Leben

"Den Moment feiern" Vom Glück, einen Brief zu schreiben

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Kein Druck durch zwei blaue Häkchen: Um einen Brief zu schreiben, kann man sich Zeit nehmen.

Alte Briefe von den Großeltern oder berühmten Persönlichkeiten üben eine große Faszination aus. Aber selbst Briefe zu verfassen, ist in Zeiten von E-Mails und Whatsapp ein wenig aus der Mode gekommen. Dabei lohnt es sich, mal wieder einen zu schreiben.

Manch einer hat ihn vielleicht noch irgendwo hinten in einem Regal stehen: einen Schuhkarton, in dem Briefe verwahrt sind, fast wie in einer Schatzkiste. Vielleicht sind einige der Kuverts sogar schon etwas angegilbt, wie es halt so ist mit alterndem Papier. Denn bei den meisten füllt sich die Kiste vermutlich schon lange nicht mehr regelmäßig. Warum auch sollte man in Zeiten von E-Mails und Messenger-Diensten einander noch Briefe schreiben?

"Wir sind heutzutage sehr ans Wischen, ans Zappen, ans Überfliegen von Texten gewöhnt, aber das Gefühl hinterher, wenn ich möglichst schnell über ein paar Seiten geflogen bin, ist ein eher unbefriedigtes", sagt Roman- und Sachbuchautor Titus Müller im Gespräch mit ntv.de. Briefe zu schreiben bringe den Menschen wieder ein bisschen bei, sich zu konzentrieren. Während bei einer Antwort auf eine Whatsapp die Uhr tickt, sobald die beiden Häkchen blau geworden sind, entfalle dieser Druck bei einem Brief. "Ich kann ihn auch nochmal zwei Tage liegen lassen, in mir die Gedanken reifen lassen und überlegen, wie ich reagieren möchte."

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Und es gibt noch einen wichtigen Grund, erklärt Müller, der zusammen mit der Grafik-Designerin Gaby Trombello-Wirkus das Buch "Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens" verfasst hat. "Mit gefällt auch das Haptische, dass der Brief eine Reise gemacht hat, dass er wirklich beim Gegenüber war und dessen Handschrift trägt."

2017 wurden hierzulande durchschnittlich knapp 60 Millionen Briefe pro Tag verschickt. Zwar sinkt die Briefmenge laut Deutscher Post jährlich um etwa zwei bis drei Prozent. Im Vergleich mit anderen Ländern ist die Zahl aber trotzdem noch hoch. Allerdings schlüsselt die Statistik natürlich nicht auf, was da für Briefe befördert werden. Mit der Annahme, dass es sich in der Mehrzahl um Werbung, Rechnungen oder Spendenaufrufe handelt und persönliche Briefe eher zu den Ausnahmen zählen, lehnt man sich aber vermutlich nicht zu weit aus dem Fenster.

Jeder bekommt gerne Briefe

Ob in Corona-Zeiten häufiger an die gute alte Briefeschreib-Tradition angeknüpft wurde, dazu gibt es keine verlässlichen Daten. Kanzlerin Angela Merkel jedenfalls hatte die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Ansprache während des Lockdowns im Frühjahr 2020 dazu ermutigt, sich mal wieder zu schreiben, um miteinander in Kontakt zu bleiben. Auch Titus Müller hat in den vergangenen Monaten häufiger zum Stift gegriffen. "Aber mir geht es wie vielen anderen auch, ich räume mir selten einen längeren Zeitblock frei und sage, jetzt mache ich eine Lampe an und habe hier das Blatt Papier, setze mich ganz in Ruhe hin und schreibe", verrät er.

Und genau das ist die Crux: Eigentlich bekommt jeder gerne Briefe und kennt die Überraschung und Freude, wenn man einen Umschlag mit handgeschriebener Adresse aus dem Kasten fischt. Aber selber einen zu schreiben, ist ein großes Angehen. Oft braucht es Anlässe, Geburtstage und Weihnachten gehören noch zu den klassischen Briefeschreib-Terminen. Auch für persönliche Worte bei Geburten, Hochzeiten oder Trauerfällen wählen viele Menschen eine Karte oder einen Brief. Und dass per Hand geschriebene Liebeserklärungen romantischer sind, als sie digital zu versenden, steht für die meisten wohl außer Frage.

Was genau macht nun aber einen guten Brief aus? "Dass er einen Moment feiert", meint Müller. Am Beispiel eines Briefes aus dem Urlaub erklärt er, dass es nicht darum gehe, die komplette Reise zusammenzufassen, sondern "dass der Moment, in dem der Verfasser gerade ist, wirklich geschildert wird und man dabei ist. Wenn man es so schafft, einen Augenblick leuchten zu lassen, dann ist der Brief schon ganz wunderbar." Es müsse auch gar nichts Außergewöhnliches sein, über das man berichte, vielleicht einfach nur ein schöner Spaziergang, ein besonders leckerer Kuchen oder eine bemerkenswerte Begegnung.

Noch ein Paradox

Ein wenig scheint das Briefschreiben Paradoxe anzuziehen. Zum einen bekommen viele Menschen lieber Briefe, als selbst welche zu verfassen. Zum anderen wird zwar seltener geschrieben, aber die Faszination für die Briefe anderer - egal ob von der Oma oder berühmten Persönlichkeiten - ist ungebrochen. "Briefe sind ja sehr privat. Man kommt dem Menschen viel näher, als wenn man nur seine Biografie hat", sagt Müller. Ein Brief sei so etwas wie ein O-Ton eines Menschen und entstehe oft an Wendepunkten im Leben, in denen er sich "hingesetzt und so richtig in seinem Inneren gegraben hat".

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Clara und Robert Schumann - dank Briefen eine Liebesgeschichte mit Happy End.

(Foto: imago/United Archives International)

Ein Beispiel dafür ist Müllers Lieblingsbriefwechsel zwischen Clara Wieck und Robert Schumann, den er in "Die fast vergessene Kunst des Briefeschreibens" neben vielen anderen dokumentiert. Als sich die beiden ineinander verliebten, verbot der Vater der damals 16 Jahre alten Clara jeglichen Kontakt. Aber die Pianistin und der Komponist schafften es, ihre Beziehung mit Briefen aufrechtzuerhalten. Ihre Zeilen fast 200 Jahre später zu lesen, berührt nicht nur, sondern vermittelt auch ein Gefühl von Authentizität. Im Gegensatz zu auf Effekt getrimmten Instagram-Storys mache genau das den Reiz alter Briefe aus, meint Müller: "Das ist nicht gefiltert, das ist nicht gescriptet, das ist echt."

Heute ist das Briefeschreiben für viele eine eher anachronistische Kulturtechnik. Mails und digitale Nachrichten haben es möglich gemacht, auf schnellem Weg in eine direkte Interaktion mit dem Gegenüber zu treten, oftmals ohne Zeitverlust, und das ist eine wirklich praktische Sache. Auf Briefe hingegen muss man warten. Manchmal auch sehr lange. Aber es lohnt sich, mal wieder einen zu schreiben: "Weil es heute kaum noch gemacht wird, hat es einen exotischen, besonderen Wert", meint Müller. "Es ist für einen selber eine Erfahrung, weil man sich sammelt und sich gute Gedanken macht. Und für das Gegenüber ist es ein tolles Geschenk."

Quelle: ntv.de