende Funktion seiner Instrumente verkennt, ärgert ihn besonders. Manchmal habe er das Gefühl, von den Medien wie eine schrullige Jahrmarktfigur behandelt zu werden, die sich in Leonardos Gedenkjahr bestens für ein folkloristisches Portrait eignet. Das sei sehr ärgerlich. "Ich beschäftige mich mit diesen Instrumenten nicht zuletzt, weil ich fest davon überzeugt bin, dass sie für die jüngeren Generationen wichtig sein können."

Quelle: n-tv.de

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