Leben

Frauen nach der Geburt Mütter als Huren, Heilige und Supermodels

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Sängerin Beyonce zu Beginn ihrer Schwangerschaft.

(Foto: REUTERS)

Eine Schwangerschaft ist ein harter seelischer und körperlicher Prozess, der bei der jungen Mutter oft deutliche Spuren hinterlässt. In sozialen Medien dominieren trotzdem Bilder, die etwas anderes suggerieren.

Wenn eine Prominente ein Kind bekommen hat, gibt es darauf in Frauenzeitschriften nur zwei Reaktionen: Entweder wird über den perfekten After-Baby-Body der frischgebackenen Mutter berichtet - oder darüber, dass diese es (noch) ganz entspannt angehen lässt und sich nicht mit Sport verrückt macht. Gleichzeitig wird bei der diesjährigen Oscar-Verleihung eine Werbung abgelehnt, die eine frisch entbundene Frau im Wochenbett zeigt. Die ungeschminkte Realität nach einer Geburt ist offenbar für viele immer noch schwer zu ertragen.

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Dabei ist Instagram voll von #afterbabybodys. Für Furore sorgte etwa ein Foto von Sofia Vegas - und insbesondere die Bildunterschrift. "Keine Ausreden an uns Frauen", schreibt die Frau, die sich für eine schlanke Taille Rippen operativ entfernen ließ. "Wer Babys bekommen kann, hat auch die nötige Disziplin, sich richtig zu ernähren und sich wieder in Form zu bringen." Dass die Realität oft ganz anders aussieht, zeigen Mütter auf Accounts wie Take Back Postpartum: Dellen, Schwangerschaftsstreifen, schlaffe Haut. Und das ist auch völlig okay so, lautet ihre Botschaft. 

"Der Attraktivitätsdruck, dem das 'schöne Geschlecht' ohnehin unterworfen ist, hört auch als Mutter nicht auf", sagte Sexualpädagogin und Autorin Katja Grach schon 2018 im Interview mit ntv.de. Wenn Promis auf Instagram nur wenige Tage nach der Geburt ihren perfekten After-Baby-Body präsentierten, setze das auch normale Mütter unter Druck.

Dabei ist eine Schwangerschaft ein harter seelischer und körperlicher Prozess. Der Hormonhaushalt, der Stoffwechsel und das Immunsystem passen sich an die enorme Herausforderung der Schwangerschaft an. Über Monate dehnt sich die Haut mit dem Wachstum des Babys. Auch die Geburt ist nicht nur sehr anstrengend, sondern kann auch zusätzliche Verletzungen hinterlassen.

Frauenhygiene so gefährlich wie Waffen?

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Viele Frauen, die geboren haben, werden sich deshalb vermutlich in einer Werbung der US-Firma Frida Mom wiedererkennen. Der Spot zeigt eine frischgebackene Mutter, die nachts von ihrem weinenden Baby geweckt wird. Sie beruhigt kurz ihr Kind und geht dann auf die Toilette, um zu pinkeln und die Einlage in ihrem Krankenhausschlüpfer zu wechseln. Das ist kurz nach einer Geburt durchaus noch schmerzvoll und auch gar nicht hübsch anzusehen. Dazu werden Produkte beworben, die die Heilung von Geburtsverletzungen beschleunigen sollen. Obwohl das einminütige Video nicht "gewalttätig, politisch oder sexuell" ist, verstieß es gegen die Richtlinien der Oscar-Akademie und durfte im Umfeld der diesjährigen Preisverleihung nicht gezeigt werden.

Frida-Geschäftsführerin Chelsea Hirschhorn sagte dem US-Sender NBC, sie sei sehr überrascht gewesen, zu hören, "dass Frauenhygiene in die gleiche Kategorie wie Waffen, Munition, sexuell suggestive Nacktheit, Religion und Politik eingereiht wurde". Zu sehen sei doch einfach nur eine frischgebackene Mutter, die mit ihrem Baby und ihrem neuen Körper zu Hause angekommen ist. Wenn man das nicht zeigen dürfe, solle man sich auch nicht wundern, wenn sich junge Mütter auf diese neue Lebenssituation nicht vorbereitet fühlten.

Auch RTL-Moderatorin Sandra Kuhn bekam innerhalb von 14 Monaten zwei Kinder per Kaiserschnitt. "Natürlich ist nicht mehr alles so schön und straff wie es mal war", sagt sie über ihren Körper heute. Sie gibt ehrlich zu, dass sie "das auch manchmal ganz schön runterzieht und frustriert". Dabei ist sich die 38-Jährige durchaus bewusst, welch großartige Leistung ihr Körper vollbracht hat. Zwei gesunde Kinder in nicht einmal zwei Jahren, "das gleicht einem Wunder", so Kuhn.

Kommentare zur Figur sind Normalität

Ihren Instagram-Post, bei dem sie auch ihre Kaiserschnittnarbe zeigt, verbindet die zweifache Mutter mit einem Wunsch: "Ich hoffe, dass niemand verurteilt wird für seinen Körper nach der Schwangerschaft." Doch genau an dieser Stelle wird es schwierig. Das "Life after Birth Project" zeigt realistische Fotos von Körpern nach der Geburt. 90 Prozent der Frauen, die im Rahmen dieses Projekts befragt wurden, gaben an, dass sie sich nach der Geburt Kommentare über ihren Körper anhören mussten. 76 Prozent sahen sich unter Druck gesetzt, ihren "alten" Körper möglichst schnell wiederzubekommen.

Schon heute ist das Mutterbild nach Ansicht von Erziehungsforschern und Soziologen komplett überfrachtet mit Ansprüchen. Mütter sollen gelassen erziehen, dabei im Beruf erfolgreich sein, auch als Sexualpartnerin performen und natürlich blendend aussehen - am besten Hure, Heilige und Supermodel in einem sein. Realistisch sind diese neuen Supermütter nicht. Aber wenn selbst eine Schauspielerin wie Amy Schumer zeigt, wie die Realität nach einer Geburt wirklich aussieht und ein Bild von sich im Krankenhauskittel beim Milchabpumpen veröffentlicht, dann ist das eine Wirklichkeit, in der sich viele Frauen wiedererkennen.

Quelle: ntv.de