Leben

Die ganze Welt genießen Neuer Wein in neuen Leuten

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Junge Leute geben inzwischen auch etwas mehr Geld für einen guten Wein aus.

(Foto: imago/PhotoAlto)

Libanon, Georgien oder Kanada - inzwischen kommen auch aus Ländern erstklassige Weine, die nicht zu den klassischen Anbaugebieten gehören. Und es kommen Kunden, die bisher Weinläden mieden. Ein Berliner Sommelier versucht, beide miteinander bekannt zu machen.

Nehmen Weinkenner das Wort "Château" - also Französisch für Schloss - in den Mund, reden sie sehr wahrscheinlich über Château Lafite-Rothschild, Château Margaux oder Château Petrus, aber ziemlich sicher nicht über Château Musar, Château Kefraya oder Château Ksara. Schade eigentlich. Denn die drei Letztgenannten mögen zwar längst nicht die Qualität eines Petrus erreichen, sind aber trotzdem tolle Weine: Sie stammen aus dem Libanon, also einem Land, bei dem die meisten Deutschen nicht gerade an die schönen Seiten des Lebens denken.

Dabei kannten schon die Byzantiner die exzellenten Bedingungen der Bekaa-Ebene für den Weinanbau, einem Tal, das als Obst- und Gemüsekammer des Libanons bezeichnet wird. Extreme Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht in der Höhenlage von bis zu 1000 Meter geben dem Wein eine Frische, die man in der heißen Region nicht erwarten würde. Neun bis zehn Millionen Flaschen werden jährlich im Libanon abgefüllt. Zum Vergleich: Im Bordeaux-Gebiet sind es bis zu 900 Millionen im Jahr. Apropos Frankreich. "Château" als Beiname ist kein Zufall. Der arabische Ministaat stand bis zu seiner Unabhängigkeit von 1920 bis 1943 unter der Vorherrschaft Frankreichs, weshalb Rebsorten aus dem europäischen Land klar dominieren.

"Der Libanon erzeugt hervorragende Weine. Nur wissen es immer noch sehr wenige", sagt Frank Krüger, bevor er gut 20 Gäste empfängt, die ihre Wissenslücken schließen wollen. Sie sind an einem Abend in Krügers Berliner Weinladen "Edel & Faul" gekommen, um Produkte libanesischer Winzer zu kosten. Denn genau darum geht es in dem Laden in der Veteranenstraße. Krügers erklärtes Ziel lautet: vor allem jungen Leuten zu vermitteln, dass erstklassige Weine nicht nur aus Frankreich, Italien oder von der Mosel kommen und in gediegenen Restaurants serviert werden, sondern inzwischen ein globales Phänomen sind. "Weg von der weißen Tischdecke und langweiligem Gehabe", beschreibt der 47-Jährige seinen Ansatz. "Und schon gar nicht von oben herab."

Neugier auf Geschmack

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Krüger versucht, seine Begeisterung für Wein weiterzugeben.

(Foto: Edel & Faul)

Ob Georgien, Israel, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Kanada oder Uruguay: Wer Lust am Entdecken wahrer Exoten unter den Weinländern hat, ist im "Edel & Faul" - der Name ist ein Wortspiel aus der Herstellung "edelsüßer Weine"- gut aufgehoben. Natürlich gibt es auch Proben mit Weinen klassischer Länder und Regionen sowie berühmter Winzer. Aber auch hier versucht Krüger, unbekannte Seiten zu vermitteln, etwa unter dem Motto "Rund um den Ätna". Zwar sei der sizilianische Wein in den vergangenen Jahren ohnehin populär geworden. "Aber wer weiß schon, was für wunderbare ​Weine aus einer Anbauhöhe von 1000 Metern kommen."

Auf zu neuen Ufern - den Trend beobachtet Krüger verstärkt seit drei, vier Jahren. "Die Welt des Weins ist ganz anders, als sie es vor 20 Jahren war. Sommeliers ordern gezielt Nischen, weil die Nachfrage danach gestiegen ist", sagt der IHK-geprüfte Sommelier. In Berlin gebe es kaum noch Restaurants der gehobenen Klasse, die nur Weine klassischer Anbaugebiete auf der Karte hätten.

Dabei treffen zwei Entwicklungen aufeinander. Zum einen sind Winzer kleinerer Länder wie Israel oder Georgien mittlerweile in der Lage, Weine der Spitzenklasse zu erzeugen. Zum anderen haben die Möglichkeiten des Reisens und Entdeckens in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. "Wer in Georgien Urlaub macht oder in Australien studiert hat, will hier Wein aus eben diesen Ländern trinken", sagt Krüger.

Nicht nur ältere Herren

Der Ort des Ladens fast exakt auf der Grenze zwischen den Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg ist alles andere als Zufall. Nachdem Krüger mehr als zehn Jahre als Sommelier bei einem arrivierten Weinhändler im gutbürgerlichen Wilmersdorf gearbeitet hat, zog es ihn in den turbulenteren Teil von Berlin. "Hier in der Ecke ist weitaus mehr junges Publikum, treffen Studenten mit wenig Geld und Berliner mit gutem Einkommen aufeinander", sagt er. "Mir war klar, dass junge Leute mit frischer Ansprache und Kommunikation erreicht werden können."

Tatsächlich fällt auf, dass Veranstaltungen wie das Libanon-Tasting oder "Bubbles, Gossip and Decadence" - eine Verkostung von Schaumweinen gepaart mit Film-Einspielern legendärer Schauspieler beim Genießen von Sekt oder Champagner - ein weitaus jüngeres, vor allem aber auch weibliches Publikum anziehen. Events mit Darreichungen aus klassischen Anbauregionen wie beispielsweise Ende Februar eine Verkostung von exzellenten Rieslingen der Pfälzer Toplagen sind hingegen eher Herrenveranstaltungen meist älteren Semesters.

Auch das will Krüger ändern. Um ein möglichst buntes Publikum anzuziehen, verzichtet er bewusst auf Fach-Chinesisch oder absolutes Insiderwissen. Seine Erklärungen sind so, dass sie auch Einsteiger verstehen. "Die Barriere wird dadurch schnell abgebaut", sagt der 47-Jährige. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum Blindverkostungen, bei denen der Gast Rebsorte und Herkunft eines Weins raten soll, besonders beliebt sind. "Es geht darum, Wein als das darzustellen, was er ist: ein Getränk, das viel Vergnügen bereitet."

Dass mehr Leute unter 30 den Wein für sich entdecken, hat wohl auch mit dem generellen Hang zu tun, sich den schönen Seiten des Lebens hinzugeben. "Für viele Gutverdiener ist es nicht entscheidend, möglichst schnell ein Haus und ein zweites Auto zu haben, sondern zu genießen und das in bestmöglicher Qualität", erklärt Krüger und verweist als Beispiel für seine These auf die Berliner Eisdielen, vor denen sich in der warmen Jahreshälfte riesige Schlangen bildeten, weil sie einen ausgezeichneten Ruf hätten. "Da steht man schon mal eine halbe Stunde an."

Quelle: n-tv.de

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