Leben

Ein Erfolgscoach im Interview Warum die Meinung anderer egal ist

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Buchautor Michael Leister verhilft Menschen zu mehr Selbstbewusstsein und Zufriedenheit im Leben.

(Foto: Anna Wawra Peoplefotografie)

Mit 21 Jahren erlitt Michael Leister bereits einen schweren Schicksalsschlag. Das war ein Einschnitt, der sein ganzes Leben veränderte. Seine Erkenntnisse und wie er zu neuem Lebensmut fand, dokumentiert er in seinem Blog "Dein Fußabdruck". Heute ist der 27-Jährige bereits ein erfolgreicher Coach und Bestseller-Autor. Sein neuestes Ratgeberbuch "Drauf geschissen. Wie dir endlich egal wird, was die anderen denken" verspricht unsicheren Menschen den Weg ins Glück. Im Interview mit n-tv.de erklärt er, wie das Buch unsicheren Personen neue Perspektiven für ein zufriedeneres Leben eröffnet.

n-tv.de: Warum ist uns die Meinung anderer überhaupt so wichtig?

Michael Leister: In allererster Linie kommt das von unserem Geltungsbedürfnis. Das ist ein völlig natürlicher Instinkt, den wir haben. Wir wollen, dass das, was wir machen, gut ist. Wir wollen auch, dass es wertgeschätzt wird, sowohl von uns selbst als auch von anderen. Sonst hätten wir ja gar keinen Grund, uns weiterzuentwickeln. Unsere Eltern sind unsere Vorbilder, wenn wir aufwachsen. Unser Verhalten richtet sich nach dem, was sie gut finden und was nicht. Wenn wir uns gut benehmen, werden wir gelobt. Wenn wir uns schlecht benehmen, werden wir kritisiert. Wenn wir wollen, dass unsere Eltern uns wohlgesinnt sind, dann passen wir uns deren Erwartungen an und so beginnt das Lied. Man fängt automatisch an, sich anzupassen und später geht man dann in den Kindergarten, zur Schule und so weiter. Auch dort lernt man sich, anzupassen. Manche Menschen finden auch Bestätigung durch ihre eigenen Handlungen und es gibt Menschen, die diesen Absprung nie schaffen. Sie bleiben deswegen immer abhängig von der Meinung anderer. Und langfristig leidet das Selbstbewusstsein darunter.

Kann das nicht auch gefährlich sein, wenn einem total egal ist, was die anderen denken?

Absolut, das ist ein sehr zweischneidiges Schwert. Deswegen gibt es in dem Buch auch ein eigenes Kapitel darüber. Wir sollen keine Alles-egal-Einstellung entwickeln, sondern wir müssen lernen, zu differenzieren. Im Leben gibt es nicht nur schwarz und weiß. Das Glas ist nicht entweder voll oder leer. Wir müssen unterscheiden, was wir uns persönlich nahe gehen lassen sollten und was nicht. Wenn wir die Dinge hinterfragen, stellen wir in den allermeisten Fällen fest, dass das, was jemand anderes über uns denkt, keinen Unterschied für unser persönliches Leben macht. Klar, es gibt Regeln, an die man sich halten muss, wie zum Beispiel die Kleidervorschrift auf der Arbeit. Das ergibt Sinn. Aber ob jemand auf der Straße gesehen hat, wie ich gestolpert bin und deswegen denkt, ich wäre tollpatschig, ist völlig irrelevant für unser Leben. Wir befreien uns von viel unnötigem Zwang, wenn wir einfach lernen, nichts darauf zu geben, was jemand darüber denkt. Es ändert nichts daran, wie ich wirklich bin.

Der Titel "Drauf geschissen: Wie dir endlich egal wird, was andere denken" ist sehr provokant. Warum diese Wortwahl?

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Ich wollte grundsätzlich etwas ganz anderes machen. Als Autor muss man sich ja auch weiterentwickeln. Man wird irgendwann müde davon, immer der Seriöse zu sein. Irgendwann kam mir der Gedanke "Scheiß drauf, mach doch einmal etwas ganz anderes" und dann kam mir die Idee, das zum Motto meines neuen Buches zu machen. Es ist ein Titel, der provoziert und der aufmerksam macht. Vor allem ist es auch einer, den man mit Humor nehmen soll, weil man das gesamte Thema eben mit Humor nehmen soll.

Sie kritisieren das Bildungssystem im Buch relativ heftig. Würden Sie so weit gehen, zu sagen: Kinder sollen nicht mehr zur Schule gehen?

Natürlich nicht. Ich habe selber eine sehr gute Schulbildung genossen und war an einer sehr guten Schule. Es liegt nicht an der Bildung selbst, sondern es liegt an der Art, wie sie vermittelt wird. Wir hier dürfen nichts hinterfragen. Ich glaube, andere Länder machen das wesentlich besser, vor allem in Nordeuropa. Da werden die Kinder viel individueller unterrichtet und dürfen Fragen stellen. Sie haben auch viel mehr Freiheiten. Wir haben ein sehr autoritäres und teilweise militärisches Schulsystem. Die Kinder müssen sitzen, still sein und einfach nur zuhören. Die logische Konsequenz ist, dass wir jeden Tag lernen, den Mund zu halten, zuzuhören und das zu tun, was man von uns erwartet. Das überträgt sich beim Erwachsenwerden natürlich auch auf andere Lebensbereiche. Das ist eben das, was ich als problematisch ansehe.

Sie sind ja auch Coach. Welche Menschen kommen da zu Ihnen, um sich helfen zu lassen?

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Autor Michael Leister hat bereits einige Bestseller herausgebracht, darunter die Bücher "Endlich selbstbewusst!" oder "Die Grundsätze des Glücks".

Bei den Coachings zeigt sich, dass wir im Grunde alle im selben Boot sitzen. Die meisten Menschen haben ein schwaches Selbstbewusstsein, weil sie so stark von der Meinung anderer abhängig sind. Es gibt so viele Menschen, die ihr Leben davon abhängig machen, was ihre Eltern von ihnen erwarten und von ihnen denken. Man wählt zum Beispiel einen Beruf, den man eigentlich gar nicht mag, um seine Eltern nicht zu enttäuschen. In Wirklichkeit ist damit niemandem geholfen, weil man den Erwartungen anderer entspricht und dadurch unglücklich wird. Man ist immer noch den Erwartungen ausgesetzt, obwohl die Eltern vielleicht gar nicht mehr da sind. Die ganze Familie wird dadurch unglücklich, weil die meisten Eltern ihr Kind im Grunde nicht unglücklich sehen wollen. Ein anderes gutes Beispiel sind Menschen, die in Freundeskreisen auf Abwegen geraten. Sie rutschen plötzlich auf die schiefe Bahn, weil sie cool sein möchten. Das betrifft vor allem junge Menschen. Die möchten von anderen bewundert und als sehr mutig oder waghalsig wahrgenommen werden. Sie begehen deswegen Straftaten, fangen an, Drogen zu konsumieren oder machen eine Typveränderung durch. Ein introvertierter Mensch, der sich plötzlich anders benimmt, um dazuzugehören, wird langfristig unglücklich, weil das nicht seinem Naturell entspricht.

Gerade bei Freunden, Familie oder dem Partner haben viele Menschen Verlustangst, wenn sie Grenzen ziehen. Wie kann man diese Angst überwinden?

Der beste Ansatz ist einfach der ehrlichste. Wenn ein Partner oder ein Freund einen nicht so mag, wie man wirklich ist, dann ist es nicht der richtige Partner oder kein echter Freund. Die meisten Menschen in ihren 40ern oder 50ern wollen endlich Diät von falschen Freunden machen. Von da an lassen sie die Erwartungen anderer hinter sich und fühlen sich viel besser. Viele wünschen dann, sie hätten das schon vor 20 Jahren getan. Wenn man anfängt, die richtigen Menschen zu suchen, die einen so mögen, wie man ist, dann hat das Leben plötzlich eine ganz andere Qualität. Um es konkret zu sagen: Wenn man Verlustängste hat, muss man sich fragen: Wäre es wirklich ein Verlust, einen Menschen zu verlieren, der mich nicht so nimmt, wie ich bin?

Warum sind Sie gegen Small Talk?

Small Talk ist an sich ja nichts Schlechtes. Das Problem beim Small Talk ist, dass er häufig gar nicht ernst gemeint ist. Wir fragen Menschen nicht, wie es ihnen geht, weil wir das wirklich wissen wollen. Wir fragen, weil wir glauben, dass wir das tun müssen und sich das so gehört. Man muss sich ganz einfach mal die Frage stellen, wann man das letzte Mal ehrlich auf die Frage geantwortet hat. Oft wird gesagt, dass es einem gut geht, obwohl das gar nicht so ist. Manchmal sieht man einen Menschen, mit dem man eigentlich gar nicht reden will. Man weiß aber, dass das unanständig rüberkommt, wenn man ihn nicht nach dem Befinden fragt. Letztendlich fragt man doch, obwohl es es einen überhaupt nicht interessiert. Ehrlicher ist es, Zeit mit Menschen zu verbringen, wenn man das möchte. Dann führt man eine erfüllende Unterhaltung, in der man ehrlich über seine Gedanken sprechen kann.

Ist es dann auch schlecht, über das Wetter zu reden?

Das darf jeder für sich selbst entscheiden. Wenn ich neben einem Menschen sitze und kein anderes Thema zum unterhalten habe, dann ist das eine gute Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen. Das Buch aber ist genau für die Menschen, die das eigentlich nicht wollen und blödsinnig finden. Wenn man keine Lust hat, dann unterhalte ich mich lieber gar nicht, als über das Wetter zu reden. Es gibt keine Pflicht.

Warum sehen Sie das kritisch, wenn Menschen ihr Privatleben in sozialen Netzwerken preisgeben?

Weil man sich damit von der Bestätigung der anderen abhängig macht. Wir posten unsere Urlaube, unser Essen, Fotos von uns selbst oder mit unserer neuen Kleidung. Wir machen das ja nicht, weil wir jetzt so viel Lust haben, das anderen mitzuteilen. Wir wollen eigentlich ein "Gefällt mir" erhalten. Das ist wieder das Geltungsbedürfnis. Wie so vieles im Leben kann auch das abhängig machen. In Extremfällen führt das dazu, dass sich jüngere Menschen sehr freizügig zeigen. Dahinter steht die verzweifelte Hoffnung, mehr Menschen erreichen zu können und mehr Likes zu bekommen. Wenn das nicht mehr funktioniert, greifen sie zu radikaleren Mitteln und machen das immer häufiger. Sie sind dann irgendwann frustriert, wenn das Bild keiner mehr liked, sie also keine Aufmerksamkeit und Bestätigung von anderen bekommen. Das kann eben zu einer gefährlichen Abhängigkeit führen. Social Media ist nichts Schlechtes, aber es ist eben mit Vorsicht zu genießen.

Welche Schritte kann man tun, damit man unabhängiger von der Meinung anderer wird?

Zu allererst sollte man sich eine kleine Übersicht darüber machen, in welchen Bereichen seines Lebens man sich überhaupt abhängig von anderen macht. Wir Menschen neigen dazu, negative Aspekte unseres Lebens auszublenden. Indem wir uns eine Liste machen, wird uns vieles bewusster. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Der eine möchte Statussymbole wie teure Autos oder eine teure Uhr, der andere macht eben sein Verhalten von der Meinung anderer abhängig. Das heißt: Schritt Nummer eins wäre, sich mal Gedanken über das eigene Leben zu machen. Man sollte sich fragen, wo man sich von der Meinung anderer abhängig macht. Dann hat man überhaupt eine Grundlage, auf der man etwas verändern kann. Der zweite Schritt wäre, sich intensiv mit dem Thema Selbstbewusstsein auseinanderzusetzen. Das hat einen ganz einfachen Grund: Wenn es nicht gut für uns ist, sich von der Meinung anderer abhängig zu machen, dann müssen wir automatisch mehr Wert auf die eigene Meinung legen. Das bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes, sich selbst bewusst zu sein und sich selbst besser kennenzulernen. Man sollte sich die Frage stellen, was man eigentlich vom Leben will.

Das Dritte, was ich empfehlen würde, ist, die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen. So wie ich es im Buch gemacht habe, sollte man die Dinge öfter mit einem zwinkernden Auge betrachten. Dabei hilft es, sich zu fragen, wie wichtig, die Dinge, die einem jetzt Kopfschmerzen machen, in 5, 10 oder 30 Jahren noch sein werden. Wohl kaum jemand wird dabei zum Schluss kommen, dass es richtig war, es den anderen recht gemacht zu haben. Durch den Blick in die Zukunft kommen wir zu der Schlussfolgerung, dass es jetzt schon egal ist.

Sie sprechen die Leser im Buch mit "Du" an. Das war in Ihren bisherigen Büchern nicht so. Wie kam es dazu?

Es ging mir vor allem um den freundschaftlichen Aspekt. Es ist ein sehr persönliches Thema. Einem Fremden würde man eher nicht die eigenen Sorgen über sein Leben, sein Selbstbewusstsein und was die anderen über einen denken, anvertrauen. Das würde man eher bei einem Freund machen. Und ich dachte: Wir sitzen im Grunde alle im selben Boot und haben alle diese Sorgen und Probleme. Warum sich nicht einfach wie zwei Freunde unterhalten? Natürlich habe ich offensichtlich den größeren Redeanteil in diesem Buch.

Mit Michael Leister sprach Isabel Michael

Quelle: n-tv.de, imi