Leben

Die Stunde null Don't Waste The Crisis

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Lesetipp: "Die Liebe in den Zeiten der Cholera", von Gabriel Garcia Marquez. (Foto:Giovanna Mezzogiorno und Benjamin Bratt in der Verfilmung von 2007)

(Foto: imago/Prod.DB)

Das mit dem empfohlenen Entspannen in der Corona-Krise ist lieb gemeint, aber auch gar nicht so einfach, weil es bei vielen schlicht um die Existenz geht. Sollten wir die Zeit nicht lieber nutzen und die angestaute Energie zum Gründen und Erneuern und Nachdenken nutzen?

Warum nutzen wir die Zeit, die wir nun alle haben, nicht mal dafür, etwas Sinnvolles zu tun? Eine Sprache lernen? Ein Instrument? Ein Buch schreiben, ein App austüfteln oder was Nützliches erfinden? Von ganz viel Entspannung und zu sich kommen ist überall die Rede, aber das ist doch sauschwer! Und wie wird es sein, wenn wir alle in unseren Alltag zurückkehren, tiefenentspannt, und uns dann der ganz normale Wahnsinn wieder um die Ohren fliegt? Das ist kein Urlaub jetzt, das ist die Zeit, in der wir neu denken sollten! Also, verplempert eure Zeit nicht, Leute, sondern macht! Gründet! Eine Firma, eine Familie, besinnt euch auf das, was ihr schon immer mal tun wolltet (außer die Füße hochzulegen) und haut rein! Die Welt ist nicht stehengeblieben, sie dreht sich tatsächlich weiter!

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Das Buch "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" hat mir natürlich M. empfohlen. Zitat: "Wir haben keine andere Welt, in die wir auswandern können."

(Foto: imago/Prod.DB)

Ich bekomme Briefe aus der Quarantäne, Mails natürlich, mein Freund M. hat es, seine Familie auch: Covid-19 (Coronavirus Sars-CoV-2). Jetzt sitzen sie da, zu dritt, das ist eine ganz neue Situation, denn sie reisen gern und oft. M. hat alle scharfen Gegenstände weggeschlossen, denn F. versucht bereits, Waffeln mit dem Bügeleisen zu backen und K. hat Liebeskummer. M. versucht F. das Stricken beizubringen und wird die Bundesgartenschau gewinnen, so grün ist der sonst etwas vernachlässigte Balkon ob der hingebungsvollen Pflege. Dekorativ: die Kartoffeln und Äpfel, wie bei Omma nach'm Krieg.

M. verbreitet Optimismus unter seinen Freunden, obwohl er zu den wenigen gehört, die "es erwischt hat". Der Kühlschrank ist voll - das ist er immer - aber er ist nun anders voll: Haltbarer, nahrhafter, reeller. Auf Wiedersehen, Kaviardosen und Trüffelöl, willkommen H-Milch, Hartkäse und Leinöl. Statt Sportstudio und Tennisplatz sind nun Yoga und Meditation auf der heimischen Matte angesagt. Die Frage steht im Raum: Werden die Scheidungsanwälte die Gewinner der Krise sein? Oder die Hebammen? Wir wissen es noch nicht, keiner, auch wenn manche meinen, sie wüssten mehr. Dabei ist das Einzige, was wir jetzt tun sollten, uns nicht nur auf das Negative zu fokussieren. Gar nicht so einfach, schon klar, aber das Leben nach Corona wird weitergehen. Nicht so, wie wir es gewohnt waren. Anders. Aber anders kann ja auch besser sein.

Immerhin - es setzt Erholung ein, die Natur regeneriert sich, wir auch? Man wird von Vogelgezwitscher wach, nicht vom Wecker. Man hält einen Spiegel vor die Nase des neben sich liegenden Partners, um zu testen, ob er noch atmet. Das ist ja schon lange nicht mehr vorgekommen, so zu verschlafen! Apropos Partner - froh kann nun sein, wer eine/n hat.

Bürogeräusche-App für Workaholics

Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem alles erledigt sein wird. Was tun, wenn nichts zu tun ist? Auch da weiß M. Rat: Der Teil, der nicht so versiert ist in Sachen Haushalt, wird mit Aufgaben beschäftigt, zum Beispiel den Entsafter zusammenbauen. Das dauert Stunden und sorgt für Freude am nächsten Morgen, wenn es dann Apfel-Karotte-Ingwer-Saft gibt. Herrlich, und jetzt? Jetzt schnell die "Bürogeräusche"-App installiert und angemacht, damit der andere das geborgene Gefühl hat, nicht so allein zu sein in seinem Homeoffice.

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"Egal, was auch passiert, niemand kann dir die Tänze nehmen, die du schon getanzt hast."(Auf beiden Fotos: Giovanna Mezzogiorno und Javier Bardem)

(Foto: imago/Prod.DB)

Pling! Facebook sagt: "Sabine, du denkst bestimmt gerne an diesen Beitrag von vor einem/zwei/acht Jahren zurück." Und ob ich das teilen will mit meinen Freunden? Ich weiß nicht. Es macht ein wenig traurig, zu sehen, was man so alles vor einem/zwei/acht Jahren gemacht hat. Und jetzt nicht. Wie sorglos man vielleicht sogar war. Zu sorglos. Immerhin: Lang verschollen geglaubte Freunde rufen an, man ruft sie selbst an, obwohl man telefonieren bis vor 10 Tagen noch abgrundtief gehasst hat. Bei M. ruft aber auch das Gesundheitsamt an, er findet, es ist wie eine Telefon-Therapie, so nett waren die, und kostenlos! Und das sogar am Sonntagmorgen! Big Brother is watching you!

Sein Geheimnis verrät M. mir zum Glück auch noch, denn ich suche noch nach Struktur in dem neuen Alltag: Jeden Tag nur ein Projekt! Da ist M. mir echt voraus, ich fange 100 Dinge an. Denn man muss sich seinen Corona-Tag schon vernünftig einteilen, es sind ja keine Ferien. Apropos, die eine Tochter ist im Homeschooling und macht mehr als je zuvor für die Schule, es werden Class-Conferences gehalten, 28 Beteiligte plus Lehrerin chatten/facetimen/whatever, kein Problem, Zoom macht's möglich. Nebenan sitzt die andere Tochter und lernt für die Uni. Wann es weitergeht, weiß man nicht, aber Psychologen wird man auf jeden Fall immer mehr gebrauchen können! Alle Freunde aus allen Ländern sind nach Hause zu den Eltern in die sicheren vier Wände gekommen, das ist schön! Dass man sich nun gar nicht treffen kann, ist blöd, wird aber dennoch vollkommen akzeptiert und durchgezogen. Logisch.

Außerhalb meines Tellerrandes

Ich hatte meinen Lagerkoller bereits vor der amtlich verordneten Lagerbildung: Die Vorstellung, auf irgendeine Art und Weise eingesperrt zu sein, hat mich vollkommen nervös gemacht. Freunde in Bayern erzählten mir, wissend lächelnd (so stelle ich mir das vor), dass sie diese Phase bereits durch hätten, sie sind ja eine Woche weiter als wir in Berlin. Es fällt mir ehrlich gesagt schwer, die Zeit nun als eine Zeit der tollen Entspannung zu betrachten, "endlich Zeit für mich"! Endlich Homeoffice! Endlich mal alles erledigen, was sich so angestaut hat in den letzten zehn Jahren. Überhaupt nicht entspannt bin ich, warum auch? Die Welt, wie wir sie kannten, fällt auseinander. Ich mochte meine Welt. Ich weiß, dass nicht alles gut war. Schon gar nicht jenseits meines Tellerrandes. Und trotzdem.

Mir tun die kleinen Kinder jetzt leid, die von entnervten Eltern beschult werden, die großen, die keinen Abiball haben (und kein Abi? Kein MSA?), die ihre Präsentationen schon so gut wie fertig hatten, die Kinder, deren Klassenreisen ausfallen und das Austauschjahr mit den Schulen in London oder Paris oder Kanada. Jammern auf hohem Niveau, schon gut, Sie können sich die Mail sparen - mir ist bewusst, dass andere Kinder kein Dach über dem Kopf haben.

Alles hängt mit allem zusammen, das ist mir jedoch endgültig klarer geworden. Und ja, wir werden - hoffentlich - schlauer aus dieser Krise herausgehen. Ich sogar gesünder, denn ich detoxe. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich verspreche mir täglich, dass ich meinen Kindern verspreche, dass alles gut wird. Ich vertraue auf die Vernunft. Bisher. Leere Regale lassen anderes vermuten, aber immer noch glaube ich daran, dass wir im Sommer verreisen werden. Vielleicht nur auf den Balkon, in den Vorgarten, den nächsten Park. Solange mache ich jetzt etwas Nützliches - und ich sortiere meine Fotos, das wollte ich schon seit zehn Jahren erledigen.

Quelle: ntv.de