Leben

Aus der Schmoll-Ecke Weltretterinnen, dann nehmt doch die Pille!

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Die Wartezeit auf den DHL-Boten verkürzt sich, wenn man ein paar Fotos macht.

(Foto: Thomas Schmoll)

Bekloppte DHL-Fahrer, Ackerbau im Homeoffice: Hitze und Klimawandel machen allen zu schaffen. Viele werden wirr und machen schräge Vorschläge. Sogar Kinderverzicht ist angesagt. Aussterben, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren? Unser Kolumnist findet, das ist ein super Vorschlag.

Seit Jahren frage ich mich, warum ich nicht Schriftsteller geworden bin. Ich könnte einen Zauberer erfinden, der eine Brille trägt und in Schloss Zeugwart bei Graf Waldemar die Welt vor dem Bösen rettet. Oder das Abendland. Oder wenigstens Deutschland. Ich könnte auch "Der Herr der Klinge" ins Laptop tippen, die Geschichte von einem ollen Schwert, das sein Besitzer Helmut, der Fragwürdige, an seine Ziehtochter Angela, die Ostgotin, vermacht hat. Es verleiht unglaubliche Macht, weshalb es im Feuer des Kamins der Kanzler_innenburg vernichtet werden muss.

Jaja, gibt es alles schon so. Oder so ähnlich. Weiß ich. Mir fällt halt kein Plot ein. Und außerdem ist es traurig, dass man heutzutage sterben muss, damit die Bücher von einem oder einer gekauft werden. Gerade erwerben die Deutschen die Werke der großartigen Toni Morrison, kaum machte die Nachricht von ihrem Ableben die Runde.

Seine tägliche Runde macht auch ein DHL-Fahrer, der kürzlich mein Auto zuparkte. Ich habe eine halbe Stunde gewartet, bis endlich ein junger Kerl, gehüllt in gelbe Farbe, die Straße in einem Tempo runterspaziert kam, dass ich dachte: Der muss in seiner Freizeit Schildkröten züchten. Um ihm eine Entschuldigung abzupressen, sagte ich hochmanipulativ: "Geht's noch? Ich warte seit einer halben Stunde." Er gab an, der Fahrstuhl sei langsam gewesen. Keine Entschuldigung. Ich hoffte weiter auf ein Sorry: "Das ist mir total egal." Nun switchte der DHL-Knabe auf Du: "Ich hab's dir doch erklärt. Dann ruf die Polizei." Und: "Ey, Mann, das ist respektlos."

Da habe ich echt gestaunt: Ich Trottel rief ja gerade nicht die Polizei, um ihm keinen Ärger zu bereiten - und nun sollte ich es tun. Das konnte nur die Hitze gewesen sein. Aber irgendwie musste ich auch grinsen, weil der Bursche so ziemlich allen Klischees junger Männer aus bestimmten Kulturkreisen- oder quadraten entsprach, die ich von Stand-up-Comedians kenne, die selbst aus Einwandererfamilien stammen. Für was junge Menschen heutzutage Respekt erwarten. Sogar für schräge Ausreden. Wieder was Unnützes gelernt.

Verzichten, um die Welt zu retten

Ich überlegte, mit dem DHL-Jüngling ein Selfie zu machen und mich am DHL-Fan-Foto-Wettbewerb zu beteiligen. Zu gewinnen gibt es, wie der Website des Unternehmens zu entnehmen ist, ​eine ​​"1 x ​Sofortbildkamera ​​Fujifilm instax mini 9​"​​ sowie "3 x ​1​ DHL​ ​Strandtuch​"​. (Das hat bestimmt die Rechtsabteilung formuliert.) Die Kamera interessiert mich nicht. Aber seit Jahrzehnten träume ich von einem DHL-Strandtuch, in das ich mich an der ligurischen Küste auf Sand bette und auf meine alten Tage doch noch zum Frauenschwarm werde. "Wow", werden die Italienerinnen sagen: "Bist du nicht der coole Deutsche, der den dritten Platz beim DHL-Fan-Foto-Contest belegt hat? Wir haben von dir in der 'Vogue' gelesen. Respekt!" Ich sage dann: "Ja, der bin ich. Und ich habe Respekt vor DHL-Fahrern, die mit langsamen Fahrstühlen reisen müssen."

​Ich habe allerdings doch Verzicht geübt und nicht beim Wettbewerb mitgemacht. Denn nur wenn alle verzichten, ist die Welt zu retten. Ich wäre sowieso ohne Chance bei der Konkurrenz der vielen eingereichten Fotos gewesen, die orthografische Schwächen von DHL-Boten - da kann man sich klüger fühlen - oder gelbe Paketautos auf Fahrrad- und Fußwegen zeigen - da kann man sich moralisch überlegen fühlen, weil man ÖPNV und Fahrrad nutzt. Wir Deutsche sind ein Volk von Klugscheißern (wie mich) geworden und führen gerne andere öffentlich in a-sozialen Medien vor. Schon lustig, dass der Online-Versandhandel boomt und zugleich die Folgen davon beklagt werden. Ich gehe fest davon aus, dass unter Amazon-Bestellern auch Radfahrer sind.

Die Welt vor dem Untergang zu retten, ist gerade voll angesagt. Prinz Harry, den ich gern mag, sagte kürzlich in der "Vogue", zum Wohle der Erde wolle er "nicht zu viele" Kinder in die Welt setzen, "maximal zwei". Respekt! Aber was, wenn Herzogin Meghan beim nächsten Mal Fünflinge bekommt? Das kann der Bewegung "Birthstrike" nicht passieren, die geht auf Nummer sicher. Sie wirbt dafür, gar keine Kinder mehr zu kriegen, ehe der Klimawandel gestoppt ist. Respekt! Ist es das, was Greta Thunberg mit "Panik" meinte? Na, wenn ihr meint: Dann, Weltretter_innen, schluckt die Pille! Oder fordert eure Frauen dazu auf.

Aussterben als Lösung? Ein schräger Ansatz. Aber erfolgreich. Wer weiß, vielleicht ist das der Grund, warum die Dinosaurier ausgestorben sind. Die Pessimisten unter T. Rex und Co. haben irgendwann gesagt: "Wir vermehren uns nicht mehr, bis der Klimawandel gestoppt ist." Und siehe da, kam ein Asteroid (Meteorid?) geflogen und erfüllte den Wunsch. Während die Kämpfernaturen unter den Dinosauriern immer freitags - je nach Vorlieben bei der Nahrungsaufnahme - riefen: "Attacke, Attacke - Fliegen schmecken Kacke". Oder: "Ungeheuer, Ungeheuer - wir wollen keine Fleischsteuer!" Und natürlich: "Auf uns'ren Tisch nur vegetarisch!"

Reim dich oder ich fress dich

Also jetzt bitte nicht meckern. Auch tote Tiere verdienen Respekt. Ähnlich simpel gestrickt sind die Sprüche von "Fridays for Future" auch: "Attacke, Attacke - Fliegen ist Kacke." Finde ich jetzt auch nicht Goethe-mäßig. Dabei hatten die Dinos nachweislich ein kleineres Hirn als die heutigen Menschen. Uns allen muss klar sein: So kann es nicht weitergehen! Das hat mit Dichtkunst nichts zu tun.

Auch Frank Bsirske hat das erkannt: Der Gewerkschaftsboss will am 20. September beim Poetry Slam von "Fridays for Future" an den Start gehen und rät Verdi-Mitgliedern, seinem tollen Beispiel zu folgen. "Wer kann, sollte ausstempeln und mitmachen. Ich werde jedenfalls hingehen." Glück für Herrn Bsirske, dass am 20. September nicht der RWE-Aufsichtsrat tagt, dessen stellvertretender Vorsitzender er ist. Nur deshalb kann Frankyboy zur Demo, für den Erhalt des Hambacher Forstes demonstrieren und RWE mal so richtig schön verklickern, was für ein böser, böser Konzern er doch ist.

Heike Makatsch, die ich - ganz ehrlich - großartig finde, hat auch erkannt: So kann es nicht weitergehen. "Vor drei Jahren hätte ich mir noch eine Plastiktüte an der Kasse geben lassen, das tue ich nicht mehr." Verständlich, ist sie doch älter geworden. Ich auch. Deshalb nehme jetzt immer zwei Plastiktüten, damit sich das Gewicht besser verteilt. Obendrein denkt die Schauspielerin: "Hä, warum muss da schon wieder eine Folie um die Gurke sein?" Ganz einfach. Eingeschweißte Gurken halten viel länger. Denn in der Plastikfolie verlieren sie nicht so schnell Wasser. Vergammelte Gurken will keine Sau kaufen, sie fliegen auf den Müll. Sie also von Spanien oder Italien nach Deutschland zu transportieren, um sie hier zu entsorgen, ist ökologisch sinnlos.

Lieber Gott, welcher Religion auch immer, ist das alles scheiße kompliziert. Auch die Fleischfresser von der AfD kriegen da was durcheinander. Die wollen nicht, dass wir Deutschen uns ernähren "wie die indische Bevölkerung". Denn "das kann nicht unser Anspruch sein", sagte ein AfD-Fleischfresser in der "Tagesschau". Was für ein absurder Vergleich: 80 Prozent der bald 1,4 Milliarden Inder sind Hindus, denen Rinder bekanntlich heilig sind. Muslime verschmähen Schwein. Viele Buddhisten rühren aus religiösen Gründen weder Wurst noch Fleisch an. In der Jain-Religion genießen alle Tiere Schutz vor Gewehren, Messern und Gabeln.

Auch den Grünen brennen die Sicherungen durch. Sie fordern ein "Recht auf Homeoffice" für Büroangestellte und ein "Recht auf Hitzefrei" für Schuftende an freier Luft. Köstlich. Dann werden Biobauern ab sofort ihre Felder und Ställe in Homeoffice beackern und vielleicht Marihuana anbauen. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter meint: "Wir brauchen einen koordinierten Hitzeaktionsplan, um unsere Gesellschaft auf die extreme Hitze vorzubereiten." Genau. Meiner sieht so aus: Ich biete ab sofort Tauchkurse in der Brunnenanlage gleich neben meiner Wohnung an. Warum in die Ferne fliegen, liegt die Karibik doch vor der Haustür.

Quelle: n-tv.de

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