Leben

"Ich mag das Wort 'Hilfe' nicht" Waridi Schrobsdorff über Afrikas Zukunft

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"Der Kontinent ist auf einem guten Weg", findet Waridi Schrobsdorff.

(Foto: Suzana Holtgrave )

Waridi Schrobsdorff ist Kenianerin, Model, Fashion-Ikone und Fashion-Wegbereiterin. Sie ist verheiratet, Mutter einer erwachsenen Tochter, Kolumnistin der "Vogue", lebt in Berlin und sie hat eine Leidenschaft: Afrika. Sie sagt von sich selbst: "Ich bin ein Mischling. Meine arabische Seite kommt aus dem Jemen und meine afrikanische Seite vom Nandi Stamm." In Afrika wird sie inzwischen für eine Europäerin gehalten - nicht wegen ihrer Hautfarbe, sondern wegen der Art, wie sie sich bewegt. Für die Vielreisende gibt es keine Grenzen. Die meisten ihrer Reisen führen sie nach Afrika, denn als Gründerin der Plattform "FA254" hilft sie Designerinnen und Designern aus Afrika, auf dem deutschen Markt anzukommen. Mit ntv.de spricht sie über afrikanische Mode in Zeiten von Corona und warum sie das Wort "Hilfe" im Bezug auf Afrika nicht mag.

ntv.de: Die Corona-Krise hat die ganze Welt im Griff - wir schauen nach Afrika und fragen uns, wie die dortige seit einiger Zeit extrem aktive und prosperierende Mode-Industrie mit der Situation klarkommt. 

Waridi Schrobsdorff: Afrika ist natürlich im Ganzen betroffen. Die Mode-Industrie im Speziellen aber war gerade auf einem guten Weg und steht nun still. Auf der anderen Seite aber verschafft diese Phase den Unternehmern die Möglichkeit, in Ruhe darüber nachzudenken, wie man diesen Weg, den man eingeschlagen hat, weitergehen kann und wie man ihn überdies noch ausbauen und verbessern kann.

Ist "Buy local" ein gutes Konzept? Ist man auf der Suche nach neuen Vertriebswegen? Wie geht es mit der Digitalisierung voran?

Auf jeden Fall ist es eine gute Idee, die lokalen Händler zu unterstützen. Aber der Kontinent ist riesig. Deswegen muss weiterhin über Digitalisierung nachgedacht werden, noch intensiver! Es sind einfach logistische Herausforderungen, die zu stemmen sind. Dieser Moment jetzt wird genutzt, um sich Gedanken zu machen, wie es weitergehen kann, wenn die Krise vorüber ist. Errungenschaften wie Online-Banking und viele andere Apps machen es den Menschen einfacher, Handel zu treiben, der Kontinent ist da seit zehn Jahren auf einem richtig guten Weg.

Afrika war in Sachen Fashion-Industrie auch gerade auf einem so guten Weg - und dann kommt Covid 19 und stoppt alles.

Der Eindruck stimmt, aber es ist nicht so, dass die Zeit nun nicht genutzt wird. Einzelne Länder, einzelne Verbände, einzelne Designer können sich Gedanken darüber machen, wie sie weitermachen wollen. Sie können sich neu fokussieren und überlegen, wie sie noch effektiver arbeiten können.

Welchen Eindruck hast du, wenn du mit Kollegen in Afrika sprichst? Du kommst mit so vielen Leuten - momentan per Zoom-Meeting - zusammen.

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Waridi Schrobsdorff trägt ein Tuch von Depa Dosaja.

(Foto: Suzana Holtgrave)

Ich habe den Eindruck, dass alle an einem Strang ziehen. Die Fashion-Community ist bereit für einen Wandel. Das gilt auf jeden Fall für die Leute auf meiner Plattform FA254, dazu gehören Victoria Grace, Christie Brown, Adama Paris, Doreen Mashika, Millie Collines und viele mehr. Sie alle haben ein gemeinsames Ziel: Da weitermachen, wo sie aufgehört haben, und dann noch eine Schippe drauflegen (lacht). Sie wollen vor allem mit den Leuten weiterhin zusammenarbeiten, mit denen sie bereits seit einiger Zeit gute Erfahrungen gemacht haben. Ich denke, es wird keiner auf der Strecke bleiben, die Community ist sehr stark.

Was braucht es vor allem, damit Afrika wieder zu "Business as usual" übergehen kann?

Afrika ist schon durch so viele aufs und Ab, so viele Veränderungen, gegangen, dass die Menschen sehr "resilient", sehr belastbar, sind. "Resilienz" - dieses Wort spielt momentan ja auf der ganzen Welt eine große Rolle. Sie machen ihre Hausaufgaben in Afrika - damit will ich sagen: Man will nicht einfach nur "Back to Business" und alles geht so weiter wie immer, nein, man will überdies noch kreativer sein, noch bessere Lösungen finden, noch bessere Angebote machen. Also alles, aber nicht einfach nur "Business as usual".

Wie wichtig sind Soziale Medien in Afrika?

Die gab es schon lange bevor wir hier in Deutschland auf den Trichter gekommen sind (lacht).

Ist Mode in Afrika ein kultureller Faktor, der mit Kino, Theater, Musik in einer Liga spielt?

Mode bedeutet in Afrika sehr viel, es ist die Kirsche auf der Sahnetorte, wie man so schön sagt. Jeder möchte damit seine Individualität ausdrücken, denn Kleidung macht etwas mit den Menschen, und das wissen Afrikaner sehr genau. Ein bestimmter Stil bedeutet auch eine bestimmte Geschichte, und das ist etwas, das Afrikanern schon immer wichtig war. Mode hat auch viel mit Tradition zu tun. Und Tradition neu zu interpretieren ist ein Spiel, mit dem sich Afrikaner gern identifizieren.

Können Länder wie Deutschland, Frankreich, Italien oder die USA, in denen Mode und die Modeindustrie eine große Rolle spielt, Afrika helfen?

Das Wort Hilfe in Bezug auf Afrika mag ich nicht, tut mir leid. Andere Länder können gerne mit Afrika zusammenarbeiten, sie können Menschen unterstützen, indem sie ihre Fähigkeiten anerkennen, indem sie für Weiterbildung sorgen und für Kooperationen über Grenzen hinaus. aber Afrika braucht keine Hilfe, das klingt zu sehr von oben herab. Afrika hat eine Menge zu bieten und das darf gerne von anderen anerkannt werden.

Was lernen wir von Afrika, wenn es um Mode geht?

Afrika ist jung, frisch, herausfordernd, mutig, aber manchmal ein bisschen zu gutgläubig (lacht). Man mischt wie gesagt gern Moderne mit Tradition. Ich denke, in Sachen Handarbeit und Handwerk kann man eine Menge von afrikanischen Designern und anderen Fashion-People lernen. 

Und was müsste Afrika noch lernen?

Nicht so oft zurückzugucken.

Welcher Trend aus Afrika ist deiner Meinung nach das nächste Must-have?

Es sind immer die Accessoires, davon kann man nie genug haben.

Ein Wort, das wirklich unsexy klingt, aber wichtig ist, auf der ganzen Welt: Nachhaltigkeit.

Das stimmt - aber das ist ein Aspekt, der in Afrika schon immer eine große Rolle gespielt hat, es ist nicht wirklich etwas "Neues". Andererseits ist Nachhaltigkeit etwas, das jeder, egal wo und in welchem Business, zukünftig noch mehr auf dem Schirm haben sollte.

Mit Waridi Schrobsdorff sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de