Leben

Brigitte Maria Mayer und Jesus "Pathos ist mir wichtig"

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"Das Thema Schuld begleitet mich mein Leben lang", sagt die Witwe von Heiner Müller.

Äthiopien. Die Bibel. Jesus. Heiner Müller. Ein Plan und das Scheitern. Keine Auferstehung, oder? Warum nicht - Brigitte Maria Mayer liebt das Pathos schließlich. Eine der interessantesten Frauen im deutschen Kulturbetrieb spricht mit n-tv.de über ihren Glauben.

Geschichten von Verlust und Verrat, Leben und Liebe, Ursprüngen und Reisen, Entdeckungen und der Kraft der Niederlage - die erzählt Brigitte Maria Mayer in ihrem Film "Jesus Cries" und in ihrem Buch "Wohnort Gottes", das ihre Reise durch das faszinierende Land Äthiopien dokumentiert. "Niemals habe ich mehr über das Leben gelernt als hier, da, wo Gott wohnen soll", schreibt sie im Vorwort des Buches. "Auf meinen Blick auf dieses Land legte sich der Filter meines Glaubens. Ich sah jedes Detail im Objektiv der alten Geschichten, die wir uns seit Tausenden Jahren erzählen." Die dort entstandenen Fotografien und Texte, die Erinnerungen an Proben und Castings zeugen von dieser Reise. Die Bibel ist in Äthiopien nicht einfach eine Geschichte - sie ist ein lebendiges Gefühl - und die Osterzeit ist nicht der schlechteste Moment, um mal wieder darüber nachzudenken, was uns unser Glauben bedeutet. Mit n-tv.de spricht Brigitte Maria Mayer deshalb über ihren Glauben, darüber, wie sehr sie ihren Mann, den geschätzten Dramatiker und Schriftsteller Heiner Müller, vermisst, und was sie mit Yoko Ono zu tun hat. Beziehungsweise nicht.

n-tv.de: Dein Film heißt "Jesus Cries", was hat dich angetrieben, ausgerechnet einen Film über Jesus zu machen?

Brigitte Maria Mayer: Ich bin in Bayern sehr katholisch aufgewachsen. Da war gar nicht daran zu denken, an einem Sonntag nicht in die Kirche zu gehen, das gehörte dazu wie das Atmen. Dinge wie Kommunions- oder Firm-Unterricht - da habe ich nie dran gezweifelt, dass das auch ein Teil von mir ist. Ein Stück DNA.

Auch in der Pubertät?

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"Ich bin der mutigste und ängstlichste Mensch zugleich"

Naja, bis ich so 14, 15 war. Es gab allerdings einen Bruch für mich. Als ich acht Jahre alt war, starb mein Vater - und meine Mutter fiel vom Glauben ab. Von diesem Tag an ging sie nicht mehr zur Kirche, weil sie sich sagte: Der Gott, der meinen Mann so früh - mit Mitte Vierzig - zu sich holt, der kann kein guter Gott sein. Daraufhin ist die Großtante eingesprungen, die war einen Zacken schärfer drauf, was die katholischen Belange anging (lacht).

Inwiefern?

Sie hat meine Mutter unter Druck gesetzt. Für mich bedeutete das, dass ich am Sonntag nicht um zehn in der Kirche sein musste, sondern bereits um acht dahin gezerrt wurde, um mich auf der Spur zu halten. Das hatte wenig Inhaltliches, das war eine reine Muss-Instanz, eine Machtausübung ...

.. die sich wie äußerte?

In Drohungen, wenn du dies und das nicht tust, dann ist der liebe Gott mit dir böse. Es ging immer um Schuld. Das war die Message.

Bist du noch in der Institution Kirche?

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Adam

Ich war bis vor drei Jahren dabei, vorher hatte ich immer Angst, dass ein Fluch über mich kommen könnte (lacht) … Jetzt bedeutet mir die Institution nichts mehr. Glaube bedeutet für mich vor allem Raum, und zwar einen großen Raum! Und Kraft. Und mein Weg, mich mit meinem Glauben auseinanderzusetzen, findet innerhalb meiner Arbeit statt, nicht in der Messe. Sie findet in mir statt.

Zum Beispiel, indem du die Oberammergauer Festspiele zwei Mal fotografiert hast …

Genau. Und immer schon wollte ich die Bibel bewusster lesen und einen Film über Jesus drehen, über die Passion, die hat mich von jeher beschäftigt in ihrer Schmerzhaftigkeit. Wenn man das anschaut, dann erlöst es einen vom eigenen Schmerz, von der eigenen Traumatisierung, es ist kathartisch. Mit Äthiopien hat sich die glückliche Fügung ergeben, dass ich endlich den richtigen Ort dafür gefunden hatte. Eine andere Ursprünglichkeit. Es hat mich in meine Kindheit zurückkatapultiert. Dahin zurück, wo der christliche Glauben noch eine ganz starke Rolle gespielt hat. 

Spielt er keine Rolle mehr, der Glauben?

Einerseits ist es natürlich ein Erbe, wir sind christlich fundiert, das zeigt sich an Ideen wie dem Minderheitenschutz. Ohne christlichen Glauben wäre das nicht denkbar. Das Thema Menschenrechte ebenfalls, das ist nicht nur eine Frage der Demokratie, das ist schlicht christlich. Der Glaube ist außerdem ein ganz starker Strukturgeber im Alltag und seinen Ritualen.

Was hast du in Äthiopien gesucht, was meintest du nur dort finden zu können?

Einen ursprünglichen reinen Glauben, das ist vielleicht etwas sehr Europäisches, weil wir den Glauben an Gott, die Verbindung nach oben, mit der Aufklärung verloren haben. Inzwischen frage ich mich aber, ob es diese Reinheit, dieses Ursprüngliche, überhaupt jemals in einem so romantischen Sinn gegeben hat, wie ich es mir vorgestellt habe.

Was ist das Faszinierendste in Äthiopien für dich?

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Eva

Ich weiß nicht, ob es noch ein Land auf der Welt gibt, wo die Moderne so wenig anwesend war wie in Äthiopien. Es gibt dort eine gewisse Ursprünglichkeit, im Ritual, in den unberührten Landschaften, die allerdings auch langsam verschwindet. Das Land öffnet sich. Das hat gute und schlechte Seiten.

Die Themen Schuld, Sühne, Ehre …

… sind ja nicht unbedingt nur etwas Religiöses. Das Thema Schuld begleitet mich mein Leben lang. Es fing an, als mein Vater starb, ich fühlte mich schuldig, ihn nicht vor dem Tod bewahren zu können und gleichzeitig vor der Zeit, ich war acht Jahre alt, fühlte ich mich für meine Mutter verantwortlich. Natürlich ist Schuld nicht nur negativ - es ist schon in Ordnung, auch mal an etwas schuld zu sein. Wer nicht schuldfähig ist, macht keine tiefen Erfahrungen. Und wenn man Verantwortung übernimmt, kann man eben auch ganz leicht an Dingen oder Zuständen Schuld haben. Und es gibt ja auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Bin ich zum Beispiel mit schuld daran, dass es Obdachlosigkeit gibt? Kann ich etwas ändern? Wo kann ich aktiv werden?

Du hast früh deinen Vater verloren, du hast früh deinen Mann Heiner Müller verloren. Haderst du da manchmal mit dem Schicksal?

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Jesus' Taufe

Ich bin nicht böse, nein. Aber ich bin der mutigste und der ängstliche Mensch zugleich. Manchmal erst im Nachhinein (lacht). Aber der Tag, an dem mein Vater starb, ist meine Stunde null, mein Trauma. Und Angst und Trauma haben eine andere Zeitrealität. Bin ich in der Jetztzeit, kann ich rational eine Lösung für die Dinge suchen, greift mich das Trauma durch irgendeinen Trigger, reagiere ich schnell irrational und muss besonders auf mich achten.

Was machst du dann?

Ich mache autogenes Training, Sport und gehe zur Massage, um die Angst aus dem Körper zu vertreiben, zuerst muss der Körper erleichtert werden (lacht).

Vermisst du Heiner?

Ja, schon, er fehlt mir. Auch nach all den Jahren. Was mich aber irritiert, ist, oft nur als seine Witwe betrachtet zu werden, so Yoko-Ono-mäßig, was bedeutet, dass meine Kunst nur Scheiße sein kann (lacht). Weil es den Effekt gibt, einen irrationalen Effekt, über den sich die Leute vielleicht nicht ganz klar sind. Meine Arbeit steht sozusagen immer in Relation zur Arbeit von Heiner Müller. Ich weiß schon, dass meine Arbeit speziell ist, das Thema Religion allein ist ja wirklich schwer und ein gewisses Pathos ist mir auch wichtig.

Hast du mit deinem Buch "Wohnort Gottes" eigentlich einen Kreis schließen können für dich?

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Die Dornenkrönung

Ja, obwohl ich dieses Buch ja nie geplant habe. Ich habe das Material, die Fotos, die Texte, nicht konzipiert, es ist einfach entstanden. Als der Film, der dann ja in Berlin entstanden ist, draußen war, war mir klar, dass er ohne dieses Buch, ohne diese Vorarbeit, für mich nicht zu Ende ist. Die ganze Thematik hat mich sieben Jahre meines Lebens beschäftigt. Und so etwas mit einem Buch abzuschließen, das ist gut.

Das war kräftezehrend, oder?

Total. Aber wenn ich etwas anfange, dann will ich es auch zu Ende bringen. Zu akzeptieren, dass ich damals in Äthiopien nicht weiter drehen konnte, fiel mir schwer. Ich wollte unbedingt diesen Film machen. Mein Glaube daran, ihn zu beenden, war so groß, dass ich immer dachte, wenn nicht so, dann eben anders. Ich habe die Zeichen nicht gelesen als: "Stopp, du sollst das gar nicht machen!" Sondern als: "Du sollst es anders machen." So bin ich halt (lacht). Es war eine Fügung, denn es hat mich wieder in meinen Kulturkreis zurückgebracht und heute kann ich mir den Film nicht anders vorstellen, als er geworden ist, zeitgenössisch und mit dem unglaublichen Sabin Tambrea als modernen Jesus.

Den Kino-Film "Jesus Cries" kann man in Streaming-Diensten wie Amazon Prime oder iTunes sehen. Schauen Sie sich aber zuerst das Buch "Wohnort Gottes" an, das Sie im Herzstückverlag für 30 Euro kaufen können unter bestellung@herzstueckverlag.de.

Mit Brigitte Maria Mayer sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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