Liebe und Familie

In Vino Verena über Ghosting "Hallo, wo bist du nur? Lebst du noch?"

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Beim Ghosting bricht der Kontakt ganz plötzlich ab.

Ghosting nennt man das Phänomen, wenn Freunde oder Partner ohne ein Wort aus unserem Leben verschwinden. Was bleibt, ist oft Ungewissheit und die quälende Frage: Warum? Unsere Kolumnistin über das abrupte Ende einer Sommerliebe.

"Hallo, ist alles okay?" // "Geht's dir gut? Warum meldest du dich nicht?" // "Hab ich was falsch gemacht?" // "Hallo, bist du da? Kannst du wenigstens Bescheid geben, dass es dir gut geht? // Mensch, sag doch was, lebst du noch?"

Derlei Sätze schrieb ich so oder so ähnlich immer und immer wieder. Bis ich irgendwann aufgab, aufgeben musste, um an dieser Ungewissheit, warum Kai - dieser coole Typ, der sich aus meinem Leben gestohlen hat - nicht zu verzweifeln. Kai war weg, von jetzt auf gleich, ganz plötzlich - ohne Abschied. Was er zurückließ, waren Ratlosigkeit und die lange unbeantwortete Frage nach dem Warum.

Immer wieder lesen wir von Begriffen wie Gaslighting, über das ich neulich schrieb, Sexting oder Ghosting. Und nicht selten haben wir noch nie zuvor davon gehört, dabei gibt es diese Phänomene schon ewig, nur eben, dass sie damals anders hießen: Wenn ein Mensch sich abrupt und ohne ein Wort der Erklärung aus dem Leben eines anderen schleicht, nannte man das oft: "Er/Sie wollte nur mal eben Kippen holen."

Kai war also aus heiterem Himmel verschwunden. Was war geschehen?

Ich lernte Kai auf einem Stadtfest kennen, er war ein gutaussehender, charmanter Typ mit wilden, dunklen Locken und einem breiten Lachen, mit dem er jeden Raum erhellte. Schnell spürte ich, dass mehr zwischen uns war als ein Sommerflirt. Und das passte mir nun wirklich überhaupt nicht, denn für so was Aufwendiges wie Liebe hatte ich beim besten Willen gerade keine Zeit. Ich war damals noch auf dem bescheuerten Trip, entscheiden zu können, wann ich mich verknalle und wann nicht. Und in diesem Sommer stand Verknallen definitiv nicht auf meiner Agenda. Es war nämlich der von mir vorab beschlossene gestohlene Sommer, auf den ich würde verzichten müssen, wenn ich jemals in diesem Leben dieses bescheuerte Studium abschließen wollte.

Der gestohlene Sommer

Mein komplettes Leben drehte sich um diese eine verflixte Latein-Prüfung. Würde ich die vergeigen, hätte sich mein Kunststudium (das man 1a für den Taxischein gebrauchen kann) ein für alle Mal erledigt. Und die Aussicht, eines Tages in Berlin Taxi zu fahren, die wollte ich mir nun wirklich nicht damit kaputtmachen, dass ich knutschend in irgendeinem Getreidefeld lag, statt das Konjugieren dieser vermaledeiten Verben zu pauken: "sum, es, est, sumus, estis, sunt". Ich war eine wandelnde Konjugation mit permanenter Muffe, durchzurasseln.

Eines Morgens stand Kai mit Brötchen und Karteikarten vor meiner Tür. Wir frühstückten und lernten den ganzen Tag, gingen spazieren, wenn mir der Kopf qualmte. Kai kam jeden Morgen, Kai kümmerte sich, Kai war jetzt da.

Abends fuhren wir oft mit seinem klapprigen Cabrio durch die Stadt, den Sommerwind im Rücken, kein Ziel vor Augen. Mit Kai war Latein lebendig geworden.

So zogen die Wochen ins Land, die Semesterferien neigten sich dem Ende entgegen und die Prüfung rückte näher. Dieser gestohlene Sommer, er war einer der schönsten meines Lebens. Eines Nachmittags, zwei Tage vor der Prüfung, fuhren wir auf den Fernsehturm.

Im Fahrstuhl auf dem Weg nach unten küsste er mich und flüsterte mir ins Ohr: "Ich glaub, ich bin verliebt."

"Spürst du, wie doll mein Herz pocht?"

Wir lachten, machten Faxen und umarmten die tote Sprache. "Hey, heute Abend nur noch Latein!" Dann kam die Prüfung. Ich bestand sie, war überglücklich. Doch als ich ihn anrief, nahm er nicht ab. Auch nicht, als ich es kurz darauf erneut probierte. Weder am Abend noch am Tag darauf. Niemals mehr.

Ich schrieb ihm Mails und SMS. Nichts. Nur Schweigen. Es folgten Tage und Nächte, in denen mich die Ungewissheit quälte. Wieder und wieder spulte ich unseren letzten gemeinsamen Tag vor meinem inneren Auge ab: Dieser unendlich erscheinende Kuss im Fahrstuhl und meine Hand, die er zu seinem Herzen zog und mich fragte: "Spürst du, wie doll es pocht?"

Ich wusste nicht, ob es noch pochte. Vielleicht war ihm etwas passiert, vielleicht hatte er einen Unfall, war in einer uneinsehbaren Kurve von der Straße abgekommen und eine Böschung hinabgestürzt. Jeder Tag brachte eine neue potenzielle Möglichkeit, was geschehen sein konnte. Dazwischen aber auch immer wieder Wut und Zorn. Doch die Angst, dass ihm wirklich was zugestoßen war, überwog.

Nach einer Weile fragte ich nicht mehr nach, sprach auch nicht mehr auf seine Mailbox. Ich wollte nicht wie ein Stalker wirken und lenkte mich schon aus reinem Selbstschutz davon ab, mir weiter Sorgen zu machen. Irgendwann, etwa sechs Wochen später, war eine Freundin sich hundertprozentig sicher, ihn gesehen zu haben. Er lebte also.

Die Antwort auf das ewige WARUM

Eine Zeitlang habe ich noch an Karteikarten-Kai, wie er sich für mich nannte, denken müssen: An seine kleinen Feldwebel-Schritte durch mein Zimmer, wenn er mich abfragte, wie er meine Hand auf seine Brust legte oder sein lautes Lachen im Cabrio, das der Sommerwind davontrug. Die Frage nach dem plötzlichen Kontaktabbruch ohne ein Wort der Erklärung: Er ist mir die Antwort lange schuldig geblieben.

Einige Jahre später bin ich ihm zufällig in einer Bar begegnet. Mein Herz sauste unverzüglich zwei Stockwerke tiefer. Ich nahm allen Mut zusammen und sprach ihn draußen an. Er saß auf einem Bordstein und rauchte eine Zigarette.

Er erkannte mich sofort, lächelte. Dann sagte er: "Du hättest mir damals diese eine Frage nicht stellen dürfen! Das hat mich unter Druck gesetzt!" Welche Frage? In mir brodelte es. Welche Frage sollte so schlimm gewesen sein, dass er sich wie ein Geist in Luft aufgelöst hat? "Hab ich gefragt, ob du ein Serienkiller bist?"

Er blies den Zigarettenrauch in den Abend, lächelte wieder und sagte: "Nee, aber sowas in der Art wäre mir lieber gewesen! Du fragtest: Sind wir jetzt eigentlich zusammen? Diese Frage hatte mir auch meine Ex gestellt, da bin ich einfach in Panik geraten."

Ich habe mit ihm nie über seine vorherigen Beziehungen gesprochen, ich wusste weder von seinen Ängsten noch von etwaigen schlechten Erfahrungen. Wir kannten uns ja erst wenige Wochen und ich genoss die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die er für mich aufbrachte. Der verletzte Stolz in mir und mein Gefühl, sein Schweigen von damals nicht verdient zu haben, hegten in mir den Gedanken, ihn anzuschnauzen und so richtig die Meinung zu geigen. Aber was sollte das bringen, außer vielleicht, dass ich mich kurz besser fühle? Jetzt, wo ich den Grund wusste, konnte ich sein Verhalten sogar verstehen. Ungerecht, ja. Denn ich konnte nicht ahnen, dass eine kleine Frage eine große Panik in ihm ausgelöst hatte.

Ich stand auf, drückte seine Schulter und sagte, anders als er damals: "Mach's gut!"

Quelle: n-tv.de

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