Leben

Elterntrauer als Buch Melanie Garanin zeichnet Wut und Schmerz

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Melanie Garanin und Nils' Pferd Viento am Grab des Dreijährigen.

(Foto: Melanie Garanin)

Wie lebt man weiter, wenn man seinen dreijährigen Sohn aufgrund eines Behandlungsfehlers verliert? Das beschreibt Illustratorin Melanie Garanin in ihrer Graphic Novel "NILS". Damit gelingt ihr, was nur Kunst kann: aus tiefem Schmerz etwas Schönes schaffen.

Sie war bei diesem Herzensprojekt ganz besonders froh, dass sie alleine arbeitet. Denn beim Zeichnen und Schreiben an ihrem Buch "NILS. Von Tod und Wut. Und von Mut" musste die Kinderbuch-Illustratorin Melanie Garanin keuchen, kreischen, heulen. Sie schwitzte und rang mit sich und dem Schmerz. Einem, den nur wenige nachfühlen können, denn Garanins Buch handelt vom Tod ihres dreijährigen Sohnes Nils, auf den der Begriff Tragik wirklich zutrifft, anstatt wie so oft nur eine leere Worthülse zu sein.

Kurz vor seinem dritten Geburtstag erkrankte Nils, der Ritter und sein Pferd Viento liebte, an Leukämie. Sein Schwert nahm der blonde Junge, der nach der Romanfigur Nils Holgersson benannt ist, mit in die Klinik. Auf in den Kampf gegen den Krebs. Die Infusionen und Blutabnahmen und die Schmerzen ertrug der kleine Bub tapfer. Eines der Medikamente, das er bekam, war Asparaginase. Mögliche Nebenwirkung: Bauchspeicheldrüsenentzündung. An dieser erkrankte Nils, doch trotz zahlreicher Untersuchungen und Blutabnahmen übersahen die behandelnden Ärzte die akute Pankreatitis.

Dass das geschah, obwohl das Kind immer wieder über starke Bauchschmerzen klagte; dass eine Obduktion später zeigen sollte, dass der kleine Junge krebsfrei war, als er am 5. Juli 2015 in den frühen Morgenstunden im Haus seiner Familie verstarb, noch ehe der Rettungswagen kam; dass Nils' Eltern und seine drei Geschwister noch kaum begriffen hatten, was da eigentlich Entsetzliches geschehen war, als ein Oberarzt und die Polizei darauf drängten, den toten Jungen zu ebenjener Obduktion mitzunehmen: Jedes einzelne dieser Details klingt unerträglich. In der Summe sind sie so furchtbar, dass man kaum glauben kann, wie es Garanin gelingt, ihrem Nils im Buch zu versprechen: "Bald wirst du uns wieder glücklich sehen. Immer, immer, immer traurig, aber nicht unglücklich."

Ein Manifest für Mut, Liebe und Überleben

Der Tod des eigenen Kindes - es gibt wohl kaum ein Ereignis, das Menschen als ähnlich unerträglich wahrnehmen. Das sei fest in der menschlichen DNA verankert, sagt Katja Seydel, Bestatterin bei "Lebensnah Bestattungen" in Berlin. "Für Eltern ist es immer furchtbar, wenn ihr Kind stirbt, auch, wenn es schon lange erwachsen ist. Denn das ist so nicht geplant. Es gibt beim Sterben für uns eine festgelegte Reihenfolge, mit der wir uns abgefunden haben, die wir für uns eine Art Regel oder System darstellt, an dem wir uns orientieren. Der Tod eines Kindes ist wie ein Fehler im System."

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Garanin kämpft mit allem, was sie hat, gegen den Schmerz, vor allem mit ihrer Fantasie. Als ihr Mann dem Pferd Viento eine Kerze auf den Kopf setzt, sieht das so ulkig aus, dass Garanin beginnt, ihrem jüngsten Sohn Kerzentiere zu zeichnen. Tiere mit Kerzen auf dem Kopf, die Licht bringen sollen. Im Buch lässt sie ihre Schreibtischlampe Oberärzte verhören und anklagen, ein Alter Ego der Autorin, die vor Erscheinen des Buchs ihre Trauer über Jahre mit Blogeinträgen und Zeichnungen dokumentierte und eine Schar an Lesern und Leserinnen für sich gewann, die mit ihr und ihrer Familie fühlten. Kein Wunder also, dass das Buch schon in der dritten Auflage ist, obwohl es erst vor wenigen Monaten erschienen ist.

Auf die Frage, was ihr geholfen habe, weiß Garanin im Gespräch mit ntv.de zunächst keine schnelle Antwort. "Viel draußen zu sein, in der Natur. Der Gedanke daran, dass Nils nicht ganz weg ist - ich bin nicht im klassischen Sinne gläubig, aber ich glaube schon daran, dass jemand, der stirbt, nicht einfach verschwunden ist. Die Fantasie, das Schreiben, meine Gedanken zu Papier zu bringen", sagt sie. Als Mutter habe sie sich auch in der Trauer dieser Rolle nicht entledigen können. "Ich wollte auch nach Nils' Tod nie, dass er sich Sorgen um mich machen muss oder das Gefühl hat, ich schaffe das nicht. Das Mütterliche lässt sich auch da nicht ablegen."

Und so ist Garanins Buch auch eine Verneigung vor der Kraft der Liebe und der Fantasie, und trotz aller Traurigkeit eines, aus dem das Leben nur so sprüht. Garanin beschreibt den Todestag, die drückende Hitze, die am Abend einem Gewitter weicht, das so heftig ist, dass ihr Mann und sie sich im Garten anschauen, lachen und beide gleichzeitig sagen: "Jetzt ist er angekommen."

Weitermachen heißt nicht vergessen

Zum tiefen Schmerz gesellt sich ein Gefühl der Wut und Ohnmacht. Denn mit Nils' Tod sehen sich Garanin und ihr Mann, Georg, der selber Arzt ist, auch mit einem zynischen System konfrontiert, in dem Fehler nicht vorgesehen sind und, sollten sie doch passieren, der Umgang mit ihnen jeglicher Menschlichkeit entbehrt. Die Familie erhält nur vier Monate nach dem Tod von Nils eine Entschädigungszahlung von der Versicherung der Klinik, auf eine Entschuldigung warten Garanin und ihr Mann vergeblich. Sie verlieren eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung gegen die zwei behandelnden Ärzte. Die von der Staatsanwaltschaft beauftragte Gutachterin blickt dabei auf Publikationen mit einem der Beklagten zurück.

Und doch, trotz all dieser Schrecklichkeit, gelingt es Garanin, tröstliche Bilder zu zeichnen, von Familienurlauben mit einem Ausflug zum Foltermuseum, der Nils sicher gefallen hätte, von Wildgänsen und einer Armee an Rittern, die der Familie zur Hilfe eilt. Mittlerweile, fünf Jahre nach dem herben Verlust, sind sie und ihr Mann "Trauerfortgeschrittene", wie Garanin sagt. "Man lernt, mit diesem Loch zu leben, es weder zu ignorieren oder auszufüllen. Man versteht, dass es mit allen Tücken dazugehört. Und man verändert sich, wird schwieriger im Umgang", so Garanin. "Ich finde aber auch die Vorstellung unangenehm, dass ich zu sehr lerne, damit umzugehen, gerade jetzt, wo ich alles in ein Buch gepackt habe. Der Körper und das Gehirn wollen zusehen, dass es einem besser geht und man muss es auch irgendwie verwinden. Aber ich will es auch nicht ganz hinter mir lassen, es nicht mehr fühlen und es weggepackt haben. Manchmal will ich den Schmerz auch fühlen, er ist auch eine Verbindung zu Nils."

Die Kraft, die aus diesen Worten spricht und der mutige Umgang mit dem Leid machen den Leser demütig. Auch Bestatterin Seydel erlebt in ihrer Arbeit trauernde Eltern als unglaublich stark: "Es gibt mir Hoffnung, zu sehen, dass es Menschen gibt, die das überleben, auch, wenn es nicht leicht ist. Sie gehen im Leben weiter und finden einen guten Umgang damit. Weitermachen heißt nicht vergessen."

Quelle: ntv.de