Leben

One Woman Show Welcome to Armageddon

ows_coronamaske.jpg

Die "One Woman Show" müsste dieses Mal eigentlich "We Are All In This Together Show" heißen.

Hygge, hygger, am hyggsten - die neue Gemütlichkeit zu Hause ist auch bei mir angekommen. Ich räume, mache Hausaufgaben, heule verpassten Reisen nach, lasse mich beschimpfen und drücke schnell auf die "Vorspulen"-Taste. Frage an David Bowie da oben: "Where Are We Now"?

Man wird ja bescheiden: Der Gang vor die Haustür oder an den Gartenzaun, um mit einem Nachbarn zu plaudern, ist jetzt das, was früher mal der Abend mit Freunden in einem Restaurant war. Der Weg zum Job - wenn man noch raus darf - kommt geradezu einem Partyfeeling gleich (was zieh ich heut' bloß an?), und die Fahrt zum Blumengroßhändler oder in den Baumarkt am Wochenende ist quasi der Flug nach Ibiza. Wir lernen wieder zu laufen. Im buchstäblichen Sinne, wir haben ja Zeit und brauchen Bewegung. Spazieren gehen ist das neue Workout of the Day. All das, was wir vorher quälend versucht haben, uns selbst aufzuerlegen - Ruhe reinbringen, die kleinen Dinge wertschätzen - passiert nun quasi von selbst.

miami1.jpg

Herbstferien vielleicht?

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Endlich auch Zeit für Slow Food, also Selbstgemachtes, zum Beispiel: Freundinnen von mir, von denen ich immer gedacht habe, dass sie die Küche meiden wie der Teufel das Weihwasser, backen plötzlich die wunderbarsten Kreationen, versorgen Krankenhaus-Personal mit Köstlichkeiten und ich screenshotte mir die Fotos mit Rezepten für die leckerste Süßkartoffelsuppe, denn ich koche vor. Andere nähen "Atemschutzmasken" in High-Fashion-Qualität. Ich selbst versuche meiner Tochter zu erklären, warum die BIP-Tabelle in ihrem Politische-Weltkunde-Buch von 2014 nicht mehr stimmen kann und was das Coronavirus jetzt mit uns und dem aktuellen BIP machen wird. Normalerweise bin ich um diese Hausaufgabenzeit nicht zu Hause.

Schlagartig wird mir klar, dass "nach Corona" (n.C.) vielleicht nichts mehr so sein wird wie früher, weil ich just in diesen Tagen eigentlich unsere Koffer für die Osterferien packen würde. Fällt aus, und ich verfalle augenblicklich in eine Depression. Meine Freundinnen-Whats-App-Gruppe versucht mich aufzuheitern, sie "huggen" mich virtuell und raten, es mir "hygge" zu machen. Noch hygger? Wie soll das gehen? Mein Mann findet, ich sei eine egoistische Tante, die nicht daran denkt, dass es anderen viel schlechter geht als ihr selbst. Er hat natürlich Recht, und dass ich das hier schwarz auf weiß hinschreibe kann nur daran liegen, dass ich damit rechne, dass wir noch eine Weile Ausgangsbeschränkungen haben werden und ich Ostern echt gerne friedlich über die Bühne kriegen würde.

Ich habe es immerhin geschafft, mehr Struktur in meinen Tagesablauf zu bringen, ich eiere aber irgendwie immer noch von einer Sache zur nächsten. Disziplin, Sabine, Disziplin!! Es ist schon besser geworden, aber 'ne Königin bin ich auf dem Gebiet nicht. Ich lerne das jetzt. Ein Projekt, ein Schritt nach dem anderen. Tatsächlich muss nun auch wirklich niemand mehr irgendetwas gleichzeitig (Multitasking - eine Sache aus dem letzten Jahrhundert?) tun, es sei denn sie sind Ärzte, Krankenschwestern, Regal-Einräumer oder Kassiererinnen.

Schöne neue Welt

Wir haben ja Zeit, also einige von uns. Nehmen wir das mit in die neue Zeit? Werden wir weniger hetzen? Weniger reisen? Weniger Dreck machen? Weniger Stress machen? Weniger Stress haben? Oder werden wir in unsere alten, über Jahrzehnte erlernten Muster zurückfallen, schneller, höher, weiter? Wie werden wir uns eigentlich begegnen, wenn "das" vorüber ist? Ganz vorsichtig, ganz zart? Wie ein neues Liebespaar? Und was wird in der Bussi-Bussi-Gesellschaft abgehen? Nix mehr Küsschen links, Küsschen rechts? Wenn wir Freunde einladen, bringen wir dann ein Achter-Pack Klopapier mit statt Prosecco oder Blumen? Und essen wir erstmal unsere ganzen Vorräte an Dosenbohnen und Nudeln auf, bevor wir wieder ein Steak auf den Grill schmeißen? Wollen wir noch Steak? Bekommen wir noch Steak? Hat der Metzger denn überlebt? Oder sind wir vegan geworden über die letzten Wochen?

miami2.jpg

Wird die Welt uns weiterhin offen stehen?

(Foto: imago images/MediaPunch)

Die Sehnsucht nach der Zukunft ist groß, der Wunsch, auf die "Vorspulen"- beziehungsweise "Überspringen"-Taste zu drücken ebenso. So hatten wir uns das nicht vorgestellt, als wir unseren Freunden Silvester ein wunderbares Jahr gewünscht haben, ein leichteres als 2019! Oh, wie ich 2019 vermisse! Aber ich darf ja nicht jammern, mir geht's gut. Ich habe ein Dach über dem Kopf, der Kamin bollert, niemand bedroht mich und ich muss mich - jedenfalls momentan - nicht um meinen Arbeitsplatz sorgen. Meine Familie ist bei mir, ich bin nicht allein. Mein Fahrrad fährt, sonst wär's blöd, der Reparaturservice hat nämlich eine Wartezeit von zwei Wochen.

Welcome to Armageddon

Aber: Wann trauen wir uns wieder zu unseren alten Eltern, wann laden wir sie wieder ein? Es kommt einem brutal vor, nicht ins Heim zu dürfen, wo der Vater sitzt und vergisst, was los ist. Nicht in die Heimat fliegen zu dürfen zu der Mutter, die allein in ihrer Wohnung nur darauf wartet, dass es endlich wieder klingelt. Mit welcher Fluggesellschaft fliegen wir eigentlich? Fliegen wir überhaupt? Haben Easyjet und Co. überlebt oder müssen wir jetzt alle 300 Euro mehr pro Flug ausgeben, weil nur noch Lufthansa da ist? Fliegen wir überhaupt in den Urlaub? Oder bleiben wir in Deutschland? Oder bleiben wir auf dem Balkon? Wird die Welt unseren heranwachsenden Kindern weiterhin so offen stehen, wie wir das seit Jahrzehnten gewohnt sind? Ich bete dafür!

Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf die Zeit ohne Mundschutz, denn wir werden wieder sehen, wie uns das Gegenüber anguckt, ob es lächelt, denn dieses Gegenüber besitzt ja eine Mimik hinter der Maske. Jetzt wäre die Zeit, den anderen mangels anderer Möglichkeiten der Gesichtserkennung tiefer in die Augen zu schauen, aber das trauen wir uns ja nicht, als ob das Virus bei längerem Augenkontakt überspringen könnte. Wie hat es der bereits von mir an anderer Stelle zitierte und hochgeschätzte Freund M. formuliert, nachdem er seine häusliche Quarantäne nach 14 Tagen verlassen und das erste Mal wieder in die freie Wildbahn durfte: "Mir wird nun draußen klar, dass ich nur den Raum gewechselt habe, ich bin immer noch drinnen, es ist nur viel größer. Jeder bewegt sich vorsichtig und versucht nichts umzustoßen, es könnte eine Lawine werden. Man muss verstehen, dass dies ein lautloses, ohne Wucht und Staub und Explosionen daher kommendes Armageddon ist. Jetzt steigen wir aus dem Hochgeschwindigkeits-Zug 'Globale-Welt' aus und erkennen, dass wir dort angekommen sind, wo keiner hinwollte. Uns fehlt jegliche Orientierung in der neuen Landschaft."

Lieber M., lass uns bald zusammen die neue Welt erkunden, langsam, und uns neu orientieren. Vielleicht wird es besser sein als zuvor. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das gilt immer.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.