Leben

Aus der Schmoll-Ecke Oh, du fröhliche Verlogenheit

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Auch an manchem Weihnachtsbaum geht es in diesem Jahr anders zu als sonst.

(Foto: imago images/MiS)

Ja, Leute, wir müssen Weihnachten Gans allein feiern. Ganz schrecklich. Sonst wird über Konsumterror und den Coca-Cola-Fettsack geschimpft - nun passt das auch wieder nicht. Den Deutschen kann man es einfach nicht recht machen.

Genossinnen und Genossen, Sie erinnern sich garantiert, wie es im Frühjahr hieß: Nach Corona wird alles besser. Nun weiß aber keiner mehr, wann "nach Corona" sein wird. So müssen wir uns gedulden: Erst kommt der Weihnachtsmann, dann die Zeit "nach Corona". Ob arm oder reich, weiß oder schwarz, Mann oder Frau: Wir sind vereint im kollektiven Warteraum.

Derweil erleben wir - statistisch gesprochen - noch exakt 798.065 Sternstunden der Politik, die uns mit ihren An- und Absagen in den Wahnsinn treibt, als gebe es - statistisch gesprochen - nicht schon viel zu viele Irre in diesem Land. "Diejenigen, die sich in den nächsten drei oder vier Tagen - statistisch gesprochen - infizieren, die würden - statistisch gesprochen - genau am Weihnachtsfest sterben." Wer hat das vor einigen Tagen gesagt? Lauterbachs Karl, dieser mahnende Mutmacher von der SPD, der im Studio von Markus Lanz zu wohnen scheint und sein Zuhause - statistisch gesehen - nur jeden dritten Abend verlässt, um Maybrit Illner oder Anne Will zu besuchen, da ihm soziale Kontakte auch während der Pandemie wichtig sind.

Diejenigen, die - statistisch gesprochen - die meisten überflüssigen Interviews geben, tragen zum exponentiellen Anstieg an Verunsicherung und Plattitüden bei: "Das Virus kennt kein Weihnachten, es kennt nur Opfer", lautet mein Lieblingsspruch dieser Tage. Wunderhübsch ist auch: "Wir können uns selbst beschenken." Gemeint ist: Wenn wir uns Weihnachten an den Riemen reißen und nicht zusammen feiern, werden wir überleben. Meine Familie wird zu der Allianz der Vernünftigen gehören. Bei uns fällt das Triage-Roulette "Oma oder Opa?" an Weihnachten aus. Ich bin Humanist und, wie Sie wissen, ein Sehr-Gutmensch. Ich gefährde niemanden, nicht mal mich selbst.

Keine Krokodilstränen für Weihnachten

Dennoch bin ich gewillt, das Meer aus Krokodilstränen zu bereichern: Seufz, Weihnachten fällt dieses Jahr aus. Seufz. Heul. Statistisch gesehen ist es das erste Weihnachten seit mehr als 2000 Jahren, das wegen einer Pandemie reduziert stattfindet. Sehen Sie die positiven Seiten. Sie müssen sich dieses Jahr nicht von der beschwipsten Nazi-Oma erzählen lassen, wie schön es beim Bund Deutscher Mädel und beim "Reichserntedankfest" auf dem Bückeberg war, der 2021 nach jahrelangem Ringen nun endlich sein Dokumentationszentrum erhalten soll.

Seien Sie froh, dass Ihnen die Debatten erspart bleiben, ob der Weihnachtsmann nicht auch eine Weihnachtsfrau sein könnte oder der fettleibige Gesell nicht lieber durch den Nikolaus ersetzt werden sollte, was man herrlich mit Amerika-Bashing verknüpfen kann. Denn schließlich hat doch Coca-Cola den rot-weißen Fettsack mit dem Rauschebart erst populär gemacht. Da weiß der Abendlandverteidiger: Hier handelt es sich um die Werbefigur eines zum Konsumrausch verkommenen Festes, das seine christlichen Werte dem Kommerz unterordnet. Darüber denkt mal nach, geschätzte Verschwörungsdödel. Schaut rasch nach, ob Bill Gates den Weihnachtsmann erfunden und Coca-Cola-Aktien im Tresor hat.

Welch ein Fest, dass Eltern dieses Jahr nicht erleben müssen, welche Vorteile autoritäre Erziehung hat, dass man dank Drohungen eine Instanz sein kann. Der Weihnachtsmann muss nicht wie die Mütter im Prenzlauer Berg in Endlosschleife sagen: Bitte, Torben-Hendrik, leg den Nuckel aus der Hand. Der Weihnachtsmann droht mit seiner Rute und schon schwört der 13-Jährige dem Nuckel ab.

Einsame Feiertage als Chance?

Wie wunderbar, dass dieses Jahr niemand über weihnachtlichen Verpackungswahn und Konsumterror redet. Dieses Jahr können sich all die C-Prominenten ihr Geschwafel im Fernsehen sparen, dass sie auf Geschenke verzichten: Denn nur die Liebe zählt! Um dann einen Tag später auf ihrem Instagram-Account bezahlte Geschenketipps zu geben. Selbst die sonst so aktiven Kapitalismuskritiker schweigen und engagieren sich lieber sozial, indem sie Obdachlosen weihnachtliche Kuscheldecken bringen und ihnen Kurse im Stoßlüften geben. Jaja, ich bin wieder böse, ich weiß, ich weiß. Aber mal ehrlich: Welche Rolle spielen Obdachlose gerade in der öffentlichen Debatte?

Auch Einsamkeit ist dieses Jahr kein Thema. Dabei wächst das Heer der Menschen hierzulande, die Weihnachten allein verbringen wollen oder müssen. Das Internet ist voller plumper Ratschläge: "Wir zeigen Wege, mit denen so ein Single-Weihnachten nicht nur weniger Angst einflößt - sondern sogar richtig schön werden kann!" Und dann kommen Kalendersprüche wie dieser: "Gönn dir und verwöhn dich selbst!" Ein Traum von einem Ratschlag.

Sehen Sie es mir bitte nach, dass ich es nicht der Berufsoptimistin Margot Käßmann gleichtue, die im "abgespeckten Weihnachten" auch "eine Chance" sieht, "wieder aufleuchten zu lassen, worum es eigentlich geht: um die Liebe von Menschen zueinander, dass sie sich vertrauen können, dass sie sich aufeinander verlassen wie Josef und Maria in dieser Geschichte, ganz allein in der Fremde in einer schwierigen Umgebung und einer sehr unwirklichen Zeit. Weihnachten war ja im Ursprung überhaupt kein Glanz-und-Gloria-Fest." Im Ursprung war das Nichts, ehe Gott die Welt schuf. Das Wort der Heiligen Margot in dessen Ohr und die Lauscher der Männer, die ihre Frauen bevorzugt an Festtagen verdreschen. Das bringt keinen Glanz, sondern blaue Flecke auf die Haut.

Machen Sie es, so Sie es sich leisten können, wie die englische Königin Elizabeth II. und verbringen Sie Weihnachten nicht im großen Familienkreis, sondern "in aller Ruhe" auf Ihrem Schloss (hier Windsor). Schützen Sie sich und Ihre Lieben. Dann wird die nächste Kolumne weniger genervt. Geben Sie nicht auf, glauben Sie wie ich an Wunder - dann passieren sie. Ich habe jüngst in meiner Wohnung eins erlebt, als ich unerwartet einen Monolithen entdeckte. Zwar aus Holz und nicht ganz so hoch, aber glatt und ebenso schön. Ich werde ihn dem Polizisten oder der Frau vom Ordnungsamt, die an Heiligabend bei mir kontrollieren werden, ob ich in erlaubter Personenzahl feiere, präsentieren und sagen: Sehen Sie! Ein Wunder! Ein Hammer von einem Wunder!

P. S. Liebe Leserinnen und Leser, das war die letzte Schmoll-Ecke in diesem Jahr. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten und ein tolles/besseres 2021. Dann lesen wir uns hoffentlich gesund und munter wieder.

Quelle: ntv.de