Leben

Die Stunde Null Stellt euch nicht so an!

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Berlin ist zu Hause ...

(Foto: imago images/Sabine Gudath)

"Ich höre nur mein eigenes Herz schlagen, es macht mir Angst." Eine Bekannte in Straßburg kämpft um ihr Leben - und wir jammern, dass wir nicht raus dürfen. Die Autorin schließt sich selbst ein in die Reihen der Jammerer, wird sich aber noch mehr am Riemen reißen.

Die meisten Menschen werden diese schreckliche Zeit, in der wir jetzt leben, überstehen: Wir bleiben zu Hause, haben es zu großen Teilen ganz gut dabei und versuchen, diese Zeit möglichst sinnvoll zu nutzen. Wer Arbeit hat, kann arbeiten und gleichzeitig Wäschewaschen; das ist toll, vor allem, wenn die bereits ausgezogenen Kinder wieder da sind und dementsprechend mehr Wäsche anfällt. Wer endlich mal seine Yoga-App durchturnen wollte, tut dies endlich, und wer ein Buch schreiben möchte, hätte nun die Gelegenheit - wenn er sich konzentrieren kann. Denn die Ablenkung ist ja trotz allem groß: Lustige Videos und Gifs machen die Runde, wir telefonieren mit unseren Freunden, wir experimentieren in der Küche, es könnte schlimmer sein. Wohlgemerkt gilt diese positive Betrachtungsweise nur für diejenigen, denen es gesundheitlich und wirtschaftlich gut geht.

Denn ich höre leider von meinem Nachbarn am Gartenzaun (selbstverständlich mit Zwei-Meter-Abstand), dass ein Bekannter mittleren Alters auf einer deutschen Ferieninsel gestorben ist, an Covid-19. Ich frage vorsichtig nach Vorerkrankungen, um mit einem erleichterten: "Puh, ja, mit COPD ist das gerade 'ne harte Zeit" murmeln zu können - hatte er aber nicht. Weder alt noch krank noch sonst was, ja, hat mal 'ne Zigarre gepafft, aber das erschien uns bisher nicht als Grund, um an einem Virus zu versterben. Ich weiß nichts zu sagen.

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Das gab's noch nie: Nüscht los in der Schönhauser Allee ...

(Foto: imago images/Seeliger)

Ich höre von Freunden, dass in Straßburg die Medikamente ausgehen und auch dort Menschen, die nicht zu den typischen Risikogruppen gehören, um ihr Leben kämpfen. Eine betroffene Freundin von meinem ja bereits mehrfach zitierten Freund M., der just selbst seine Corona-Erkrankung überstanden hat, schrieb: "Ich kann nicht schlafen, mein Herz schlägt so schnell, dass ich nur noch das Schlagen höre, ich habe Angst." Vorgestern sind ihre Sauerstoffwerte im Blut rapide gefallen und sie konnte kaum atmen. Sie ist nun an der Lungenmaschine. Ha, werden Sie jetzt sagen, die Frau ist sicher alt! Oder hatte eine Vorerkrankung, raucht wie ein Schlot und war überhaupt eine sehr übermütige Person. Oder? Nein. Sie ist eine 41 Jahre alte, verantwortungsvolle Mutter, eine wunderschöne Frau, eine Frau mit Esprit und Charme. Ein für ihre Freunde sehr wertvoller, liebenswerter Mensch. Wir wollen nicht, dass unsere Freunde sterben.

Wann ist das Virus mit uns fertig?

Auch mein Freund M. kann nun nicht schlafen. Teilweise, weil Vollmond ist und seine Fantasien mit ihm durchgehen: Er glaubt inzwischen, dass er Nicolas Cage ist und mit Cher in New York steht und den Mond anheult, "La luna!" Er hat einfach zu viel Netflix geschaut in den letzten Wochen und selbst "Mondsüchtig" von 1987 auf einer alten DVD gefunden. Nein, er schläft vor allem deswegen nicht, weil er an seine Freundin in Straßburg denkt, und er erstickt fast bei diesem Gedanken, aus Angst. Wenn wir sonst unter Alpträumen leiden, dann werden wir wach, schütteln uns und wissen, dass es nur ein Traum war. Momentan werden wir einfach nicht wach aus diesem Traum, er geht weiter und bringt jeden Tag neue Zahlen, die uns erschüttern. Und jeder Lichtstreifen am Horizont wird auferstehungsartig gefeiert.

Werden die Sommerferien jetzt eigentlich verschoben? Denn bis die beginnen, sind wir mit diesem Virus hier wahrscheinlich noch nicht fertig. Oder sollte es besser heißen: Ist dieser Virus mit uns noch nicht fertig?

Meditieren, trösten, abwägen, Joghurt essen?

Was hilft also? Hilft es, ältere Menschen zu befragen, ob es eine solche - oder ähnliche - Situation wie diese schon gegeben hat? Hilft uns die Queen, die ein Musterbeispiel an Durchhaltevermögen ist, die mit ihren fast 94 Jahren zu uns über alle verfügbaren Medien gesprochen hat (ja, sie sprach zu uns allen, nicht nur zu den Briten!), die uns aus dem Zweiten Weltkrieg berichtete, als sie noch ein junges Mädchen und Fahrzeugmechanikerin war? Ja, es hilft irgendwie: Klein und souverän saß sie da in ihrem moosgrünen Kleid, und ab und zu wackelte sie mit ihrem perfekt frisierten Kopf, den eine Krone erstaunlich vieler Haare zierte. Königin Elisabeth II. sprach von Härte, Durchhalten und Disziplin, sie richtete sich an Gläubige und Nichtgläubige. Sie riet dazu, zu beten. Oder zu meditieren!

Meinen Vater frage ich. Er ist über 80 und erinnert sich am besten an die Dinge, die früher waren. Er ist irgendwie fassungslos, denn eine solche Situation hat er, das Kriegskind, noch nicht erlebt. Wir erinnern uns gemeinsam an die Zeit der Schweinegrippe vor ein paar Jahren, als vermehrt Menschen mit Atemschutzmasken in den Urlaub geflogen sind, aber so etwas wie jetzt, nein, das kennt er nicht. Mein Vater saß im Luftschutzkeller, während die Bomben auf Berlin geflogen sind. Daran erinnert er sich jedoch nicht gern und ich mag nicht bohren. Denn jetzt sitzt er im Altersheim - er darf nicht raus, und ich darf nicht rein. Mein Vater rät mir, Geduld zu haben, denn er weiß, dass das nicht meine Stärke ist.

Dann frage ich noch meine Freundin Professor Maria Baltadzhieva, eine angesehene Ärztin und Wissenschaftlerin in Bulgarien, die ebenfalls über 80 Jahre alt ist. Sie forscht unermüdlich, natürlich an ihrem Liebling, dem Lactobacillus Bulgaricus, denn der ist ihre Geheimwaffe. An eine solche Situation, wie wir sie im Moment weltweit haben, erinnert auch diese belesene Frau sich nicht. Sie schreibt mir aber zur Situation in ihrer Heimat: "Es sieht so aus, als hätten wir Bulgaren eine ganz schön hohe Widerstandskraft. Wahrscheinlich liegt das daran, dass wir unser ganzes Leben lang schon ausgezeichneten Joghurt essen."

Ich kann mir in diesem Moment sehr gut vorstellen, dass sie ein bisschen und vor allem sehr mädchenhaft kichert, während sie das schreibt, denn sie weiß, dass ich nicht an Wunder glaube. Ich möchte aber an Wunder glauben. Wie Bulgarien mit dem Virus umgeht, will ich von ihr wissen, und sie antwortet - natürlich nicht, ohne mich zu belehren: "Viren verbreiten sich schon immer auf der Welt, mal mehr und mal weniger heftig, und Epidemien gibt es seit Jahrtausenden. Ein Virus kennt keine Grenzen, keine Länder. Wir modernen Menschen müssen uns aber endlich klar darüber werden, wie schlecht wir mit unserer Umwelt umgegangen sind, überall!"

Etwas genauer, Maria, bitte ich sie: "Die Gesundheit der Menschen steht in direktem Zusammenhang mit der Gesundheit der Tiere und natürlich auch mit dem Zustand unserer Erde. Wenn wir sie weiterhin so ausbeuten, dann ist es wirklich kein Wunder, wenn uns Epidemien heimsuchen."

Träumen von einer besseren Welt

Die Professorin weiß, dass wir alle an einem Strang ziehen müssen: Sie steht mit ihren Wissenschaftskollegen auf der ganzen Welt in Verbindung, "und wer etwas herausfindet, gibt sein Wissen selbstverständlich an die Kollegen weiter". Was hilft ihr durch diese Zeit, möchte ich noch wissen: "Meine Träume. Ich träume schon immer von einer besseren Welt. Und natürlich nehme ich meine Probiotika und mein Joghurt zu mir, wie immer. Beides hat mich schon immer stark gemacht."

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Ich fasse zusammen: Achtsamkeit, Geduld und Träume bringen uns weiter. Und ich hol' mir jetzt erstmal ein Joghurt.

Nachtrag: Der Freundin in Straßburg geht es besser, die Medikamente aus Berlin haben angeschlagen, sie macht kleine Fortschritte.

Quelle: ntv.de

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