Leben

Vergessene Künstlerinnen So weiblich war das Bauhaus

Mehr Studentinnen als Studenten schrieben sich 1919 am Bauhaus ein. Doch schon bald waren sie in der Unterzahl. In die Geschichtsbücher schafften es Männer. Dabei haben Frauen die Bauhaus-Idee maßgeblich mitgeprägt - unter anderem mit Teekanne, Fotografien und Flachdach.

1926 versammeln sich die Lehrenden des Bauhauses für ein Gruppenfoto auf dem Dach des Schulgebäudes in Dessau. Um Direktor Walter Gropius scharen sich elf Männer. Und eine Frau. Gunta Stölzl, die Leiterin der Weberei, wird während des 14-jährigen Bestehens des Bauhauses die einzige weibliche Lehrkraft bleiben, die je die Position einer Meisterin bekleidet.

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Gruppenfoto auf dem Dach: Als einzige Bauhaus-Meisterin ist Gunta Stölzl rechts im Bild zu sehen.

(Foto: imago stock&people)

Das Bild hat Symbolcharakter. Es zeigt, wie die Designschmiede über Jahrzehnte hinweg in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde: als männlich. Dass jedoch Frauen die Marke Bauhaus maßgeblich mitgeprägt haben, kam in den Geschichtsbüchern bisher kaum vor.

Zum 100. Gründungsjubiläum der Kunstschule rücken die Bauhäuslerinnen nun in den Fokus, dafür sorgen zahlreiche TV-Dokumentationen und Filme. Und jede Menge Bücher. Zum Beispiel erzählt Theresia Enzensberger in ihrem Roman "Blaupause" von der latenten Frauenfeindlichkeit im Bauhaus-Alltag. In der Romanbiografie "Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus" schreibt Jana Revedin über das Leben der Ise Gropius. Elizabeth Otto und Patrick Rössler wiederum spüren in ihrem reich bebilderten Band "Frauen am Bauhaus" in 45 Porträts den beruflichen und persönlichen Lebenswegen von 45 der Künstlerinnen nach.

Verheißungsvoller Beginn

Aus weiblicher Sicht hatte die Geschichte des Bauhauses verheißungsvoll begonnen. Politisch herrschte 1919 Aufbruch, Frauen duften erstmals wählen und als Abgeordnete in die Nationalversammlung einziehen. Auch die Studienvoraussetzung der Kunstschule klang nach einer kleinen Revolution. "Als Lehrling aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht", hieß es in dem von Gropius veröffentlichten Manifest.

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Bauhaus-Ausweis von "Meister" Gunta Stölzl.

(Foto: Wikipedia / Sascha-Wagner)

Da ihnen der Zugang zu den meisten Kunstakademien in Deutschland verwehrt war, lockte diese Aussicht viele Frauen ans Bauhaus. Insgesamt studierten und arbeiteten 462 Bauhäuslerinnen an den drei Standorten in Weimar, Dessau und Berlin. Im ersten Jahr waren sie leicht in der Überzahl: 84 Studentinnen und 79 Studenten immatrikulierten sich. Und das, obwohl Frauen 180 Reichsmark Studiengebühr zahlen mussten - ihre Kommilitonen nur 150.

Die Hoffnung der Bauhäuslerinnen auf gleichberechtigtes Lernen wurde jedoch schon bald enttäuscht. Viele der Meister vertraten frustrierende Meinungen: Genie sei ausschließlich männlich (Paul Klee) und Frauen könnten - im Gegensatz zu Männern - nur zweidimensional sehen und sollten daher "in der Fläche" arbeiten (Johannes Itten).

"Wo Wolle ist, ist auch ein Weib"

Aus Angst, dass die Beteiligung von zu vielen Frauen sich negativ auf den Ruf des Bauhauses auswirken könnte, wurde 1920 nur noch ein Drittel der Studienplätze an Studentinnen vergeben. Zudem wurden sie in eine extra eingerichtete "Frauenklasse" gedrängt, die schließlich in der Weberei aufging. Denn, so spottete Oskar Schlemmer: "Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt und sei es nur zum Zeitvertreib."

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Die Tate Modern in London würdigte die Leistung von Anni Albers 2018 mit einer großen Einzelausstellung.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Viele der Frauen hatten zunächst andere künstlerische Pläne verfolgt. Nun aber setzen zum Beispiel Anni Albers, Benita Koch-Otte oder Lena Meyer-Bergner Maßstäbe in der Weberei. Der Textilbereich entwickelte sich zu einer der produktivsten und lukrativsten Abteilungen und trug wesentlich zur Finanzierung des Bauhauses bei. Vor allem unter ihrer Meisterin Stölzl - die dennoch weniger verdiente als ihre Kollegen und nur zeitlich befristete Arbeitsverträge bekam. Dass sie auch als Ehefrau und Mutter darauf bestand, ihre Führungsposition behalten zu können, war für viele ein Tabubruch. Nach Anfeindungen innerhalb der Webklasse und antisemitischen Vorfällen verließ sie das Bauhaus.

Eine Teekanne wird Kult

Nur wenige Bauhäuslerinnen schafften es, sich in anderen Bereichen als der Weberei durchzusetzen. So war Marianne Brandt die einzige Frau, die in der Metallklasse arbeiten durfte. Die von ihr entwickelte Teekanne sowie ihre Deckenlampe können als Musterbeispiele für das Leitmotiv des Bauhauses - die Symbiose von Kunst und Handwerk - gelten. Beide sind Designklassiker geworden.

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Marianne Brandt gestaltete ihre Teekanne nach den Formprinzipien des Bauhauses.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Brandtsche Original-Teekanne wurde 2007 für über 360.000 Dollar verkauft - und führt direkt zu einer weiteren Bauhaus-Frau: Lucia Moholy machte 1924 ein Foto von einem der Kännchen. Viele der Aufnahmen von Gebäuden, Arbeiten und Persönlichkeiten, die unser heutiges Bild vom Bauhaus bestimmen, stammen von ihr. Als die Fotografin 1933 überstürzt aus Deutschland fliehen musste, landeten die Negative zur Aufbewahrung beim Ehepaar Gropius. Erst nach heftigem Streit erhielt Moholy 230 Negative zurück. Ursprünglich waren es 560 gewesen.

Auf etlichen von Moholys Fotos ist das architektonische Bauhaus-Merkmal schlechthin zu sehen: das Flachdach. Als erste Bauhaus-Studentin hat es Friedl Dicker entworfen, die nach ihrer Ausbildung erfolgreich als Architektin arbeitete. In Theresienstadt, wohin die Jüdin von den Nazis deportiert wurde, unterrichtete sie heimlich Kinder im Malen und Zeichnen. 1944 wurde Dicker in Auschwitz ermordet. Mindestens acht weitere Bauhäuslerinnen kamen in NS-Vernichtungslagern ums Leben.

Brüchiger Erfolg

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Viele der Frauen wurden 1933 mit einem Berufsverbot belegt - weil sie jüdisch waren, sich politisch engagierten oder ihre Werke zur "entarteten Kunst" gezählt wurden. Einige Frauen überlebten den Krieg in Deutschland, teils weil sie mit den Nazis kollaborierten, andere gingen ins Exil. Doch ihr beruflicher Erfolg "war brüchig", so Otto und Rössler. Für viele sei es unmöglich gewesen, sich die zerstörte Karriere in der neuen Heimat oder im Nachkriegsdeutschland neu aufzubauen.

Vielen gelang es trotzdem, gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen, die Idee des Bauhauses in die Welt zu tragen. Und so könnte sich in Zukunft ein anderes Bild vom Bauhaus durchsetzen als das Gruppenfoto von Dessau. Neben den Namen Walter Gropius, Wassily Kandinsky oder Paul Klee stehen dann gleichberechtigt die von Frauen wie Marianne Brandt, Friedl Dicker oder Lucia Moholy.

Quelle: n-tv.de

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