Leben

Langjährige Partnerschaften So wird Sex wieder zum Vergnügen

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Nur der Gummibaum sieht den beiden zu.

(Foto: imago)

Eine gute Beziehung zu führen, ist auch Arbeit. Die Zeit und das Leben verändern uns. Doch was tun, wenn die Leidenschaft nachlässt und einer mehr Lust hat als der andere? Die Lösung kennen auch Sie.

"Heute nicht, Schatz!", sagt Sarah zu ihrem Freund Marc und wendet sich ein bisschen genervt ab. Die beiden sind seit vier Jahren ein Paar. "Was ist denn nun schon wieder los?", fragt Marc mit vorwurfsvollem Blick. In letzter Zeit hatten die beiden immer weniger gemeinsamen Sex, und wenn Marc ehrlich ist, ist er es langsam leid, von seiner Liebsten ständig abgewiesen zu werden. Auf Nachfragen bei seinem besten Kumpel, wie es bei ihm denn so im Bett laufe, hörte er immer nur: "Alles prima, ich kann mich nicht beklagen. Meine Frau ist im Bett unersättlich. Wenn es nach ihr ginge, hätten wir jede Nacht Sex."

Auch Marcs Kumpel lebt in einer langjährigen Beziehung, und gewiss möchte man ihm nicht unterstellen, dass er hier und da vielleicht ein wenig flunkert und die heimischen Bettgeschichten ausschmückt. Schließlich gibt es durchaus Paare, die ein sehr reges Sexleben aufrechterhalten - und das sogar über Jahre hinweg.

Nachdem Sarah Marc also ein weiteres Mal abgewiesen hat, findet er nicht in den Schlaf und beschließt, auf der heimischen Rudermaschine eine kleine Sporteinheit einzulegen, um sich abzulenken. Ein bisschen Wut ist auch dabei, Marc fühlt sich, als würde er seine Frau bedrängen.

Mit Musik im Ohr beginnt er zu rudern und denkt an die Zeit zurück, als er und Sarah sich kennenlernten. Nie zuvor hatte er so intensiven Sex gehabt. Noch immer fällt ihm zu ihren ersten gemeinsamen Nächten nur ein einziges Wort ein: atemberaubend. Sarahs Lust war so ungezügelt, wie sie auch hemmungslos war. Wenn er ihr kleine schmutzige Dinge ins Ohr flüsterte, kicherte sie verschmitzt und wurde nur noch erregter. Und natürlich ist Marc klar, dass diese sexuelle Anziehungskraft irgendwann abebbt. Aber schon nach vier Jahren? Ist das nicht ein bisschen früh? Und dann schwärmt ihm sein Kumpel auch noch von seinen Schlafzimmer-Abenteuern vor, obwohl er und dessen Frau doppelt so lange zusammen sind.

"Lieber Qualität statt Quantität"

Marc fühlt sich schlecht. Und auch ein bisschen schuldig. Für beides aber gibt es nicht den geringsten Anlass, denn Marc ist liebevoll, nachsichtig und ein fantastischer Liebhaber. Tatsache aber ist nun mal, dass die ungezügelte Lust mit der Zeit nachlässt. Das ist vollkommen normal und vor allem: niemandes Schuld. Das schreiben auch die Autorinnen Nina Brochmann und Ellen Støkken Dahl in ihrem gemeinsamen Buch "Viva la Vagina! Alles über das weibliche Geschlecht". Genauso wie eine Beziehung kühlt die brodelnde Leidenschaft mit der Zeit ab. Vielmehr gilt dann "Lieber Qualität statt Quantität".

Marc erinnert sich an die ersten Wochen, als er und Sarah noch in getrennten Wohnungen lebten. An das Knistern, wenn sie sich sahen. Die Aufregung, die er vor einem Date verspürte. An Sarahs Leidenschaft. Nun liegt sie oft mit einer ausgeleierten Jogginghose neben ihm im Bett, auf ihrem Kopf ein Dutt, der wie ein mittelgroßes Vogelnest aussieht, und liest ein Buch - während er seine Lust mit einem Porno stillt.

Aber was kann er tun? Zunächst einmal sollte er aufhören, der "guten alten Zeit" hinterherzutrauern und seinen Kumpel um dessen vermeintlich wahnsinnig gutes Sexleben zu beneiden. Der zweite Schritt: weder sich noch Sarah Vorwürfe machen, und mit ihr reden. Denn laut einer kanadischen Studie, an der mehr als 30.000 Probanden teilnahmen, war das Liebesleben all jener, die mit ihrem Partner offen und ehrlich über ihr gemeinsames Sexleben kommunizierten, gleich viel weniger eingerostet.

"Sex hat immer einen Kontext"

Es ist auch nicht so, dass Sarah und Marc gar keinen Sex mehr miteinander haben. Sarah empfindet die wenigen Male, die sie im Monat miteinander schlafen, sogar um einiges intensiver als zu ihrer Anfangszeit. Sie kennen einander, und für Sarah ist diese Vertrautheit einer der Gründe, sich an Marcs Seite glücklich zu fühlen. Wenn sie jetzt ihrem Partner noch erklärt, dass weibliche und männliche Lust unterschiedlich funktionieren und dieser Umstand nicht im Geringsten etwas mit ihm zu tun hat, sind die beiden schon einen großen Schritt weiter.

So verspüren die meisten Männer auch nach drei Jahren noch genauso viel Feuer wie am Anfang der Beziehungen, während bei Frauen der Drang, oft und viel Sex zu haben, bereits nach einem Jahr deutlich nachlässt. Auch die Art der Lust ist bei beiden Geschlechtern unterschiedlich ausgeprägt. So schreibt die Sexologin Emily Nagoski in ihrem Buch "Komm, wie du willst: Das neue Frauen-Sex-Buch": "Nur 15 Prozent der Frauen verspüren spontan Lust auf Sex. (...) Denn anders als bei Männern sind bei Frauen die anatomischen Unterschiede sehr viel größer - jede Frau empfindet anders und reagiert individuell auf sexuelle Reize. Und Sex hat immer einen Kontext: Alltag, Probleme, Stress spielen eine Rolle, wenn es um Erregung, Lust und Orgasmus geht."

Dass Marc sich nicht grummelnd zurückzieht und offen anspricht, dass er gern öfter mit Sarah schlafen würde und sich von ihr so manches Mal unsensibel zurückgewiesen fühlt, ist der wichtigste Schritt überhaupt. Und er ist viel mehr als nur ein guter Anfang für ein bewussteres und intensiveres Sexleben.

Quelle: ntv.de