Leben

One Woman Show "Liebe Sabine, ich schreibe mir selbst"

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Mal wieder einen Brief mit der Hand zu schreiben, das könnte man sich für 2020 auch vornehmen.

(Foto: imago/Westend61)

Na - alle guten Vorsätze schon wieder über den Haufen geworfen? Willkommen im Club! Machen Sie sich nichts draus, stellen Sie sich lieber ein paar Fragen oder schreiben Sie sich selbst einen Brief. So wie unsere Kolumnistin.

Am 8. Januar kann man durchaus noch ein glückliches neues Jahr, wenn nicht gar Jahrzehnt wünschen, oder? Hiermit geschehen! Und nachdem ich mich nun auf dem Sofa lümmelnd während der Feiertage und "zwischen den Jahren" durch alle Ratgeber und Frauenzeitschriften gelesen habe und mir Bratensoße und Kekskrümel aus dem Mundwinkel wische, frage ich mich, wie und vor allem wann ich all diese Selbstoptimierungstipps, zu denen dort geraten wird, durchziehen soll: Das fängt an mit "Mehr Zeit für mich selbst haben", "Bio-Botox richtig einsetzen", einen "Waschbrettbauch antrainieren statt Yummie-Mummie", geht über das "Erlernen einer Achtsamkeits-Teezeremonie" und endet in einem "Yoga-Retreat am Tegernsee" oder "Seele baumeln lassen in Costa Rica" (oder war's umgekehrt, Yoga in Costa Rica und Seele am Tegernsee?). Egal, auch "Alte Möbel neu gestalten" habe ich auf dem Plan - nur: Wann soll das alles von mir verwirklicht werden? Und wann zum Teufel werde ich endlich bereit sein für weniger? Außer beim Geld, denn das werde ich 2020 endgültig mal vernünftig und vermehrend anlegen.

Eigentlich ganz easy, oder?

Eine Sache fand ich dann aber doch sehr spannend: Im Hochglanzmagazin "Elle" rät die Chefredakteurin mit dem Hinweis "Self Care" dazu, einen Brief an sein 15 Jahre jüngeres Ich zu schreiben. Gute Idee, denk' ich, easy, doch während ich dasitze und mich frage, wo diese letzten 15 Jahre denn nur hinverflogen sind, muss ich feststellen, dass es mit dem "Brief an mich selbst" gar nicht so einfach ist. Ich versuche es.

"Liebe Sabine,

ich wünsche dir ein wunderbares neues Jahr, Glück, Gesundheit und Liebe. 2020 - was für eine schöne Zahl. In deinem Horoskop steht nur Gutes! Und wenn das so ist, dann glaubst du ja an Horoskope, oder? Hättest du vor 15 Jahren eigentlich gedacht, dass jetzt alles so ist, wie es ist? Was stand denn da in deinem Horoskop, hast du mal geguckt, ob das im Nachhinein stimmte? Hast du dir 2005, du warst 38 Jahre alt und dein zweites Kind noch nicht geboren, zum Beispiel vorgestellt, wie es ist, Ü50 zu sein? Rechnen war ja noch nie deine Stärke, verdrängen schon.

Hättest du gedacht, dass du zum wiederholten Male verheiratet sein würdest (dieses Mal für immer), hast du gedacht, deine Wechseljahre (deine Whaaat??) gingen einfach spurlos an dir vorüber? Hättest du vor 15 Jahren gedacht, dass du dich auf eine seltsame Art alt fühlen könntest und gleichzeitig pubertär? Hättest du denn gedacht, Sabine, dass du noch immer Pickel hast? Und gleichzeitig Falten? Also Fickel. Oder Palten? Hättest du gedacht, dass du dafür (beziehungsweise dagegen) mal echt viel Geld ausgeben würdest?

Hättest du gedacht, dass du es emotional verkraften würdest, dass deine erste Tochter auszieht? Dass sie jetzt erwachsen ist? Hättest du denn gedacht, dass du selbst jetzt erwachsen bist? Wolltest du das? Erwachsen sein? Bist du noch ein Vorbild für dein zweites Kind? Hättest du gedacht, dass du immer noch Partys feierst, die bis morgens um sechs gehen? Denkst du denn jetzt, dass du in zehn Jahren immer noch Partys feiern wirst, die bis um sechs Uhr früh dauern? Hättest du gedacht, dass dein Mann, den du 2005 ja noch gar nicht kanntest, auf diesen Partys auflegen würde? Einer deiner Ex-Männer ist immerhin schon Großvater. Findest du nicht, es wird Zeit, dir mal ein paar Fragen zu beantworten? Liebe Grüße, deine S.

PS: Zu deiner Beruhigung: Du hast das bisher alles gar nicht so schlecht gemacht.

Daumen hoch Zwinkersmiley

Tja, das sind alles nur Fragen und gar kein Brief, finden Sie? Und keine Antworten? Stimmt. Aber wie bereits geschrieben: Verdrängen kann ich gut. Kann also sein, dass ich die Beantwortung der Fragen gar nicht so einfach finde und ein bisschen nach hinten schiebe. Außerdem besteht das ganze Leben aus vielen Fragen und wenigen Antworten. Also jedenfalls aus wenigen guten Antworten. Ein bisschen komme ich mir gerade vor wie in der "Vogue", wo bekannte Menschen, die mit einem unheimlich tollen Filter fotografiert wurden, dem Leser und der Leserin in der Rubrik "Fragen ohne Antwort" einfach nur Fragen stellen dürfen. Dort sind natürlich existenzielle Dinge angesagt wie: "Wann fängt die Zukunft an?" oder "Wünschen Sie Ihrem besten Freund/Ihrer besten Freundin wirklich immer nur das Beste?" Auch "Welche Einschränkung könnten Sie eher akzeptieren: Ihr Land für immer zu verlassen oder es nie mehr verlassen zu können?" treibt mich um. Die Frage: "Können Sie Musik in Farben fühlen?" kann ich ganz klar mit "Leider nein!" beantworten. Bevor ich weitere Fragen beantworte, frage ich mich allerdings, wie in Gottes Namen die von mir verehrte Sängerin Joy Denalane in diesem Fall auf diese Fragen gekommen ist. Hatte sie Berater? Oder ist es das, was sie alltäglich umtreibt? Hat sie einfach nur gut ihre Hausaufgaben gemacht? Ich möchte sie auf jeden Fall interviewen und diese Fragen fragen.

Ich arbeite dran

Antworten auf die folgenden Fragen: 1.) "Bekommen Sie manchmal schlechte Laune, wenn Sie vor dem Spiegel stehen?", 2.) "Gibt es ein Lied, das Ihr Leben nachhaltig beeinflusst hat?" 3.) "Wenn man Ihnen ein Kompliment macht, können Sie es dankend annehmen oder betonen Sie gerne, wie wenig Sie es verdienen?" kann ich sofort und ohne mit der Wimper zu zucken beantworten. 1.) "Ja." 2.) "Viele. Von Frank Sinatras "My Way" über Vicky Leandros' "Ich liebe das Leben" (gibt eventuell ein falsches Bild von mir ab, ist mir aber egal) bis hin zu Jovanottis "A Te" ist so viel Musik in meinem Leben; Musik, die hart ist, die weich ist, zum Mitsingen, zum Weinen, zum Tanzen (vor allem zum Tanzen), zum Einschlafen. 3.) Komplimente annehmen? Schwierige Sache. Ich kann's nicht glauben, denke, der andere schleimt doch nur rum. Ich arbeite dran.

Die Fragen: "Ist Leidenschaft der stärkste Motor?" und "Hat der Wind eine Innenseite (häh)?", beide von anderen Prominenten in der "Vogue" gestellt, sind auch irgendwie toll. Leidenschaft ist auf jeden Fall ein ganz starker Motor und es klingt auch so schön kreativ, aber manchmal scheint mir ein noch stärkerer Motor die Angst oder die Verzweiflung zu sein. Auf der anderen Seite kann aber auch Glück ein ganz großer Antrieb sein. Und ob der Wind eine Innenseite hat? Ist mir egal, Hauptsache, er ist warm und sanft und duftet gut. Zurück zu den anderen Fragen, Hosen runter. Wann die Zukunft anfängt? Mit der Geburt. Und dann immer wieder, jeden Moment. Die Zukunft und alles, was dazugehört, zu verschieben, bringt meines Erachtens nichts. In der Praxis ganz schön schwer durchzuführen, ich weiß. Meinen besten Freunden wünsche ich tatsächlich immer nur das Beste, ich bin praktisch neidfrei. Mein Land für immer zu verlassen oder es nie verlassen zu dürfen - das ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Hängt auch davon ab, wo meine Liebsten sich gerade aufhalten. Ich verweigere vorerst die Aussage.

Über meine mir persönlich gestellten Fragen mache ich mich dann dieses Jahr her, es wird Zeit, ich verspreche es vor allem mir selbst. Eines weiß ich aber: "Je ne regrette rien" (also kaum etwas …) und: Ich freue mich immer auf die Zukunft. Ich habe Glück, meine Gegenwart ist großartig - und da ich das weiß, bin ich dankbar, keine Frage.

Quelle: ntv.de