Leben

Liebesfrust statt Liebeslust Warum Männer oft über Impotenz schweigen

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Immer mehr jüngere Männer leiden unter sexuellen Funktionsstörungen.

(Foto: imago images/Westend61)

Erektionsstörungen sind trotz ihrer Häufigkeit ein absolutes Tabuthema. Viele Männer machen das Problem lieber mit sich aus. Dabei sind die sogenannten Männerkrankheiten nichts, wofür man sich schämen muss.

Wie ein Besessener klickt Matthias sich durchs Internet. Sein Suchbegriff: Impotenz. Er überfliegt die ersten Treffer der Suchmaschine: Macht Kaffee impotent? Macht zu viel Pornokonsum impotent? Oder zu viel Selbstbefriedigung? Vielleicht hat ja auch das Shampoo, das ihm sein Friseur gegen seine beginnenden Geheimratsecken empfohlen hat, etwas damit zu tun, dass Matthias seit nunmehr einem halben Jahr ständig Potenzprobleme hat.

Kleine Schweißperlen glitzern auf seiner Stirn, irgendwo hat er gelesen, Männer, die ohne Vater aufgewachsen sind, seien besonders gefährdet, impotent zu werden. Und dann liest er sogar von "erschreckenden neuen Erkenntnissen" (…) "das Coronavirus könne die Fruchtbarkeit einschränken". Laut einer Studie zwischen dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der US-Universität Cornell sollen "die Hoden einen Hotspot für eine Coronaviren-Infektion darstellen".

Hektisch wandert der Blick des jungen Mannes zu seiner Maske, die auf dem Regal in der Diele liegt. Bloß nicht mehr ohne vor die Tür, denkt er besorgt. Matthias ist Mitte 30 und versteht die Welt nicht mehr. Er hatte immer gedacht, Impotenz sei in seinem Alter noch kein Thema. Aber dass er die letzten Male immer öfter Probleme mit seiner Erektion hatte und seine Ex-Freundin Jenny ihm erst sagte, das könne doch mal vorkommen, ihm dann aber grinsend Viagra empfahl, bereitet ihm mehr Stress als sein Job, bei dem er eine Überstunde nach der anderen schiebt.

"Klappt es heute mal wieder im Bett?"

Und wie es oft der Fall ist, betreibt man, statt zum Arzt zu gehen, lieber erst einmal Feld- und Ursachenforschung an sich selbst. Matthias trinkt wenig Alkohol, treibt regelmäßig Sport, ist Nichtraucher und ernährt sich die meiste Zeit sehr gesund. Seit er jedoch zum Abteilungsleiter befördert wurde, stieg auch der Druck, abzuliefern, im Job wie im Privaten. Zuletzt gab es immer öfter Probleme in der Beziehung mit Jenny, die ständig fragte: "Ob es heute mal wieder im Bett klappt, was meinst du?"

Statt mit einem Freund oder noch besser einem Arzt über seine Sorgen zu sprechen, schweigt Matthias. Und damit steht er nicht alleine da, denn noch immer werden gesundheitliche Probleme rund um das beste Stück des Mannes in unserer Gesellschaft vollends tabuisiert. Der Mann - der ewige Stenz - muss immer können. Ein Mann ohne Manneskraft ist kein richtiger Mann. Etwa 40 Prozent der Männer in Deutschland leiden an leichten bis schweren Potenzstörungen. Die meisten sind älter als 60 Jahre. Doch es gibt eben auch Männer wie Matthias, die in der Blüte ihres Lebens stehen und nicht vor Testosteron strotzen.

Der Begriff Impotenz ist ausschließlich negativ konnotiert. Deswegen ist die Dunkelziffer all jener, die unter Potenzproblemen leiden, höchstwahrscheinlich deutlich höher. Das große Schweigen um ein schambesetztes Thema: Viele Männer bleiben damit allein. Und weil sie sich nicht untersuchen lassen, bleiben sie auch darüber in Unkenntnis, was genau die Ursache für ihr Problem ist.

Erektionsprobleme sind die häufigste sexuelle Störung

Denn der Begriff "Impotenz" (Unvermögen) ist lediglich ein Oberbegriff und bedeutet nicht zwangsläufig, dass man zeugungsunfähig ist. Wer steril ist, kann zwar keine Nachkommen zeugen, aber durchaus fähig sein, ganz normal den Beischlaf zu vollführen. Matthias stolpert neben dem Begriff Impotenz, der wegen seiner negativen Konnotation übrigens kaum noch von Ärzten verwendet wird, über den der erektilen Dysfunktion.

Online findet er sogar eine Selbsthilfegruppe und liest in Foren anonyme Schilderungen von Männern, die wie er Probleme haben, die Erektion aufrechtzuerhalten. Matthias weiß weder ein noch aus. Manchmal ist er sexuell unheimlich erregt. Trotzdem herrscht untenrum tote Hose. Zum Training geht er schon eine ganze Weile nicht mehr, weil er keine Lust hat, sich in der Umkleidekabine die Sex-Schwärmereien seiner Freunde anzuhören.

Matthias fühlt sich wie in einen Strudel gerissen, aus dem er allein nicht mehr herauszukommen glaubt. Ständig kreisen seine Gedanken um dieses eine Thema. Inzwischen hat er sogar Angst, seine Potenzprobleme könnten chronisch sein. Erektionsprobleme sind die häufigste sexuelle Störung. Laut einer Studie sollen von 10.000 Männern unter 40 Jahren etwa 5 bis 10 Prozent an Impotenz leiden.

Nicht das Ende von gutem Sex

Matthias ist also als Mittdreißiger kein Einzelfall. Der Sexualforscher und Psychotherapeut Volker van den Boom sagt, tatsächlich kämen sogar "vermehrt Männer Anfang 20" in seine Beratung. Allein in Deutschland sind etwa sechs Millionen von der "Männerkrankheit" betroffen. Urologen sagen, die Dunkelziffer liege wahrscheinlich deutlich höher, weil viele den Gang zum Arzt meiden oder glauben, nur der Griff zur blauen Pille könne ihnen jetzt noch helfen. Dabei sind die unterschiedlichen sexuellen Störungen meist gut therapierbar. Hilfreich kann auch eine Paartherapie sein, denn eine geschwächte Potenz bedeutet nicht das Ende von gutem Sex. Erektionsprobleme sind nichts, wofür man(n) sich schämen muss.

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Quelle: ntv.de