Leben

In Vino Verena Slutshaming: "Deine Strafe, du Hure!"

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Serienfigur Christine (Riley Keough): Escort-Girl und Opfer von Slutshaming.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Frauen sollen sexy sein, aber bitte nicht zu sexy, das sei "billig". Wer mehrere Sexpartner hat, gilt nach wie vor als Schlampe, wird oft bloßgestellt und entwürdigt. Unsere Kolumnistin über Slutshaming, Doppelmoral und "außer Kontrolle geratene" Frauen.

Okay, die Geschichte geht so: Eine sehr schöne junge Frau, Jura-Studentin im zweiten Jahr und notorisch knapp bei Kasse, wird von einer Kommilitonin auf einen Job aufmerksam gemacht, mit dem sie schnell viel Geld verdienen kann. Genaue Job-Bezeichnung: Escort-Girl. Anfangs unsicher, findet die Frau schnell Gefallen daran, reiche Kunden zu beglücken: Schließlich besteht das gebuchte Arrangement nicht nur aus Sex, sondern auch aus Kuscheln, Luxus-Reisen oder schlicht darin, dem Mann das Gefühl zu geben, eine liebe Freundin zu sein, die zuhört, tröstet und den beruflichen Erfolg wertschätzt.

Die Kunden: meist Männer in Machtpositionen und alles andere als glücklich. Neben ihrem (finanziellen) Aufstieg als moderne Kurtisane balanciert die junge Frau zwischen ihrem Praktikumsjob in einer Kanzlei und Vorlesungen an der Uni und verliert sich schon bald in einer Welt aus Macht, Intrigen und Sex. Mit einigen ihrer Kunden lässt sie sich auf mehr als nur ein sexuelles Abenteuer ein. Da ist zum Beispiel so ein dreister Einfaltspinsel, der meint, sie sei sein Privateigentum. Die Gefahr, die von dem Typen ausgeht, ignoriert sie zuerst, auch, als sie schon hart von ihm penetriert und dabei gefilmt wird. Später, als Rache für seine nicht erwiderte Liebe, schickt der Kunde den Sexfilm unter ihrer E-Mail-Adresse an all ihre Kontakte.

Was stimmt bloß nicht mit der?

Es handelt sich bei dieser Geschichte, Sie ahnen es gewiss, erstens um Slutshaming und zweitens um Szenen aus "The Girlfriend Experience", einer Serie, die auf dem gleichnamigen (2009 erschienenen) Film von Steven Soderbergh basiert. Der Begriff Slutshaming beschreibt die Abwertung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres vermeintlich sexualisierten Auftretens, ihrer sexuellen Aktivität und/oder ihrer Art, sich zu kleiden.

Man kann von dieser Serie halten, was man will, aber sie zeigt vor allem eines: den gesellschaftlichen Umgang mit Frauen, die ihr Geld mit Sex verdienen und die auch sonst durch ihr Verhalten nicht mit den patriarchalischen Erwartungen an Frauen übereinstimmen. Es gibt einen Moment in der Serie, der die geringe Wertschätzung jener, die bereits den Schlampen-Stempel haben, aufs Widerlichste offenbart: Das Sex-Video hat soeben alle Mitarbeiter der Kanzlei erreicht, die (braven, anständigen) Frauen kichern hinter vorgehaltener Hand, die Männer schauen "die Hure" aus einer Mischung aus Faszination, Abwertung und Geilheit an. Sie ist DAS Gespräch auf den Firmenfluren, alle zerreißen sich über "die Irre", die sich in dem Video erniedrigen lässt, das Maul. Dass sie sich dadurch (erst recht) entwürdigt und gedemütigt fühlt, scheint niemanden zu interessieren.

Mitleid? Feingefühl? Fehlanzeige. Imaginär steht auf der Stirn jedes Einzelnen: "Schlampen" wie Christine, so der Name der Serienfigur, haben es nicht anders verdient, als bloßgestellt zu werden. So schreibt die US-amerikanische, feministische Autorin Leora Tanenbaum in ihrem Buch "Slut! Growing Up Female with a Bad Reputation", dieses Verhalten werde durch den Gedanken ermöglicht, eine Frau mit dem Ruf einer Schlampe sei eine "außer Kontrolle geratene, nuttige Frau, die es nicht wert ist, sie zu kennen oder sich um sie zu kümmern".

Verdienen Prostituierte keinen Respekt?

Es gibt da diese Szene, in der Christine kurz nach der Veröffentlichung des Sex-Videos ein Gespräch zweier Kollegen belauscht und sie daraufhin direkt konfrontiert. Sie gucken wie ertappte Eichhörnchen in einer Speisekammer und begreifen scheinbar nicht, was ihnen vorgeworfen wird. Wie kann eine Hure, die sie gerade bei einem Blowjob gesehen haben, von ihnen verlangen, bitte nicht so abwertend über sie zu reden!? Hat die den von ihr eingeforderten Respekt nicht unmittelbar in jenem Moment verspielt, in dem sie sich vor Typen "hinkniet"?

In dieser kleinen Szene offenbart sich das Manko einer ganzen Gesellschaft, in der es nach wie vor noch immer oft an Respekt gegenüber Frauen mangelt - auch nach #MeToo, #Aufschrei und #Männerwelten. Mit der Achtung vor Frauen, die ihr Geld mit Sex verdienen oder aus purer Lust mehrere Sexpartner haben, und die - wie Regisseur Soderbergh selbst sagt - "agieren wie ein Mann", ist es nicht weit her. Man muss sich hier nur die kürzlichen Ereignisse in Erinnerung rufen, in der ein deutscher Komiker die sexuelle Vergangenheit einer Influencerin aufdeckte, um sich unter dem Deckmäntelchen der Comedy über ihre Domina-Tätigkeit lustig zu machen. Im Grunde auch das: Slutshaming.

Nach wie vor wird Frauen, die nach dem Kodex der Gesellschaft moralisch inkorrekt sind, abgesprochen, dass auch sie Opfer von sexueller Belästigung werden oder sich gedemütigt fühlen können - ganz im Sinne von: Da kann doch was nicht hinhauen, diese Frau hat Schamgefühle? Die lutscht doch Schwänze! Und jetzt hat sie ein Problem damit, dass es alle wissen?

Diese Szene ist beispielhaft für Opfer-Shaming und erinnert mich an etliche Texte, die ich zum Thema Sexismus schrieb. Obschon ich immer versucht habe, zwischen den Geschlechtern zu vermitteln und nie unter der Gürtellinie war, bekam ich zuhauf Zuschriften von Männern, die mich zuballerten mit ihren Gedanken. In schlimmster Mansplaining-Manier erklärten sie mir, was Frauen zu tun und zu lassen hätten. Viele dieser moralischen Abhandlungen gleichen einander in folgendem Punkt: ihrem nahezu pathologischen Rechtfertigungskomplex. Das liest sich dann ungefähr so: "Immer werden wir Männer angegriffen! Was dürfen wir überhaupt noch? Wir werden auch nicht gefragt, ob wir tiefe Dekolletés sehen möchten. Tit-Pics sind ebenfalls Belästigung. Aber nein, darüber spricht niemand!"

Das Verhalten einer ordentlichen Frau

Während Männer in Bordelle gehen, sind Frauen nach wie vor Objekte gesellschaftlicher Normvorstellungen. Das birgt ein irrwitziges Paradoxon: Sei sexuell, heiß und gern ein dauergeiles Wesen, aber bleib dabei bitte anständig und verhalte dich wie "eine ordentliche Frau". Ich weiß nicht mehr, wie oft ich in meinen Kolumnen, in denen es um Sexismus ging, erwähnt habe, dass nicht alle Männer Fehlverhalten an den Tag legen. Es wurde jedenfalls bestimmt genauso oft überlesen.

Viele Männer sehen sich vorverurteilt, abgewatscht und zu unrecht mit miesen Typen in eine Reihe gestellt. Sie beschweren sich, dass es ja nun langsam mal gut sein müsse mit dem ganzen "Männer-Shaming". Durchgedrehte Feministinnen hätten es sich zur Aufgabe gemacht, Männer zu domestizieren, ein Mann dürfe heutzutage kein Mann mehr sein, schimpfen sie im Unbewusstsein ihrer toxischen Männlichkeit.

Mir haben Männer geschrieben, die mich aufgrund meiner Texte "zu kennen" meinen. Sie analysieren meine Psyche, glauben, herauslesen zu können, was für einen Tag ich hatte, was ich mir wünsche oder was ich dringend bräuchte. Manche übernehmen für mich auch gleich das Denken: "Ich habe zwischen den Zeilen deiner letzten Kolumnen gelesen und denke, dass du dringend" (...) dies und das und jenes tun solltest. (Fremde) Männer schicken mir halbe Romane, die weit über den klassischen Leser-Kommentar hinausgehen, in denen sie über mein Leben, meine Sehnsüchte und meine Gefühle orakeln. Ein paar Mal konnte ich nicht an mich halten und schrieb reflexartig zurück - ein Fehler, ich weiß!

Aber ich wollte einfach wissen, was sich in einem Kopf abspielt, der meint, eine fremde Frau "genau zu kennen" und mitteilen, wie überschreitend ich ein solches Verhalten finde. Die Antwort, oft, Sie ahnen es: "Das war nett von mir gemeint. Warum gleich so aufbrausend? Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht, du gibst etwas vor, was du nicht bist! In Wahrheit hasst du Männer."

Kürzlich sagte eine Kollegin zu diesem Thema: Resignation bringt nichts. Wir müssen weitermachen. Wir haben viele Männer auf unserer Seite. Der Schlüssel: Kommunikation. Ja, richtig, doch das heißt nicht, dass ich nicht im Besitz einer großen Bratpfanne bin. Aber die Männer, die mich "in- und auswendig kennen", wissen das ja bestimmt längst. Zwinkersmiley.

Quelle: ntv.de