Leben

In Vino Verena Von Menstruierenden und Männerbesuchen

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Wenn die Frau zum Rasierer greift ...

(Foto: imago images/Mary Evans)

Sektkorken statt Tampons und Rasierer for free: Auch im neuen Jahr kommt man an den Feministinnen nicht vorbei - diese "ollen Männerhasserinnen". Unsere Kolumnistin möchte jetzt Barbierin werden und dabei von "unordentlichen Mädchen" erzählen.

Da ist es: dieses noch so jungfräuliche 2021! Bevor ich gleich mächtig in die Tasten haue, möchte ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser ein frohes neues Jahr wünschen. Schön, dass Sie sich keine Pause von meiner Kolumne gönnen. Ich bin guten Mutes, dass es 2021 wieder aufwärts geht. Allerdings sollte ich Ihnen an dieser Stelle vielleicht lieber sagen, dass ich auch ziemlich gut im Selbstbeschiss bin.

Wir atmen auf. Ich glaube, ich brauche niemandem mehr mit der alten Erkenntnis zu kommen, dass 2020 ein Drecksjahr für so ziemlich jeden von uns war. Genau vor einem Jahr saß ich, wie jetzt, an meinem Schreibtisch und habe überlegt, was ich 2020 alles machen will - mit dem Ende vom Lied, dass ich gefühlt endlose Tage hinter halb zugezogenen Vorhängen in meinem Bett verbrachte, in Klamotten, die irgendwann begannen zu leben, während ich nur funktionierte. Aber ich möchte gar nichts weiter über meine Depression - diese dumme Sau - schreiben, denn 2020 hatte auch durchaus positives. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass mir Menschen noch viel schneller auf die Murmel gehen, als ich gedacht hätte, dass meine Menschenkenntnis doch nicht so doll ist, wie immer angenommen, und dass ich es ziemlich oft überspiele, wenn es mir nicht gut geht.

Es gab Tage, an denen habe ich sehr viel getrunken und dann wieder gab es Tage, an denen ich die Weinpulle mied, obwohl mir der Suff so schön die Sinne betäubte, und ich irgendwann da lag, ganz larmoyant in meine Decke gehüllt und bei Instagram - ich kann kaum fassen, dass ich das hier so offen zugebe - tatsächlich irgendwelchen Frauen dabei zuschaute, wie sie ihre perfekten Körper präsentieren, und dabei von Selbstoptimierung faseln und in ihrem Feed nur Platz für Positivität sei - während mir mein eigener Life-Feed indes vorkommt wie ein voller Staubsaugerbeutel, den man blöderweise nicht mal eben gegen einen neuen austauschen kann.

Frauen und Tampons, Männer und Bartwuchs

Es kamen 2020 Menschen, die mich nicht kannten und mich beschimpften und bedrohten und dann wieder kamen Menschen, die mich ebenfalls nicht kannten und mit Liebe überschütteten und die mir aus ihren auch nicht immer geraden Leben erzählten. Wenn es mir nicht gut geht, igele ich mich ein. Schotten dicht, sozusagen. Die Dittrich erst wieder im Frühjahr wecken! Wenn ich das Internet anmache, rege ich mich sowieso bloß auf.

Haben Sie beispielsweise diese Tampon-Nummer kurz vor Jahresende mitbekommen? Das Thema ist nicht neu, aber es wurde darüber diskutiert, auf öffentlichen Toiletten kostenlose Tampons und Hygieneartikel für Frauen zur Verfügung zu stellen. "Total ungerecht!", empörten sich vor allem Männer. Ein "demokratischer" Burschi meinte: "Wenn Frauen kostenlose Tampons fordern, dann fordere ich kostenlose Einwegrasierer und Rasierschaum für Männer. Wir können nichts für unseren Bartwuchs! (…)."

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Mimimimimi ... voll ungerecht, wenn frau die jetzt umsonst bekäme, mimimimi ....

(Foto: imago images/PanoramiC)

Ja, es gibt (noch immer) nicht überall Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Aber kostenlose Tampons auf Klos? Wo kommen wir denn da hin, schimpfen viele. Okay, es gibt da diese Menstruierenden. Aber Momentchen, die Periode ist nur einmal im Monat, während der Mann sich jeden Tag mit seinen Bartstoppeln quälen muss. Ganz klarer Nachteil für den Mann! Immer wenn es regnet, werden 68,4 Prozent aller Männer von einem übertrieben schnell sprießenden Bartwuchs heimgesucht, sodass sie innerhalb von zwei Minuten aussehen, als würden sie bei ZZ Top anheuern. Und dann müssen sie verständlicherweise umgehend losrennen und sich Rasierer und Schaum kaufen und die Ungerechtigkeit schlechthin: die Sachen auch noch aus der eigenen Tasche bezahlen. Es sollte wirklich weniger regnen, dann könnte man über das Problem reden.

Blöde Frauen und Sektkorken

Irgend so ein Klausi meint in diesem Zusammenhang, Menstruierende seien doch selbst schuld, wenn sie sich ihr Leben während der Tage nur unnötig verkomplizieren. Das Doofe an Frauen ist nämlich, dass sie in den wenigsten Fällen praktisch veranlagt sind und deswegen auch nicht praktisch denken. Viele Frauen seien halt einfach "zu blöde", um Tampons vorrätig parat zu haben. Und "blöde Frauen" kommen eben auch nicht auf die glorreiche Idee, einfach Wein- und Sektkorken zu sammeln, denn: "Diese nachhaltigen Korken passen an jeden Schlüsselbund." Auch "ideal geeignet für grüne Frauen".

Okay, man kann sich jetzt natürlich über Laberlauche wie Klausi aufregen oder darüber, dass sich allen Ernstes schon wieder an den Tampons abgerackert wird, als gäbe es keine anderen Probleme. Es geht auch gar nicht um die Tampons. Die Tampons zeigen nur, wie schnell die Geschlechter- und Gleichberechtigungsdebatte inzwischen hochkocht. Frauen sagen, sie finden es der Sache überhaupt nicht dienlich, wenn Männer die Menstruation mit ihrem Bartwuchs vergleichen, während viele Männer meinen, kostenlose Tampons seien eine Benachteiligung ihres Geschlechts. Und ich denke inzwischen: Komm, Verena, bevor du wieder als Männerhasserin abgewatscht wirst, kipp' dir ein Gläschen Sekt ein und relaxe. In diesem Leben kriegen wir das sowieso nicht mehr auf die Kette. Das ist pessimistisch, ich weiß.

Gleichberechtigung. Was für ein Wort. Fast schon ein bisschen irre, dass wir im Jahre 2021 überhaupt noch darüber diskutieren müssen. Aber da fällt mir folgende Anekdote ein, die ich Ihnen unbedingt erzählen möchte: Kurz vor meinem Studium absolvierte ich eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Meine Eltern waren der Meinung, bevor ich irgendeinen Mist studiere, mit dem ich später nix anfangen könne, solle ich lieber was "Ordentliches lernen". Die Erfahrungen, die ich in der Gastronomiebranche machte, (das devote Teppichauslegen im Hintern des Gastes, während man das eigene Personal wie Rotz am Ärmel behandelte), sind das eine, meine Mietsituation aber war das andere.

Unordentliche Mädchen und Männerbesuch

Halten Sie sich fest, das war nämlich so: Zuerst wohnte ich mit einer Freundin im Dachgeschoss bei so einem Dorf-Bürgermeister. Oberstes Gebot: Männerbesuch verboten. Wir luden natürlich trotzdem Freunde ein. Wir zahlten schließlich Miete. Der Vermieter klingelte, durchsuchte die Wohnung, die Freunde stürmten aus dem Badfenster und hielten sich an der Dachrinne fest. Die Sache flog auf und wir raus. Zweite Wohnung: eine Anliegerbutze bei einem Ehepaar. Männerbesuch ebenfalls verboten. Vermietet wurden übrigens auch Zimmer an Köche, die Damenbesuch empfingen. Einmal schaute ich mit einem Freund eine DVD. Die olle Sonne schien auf die Glotze und ich ließ die Rollos runter. Am nächsten Tag hatte es sich im gesamten Hotel herumgesprochen, dass ich Männerbesuch hatte und "mitten am Tage die Rollos heruntergelassen habe". Ich sei ein "unordentliches Mädchen".

Ich rede hier übrigens nicht von 1955, sondern von 1995. Ein Jahr, in dem man nackig auf der Loveparade tanzte. Die Hausdame ermahnte mich, ich würde mit meinem "Verhalten" dem Ruf des Hotels schaden. Ich unterschrieb einen Aufhebungsvertrag, bevor man mich achtkantig rauspfefferte. Im dritten Ausbildungsjahr wohnte ich in einem ganz normalen Mietshaus. Auch dort: Männerbesuch verboten.

Hinter dem Haus gab es ein Salatfeld, in dem sich mein damaliger Freund bis zum Anbruch der Dunkelheit manchmal versteckte, um dann über das Dachfenster in meine Wohnung zu gelangen. Der Freund war sehr cool und wir lachten manchmal darüber, dass im Jahre 1995 Männerbesuch verboten ist - als würde ich im Kloster leben. Auf dem Wege zur Gleichberechtigung haben wir viel erreicht. Deswegen würde ich jeden einzelnen Mann, der sich durch kostenlose Tampons benachteiligt fühlt, persönlich rasieren. Das ist mein Angebot für 2021! Und nebenbei plaudern wir einfach ein bisschen über PMS. Das wird bestimmt lustig! Happy New Year!

Quelle: ntv.de