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LAT-Paare wohnen in getrennten Wohnungen. Sie müssen deswegen aktiv Treffen vereinbaren.
LAT-Paare wohnen in getrennten Wohnungen. Sie müssen deswegen aktiv Treffen vereinbaren.(Foto: imago/Ikon Images)
Samstag, 30. Juni 2018

Zu mir oder zu dir?: Liebe in getrennten Wohnungen

Von Kira Pieper

Wer zusammen ist, wohnt auch zusammen - zumindest dann, wenn beide Partner in der gleichen Stadt leben. Bei LAT-Paaren ist das anders. Sie entscheiden sich für getrennte Wohnungen. Denn das bringt entscheidende Vorteile.

Zusammenziehen gilt als Statement in einer Beziehung. Erst recht, seitdem Heiraten seine Bedeutung immer mehr einbüßt. Wenn sich ein Paar eine gemeinsame Wohnung nimmt, gilt das gemeinhin als ultimativer Liebesbeweis. Doch was, wenn sich das Paar entscheidet, wieder in getrennten Wohnungen zu leben? Dann kann das - so meinen viele - nur mit einer Trennung gleichzusetzen sein.

Ein Scheitern des Zusammenwohnens bedeutet aber nicht zwangsläufig das Scheitern der Beziehung. Es gibt Paare, die sich bewusst dafür entscheiden, wieder auseinanderzuziehen und trotzdem liiert zu bleiben. Wissenschaftler sprechen dann vom "Living Apart Together"-Modell, kurz LAT, oder auch von einer bilokalen Beziehung.

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Früher galt dies als exotisch und war deswegen eher eine Lebensform, die bei Künstlern und Intellektuellen anzutreffen war. Die Schriftsteller Jean-Paul Satre und Simone de Beauvoir zum Beispiel wohnten mehr als 50 Jahre in getrennten Wohnungen. Und auch Regisseur Woody Allen und Schauspielerin Mia Farrow pflegten das "Living Apart Together"-Beziehungsmodell.

Nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung beträgt der Anteil der bilokalen Paarbeziehungen in der Altersgruppe der 18- bis 79-Jährigen 7,3 Prozent. Der Anteil der nichtehelichen Lebensgemeinschaften ist mit 8,1 Prozent nur unwesentlich höher. Bei den unter 30-Jährigen leben 20 Prozent der Paare in einer LAT-Beziehung. Mit zunehmendem Alter nimmt der Anteil der bilokalen Beziehungen dann ab und beträgt in der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen nur noch 6,9 Prozent. In dieser Gruppe dominiert klar das verheiratete Zusammenleben.

In der Gruppe 50 plus erhöht sich der Anteil dann wieder etwas - auf 9,8 Prozent. Offenbar entscheiden sich in diesem Alter wieder mehr Paare dafür, getrennt zu wohnen.

"Einzelpersonen haben mehr Freiheiten"

Für die Zahlen hat Soziologe Robert Naderi vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung eine einfache Erklärung: Bei den unter 30-Jährigen seien die Zahlen aufgrund "äußerer Umstände" relativ hoch. "Meistens ist das die Phase, in der sich ein Paar kennenlernt. Dann zieht man nicht sofort zusammen, viele wohnen auch noch bei den Eltern", so Naderi. Mit zunehmenden Alter sinkt die Zahl der bilokalen Beziehungen dann, viele Paare heiraten oder ziehen doch zusammen.

Jenseits der 40 entschließen sich manche Paare dann doch wieder für getrennte Wohnungen. Äußere Umstände spielen da nur zum Teil eine Rolle, viel mehr entscheiden sie sich aus persönlichem Antrieb für dieses Lebensmodell. Vermutlich, um wieder autonomer leben zu können, so der Soziologe. Auffällig in dieser Altersgruppe ist: Die Paare haben zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung keine Kinder. Entweder weil sie nie welche hatten oder weil die Kinder bereits aus dem Haus sind. 

Das Modell "Zwei Wohnungen statt einer" kann einer Beziehung gut tun. Während bei zusammenwohnenden Paaren der geteilte Alltag dominiert, verbringen getrennt lebende Paare ihre Freizeit aktiver miteinander. Man begegnet sich nicht mehr in Situationen, in denen man schlecht gelaunt ist, Streit über Banalitäten im Haushalt gibt es auch nicht. "Das Paar trifft sich, wenn es möchte, die Einzelperson hat mehr Freiraum für sich selbst", sagt Naderi. "Der Vorteil ist, dass Intimität trotz Autonomie möglich ist."

Allerdings hat das Leben getrennt voneinander auch Nachteile: Denn ohne gemeinsamen Alltag kennen sich die Paare auch nicht wirklich. "Es müssen zwei Welten zusammenfinden und das birgt auch wiederum Konfliktpotenzial", sagt Naderi. Der Soziologe erklärt, dass LAT-Beziehungen tatsächlich instabiler sind als Beziehungen, die unter einem Dach stattfinden. Eine Trennung fällt bei bilokalen Beziehungen leichter. Denn die räumliche Trennung ist schon da, man braucht also nicht den gemeinsamen Hausstand aufzuteilen.

Der Soziologe glaubt nicht, dass die LAT-Beziehung ein Modell der Zukunft ist. Vielmehr handele es sich nach wie vor eher um eine Übergangsform in Partnerschaften. Wenngleich bilokale Partnerschaften heutzutage nichts Besonderes mehr sind. Nicht nur Intellektuelle, sondern auch "normale" Bürger pflegen das Beziehungsmodell, hier bleiben die Zahlen allerdings konstant, so der Soziologe. Die Akzeptanz in der Gesellschaft für alternative Lebensformen ist mittlerweile groß. Laut Naderi glauben nur ein Drittel der Deutschen, dass nicht zusammenlebende Paare kein richtiges Paar sind. Demnach ist nicht mehr nur das Heiraten ein längst überholtes "Must-Have" in einer Beziehung, sondern auch das Zusammenwohnen.

Quelle: n-tv.de