Leben

Scharf. Unscharf. Unmöglich. Wie Dating-App-Profile unsere Lust killen

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Ein schöner Oberkörper allein reicht nicht, um eine Frau von sich zu überzeugen.

(Foto: imago images/Westend61)

Wer sich im realen Leben auf die Suche nach einem neuen Sexual- oder Lebenspartner macht, ist bemüht, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Das scheint für Dating-Apps nicht zu gelten. Darauf lassen zumindest zahlreiche Profile schließen.

Stellen Sie sich vor, es ist Samstagabend und die Corona-Pandemie endlich Geschichte. Sie planen, mal wieder auszugehen und wollen den Heimweg im besten Falle nicht allein antreten. Ob Sie auf der Suche nach einer neuen großen Liebe oder einfach nur einem sexuellen Abenteuer sind, spielt erstmal keine Rolle. Vermutlich aber ziehen Sie sich etwas an, in dem Sie sich wohlfühlen und als gutaussehend empfinden. Sind Sie eine Frau, legen Sie noch ein wenig oder auch ein bisschen mehr Make-up auf, frisieren sich die Haare und gehen los, um mit Freunden oder Freundinnen ein Restaurant, eine Bar oder einen Club zu besuchen. Sie tun im Vorfeld eben alles, um beim potenziellen Lebens- oder Sexualpartner einen guten Eindruck zu hinterlassen. Diese Chance gibt es ja bekanntlich nur einmal.

Das Kennenlernen funktioniert in Zeiten der Digitalisierung allerdings schon seit geraumer Zeit oft ein wenig anders. Heute legt man bei der Suche nach Sexgespielen und -gespielinnen kurzerhand ein Profil bei einer der einschlägigen Dating-Apps an und hofft, so auf ein "Match" zu treffen. Das scheint erstmal unkomplizierter zu sein, als in der freien Wildbahn auf die Pirsch zu gehen. Warum aber geben sich dann vor allem die Männer bei der Präsentation ihrer selbst dort so verdammt wenig Mühe?

Landschaftsaufnahme statt Porträt?

Immer wieder stolpert man als Frau - und aufgrund meines Geschlechts kann ich hier eben vor allem aus der weiblichen Perspektive schreiben - über Profile bei Tinder & Co, die einem nichts oder nichts Gutes über den doch offenbar ebenfalls die Liebe oder den Sex Suchenden verraten. Da preisen sich die Interessenten mit unscharfen Bildern an, oft nur im Anschnitt oder mit Motorradhelm auf dem Kopf. Nicht selten wird gleich nur das Bike gezeigt oder ein tiefergelegter Sportwagen. Auch sehen wir Kerle, die sich in lustige Kostüme gezwängt haben, mit Zahnbürste im Mund und hochgeklapptem Toilettendeckel im Hintergrund vor dem Badspiegel posen, sich beim Klettern/Segeln/Surfen von hinten ablichten ließen oder ihre nicht immer ansehnlichen Füße auf einer Liege am Sandstrand fotografierten. Ebenso sind Gruppenfotos, aus denen der Profil-Inhaber nicht klar hervorgeht, keine Seltenheit. Was bitte soll eine Frau mit diesen Informationen anfangen?

Manches Mal verzichten gerade die Männer, deren Antlitz auf den Fotos nicht zu erkennen ist, weil sie stattdessen auf Landschafts- oder Tieraufnahmen zurückgreifen, auch noch auf eine Beschreibung ihrer Person und ihrer Interessen. Sexuelle Vorlieben dagegen werden schon häufiger geteilt. Doch woher soll die App-Userin wissen, ob sie mit dem Menschen, von dem sie maximal eine Brustwarze zu sehen bekommt, Kuschelsex oder Praktiken wie Bondage überhaupt ausprobieren möchte?

Ebenfalls ein gern hochgeladenes Motiv sind die eigenen Kinder. Und das in Zeiten, in denen permanent darüber diskutiert wird, ob es überhaupt in Ordnung ist, den Nachwuchs in den digitalen Medien offen zu zeigen! Das geschieht vermutlich auch noch ungefragt, denn meist sind es Babys oder Kleinkinder, mit denen die stolzen Väter in die Kamera grinsen. Natürlich ist es gut, wenn die Frau weiß, dass der Mann Kinder hat, doch könnte er das einfach in dem Beschreibungstext erwähnen. So ist schnell klar, dass eine heiße Affäre durch allerlei zeitliche Einschränkungen erschwert werden kann oder die Frau sich bei einer echten Liebesbeziehung längerfristig auf die Rolle als Stiefmutter einstellen muss. Doch für diese Informationen ist es vollkommen unnötig, die Kids, um die es geht, vorab gesehen zu haben. Keine Frau entscheidet sich doch für einen Mann, weil seine Kinder besonders niedlich sind. Das gilt übrigens auch für Katzen- und Hunde-Fotos. Die Singlefrau ist auf der Suche nach einem Sexualpartner, nicht nach einem Haustier. Dafür gibt es schließlich die Website des städtischen Tierheims. Einzig für Allergiker ist die Art des felligen Mitbewohners womöglich von Interesse.

Ein schöner Text kann Liebe retten

Worauf ich hinaus möchte, ist: Liebe Männer, geben Sie sich bitte bei der Erstellung Ihrer Dating-App-Profile ein bisschen mehr Mühe! Rücken Sie sich selbst in den Fokus der Kamera und achten Sie dabei auf gute Lichtverhältnisse! Auch wäre es hilfreich, wenn Sie nicht mal mit, mal ohne Bart, mal mit langem Haar, dann wieder mit Glatze zu sehen wären. Der aktuelle Look kann schließlich ausschlaggebend sein, muss er doch den Geschmack der Frau treffen, die aufgrund der optischen Unstimmigkeiten aber gerade vermutlich an Ihnen vorbeiwischt.

Fragen Sie einen Freund, ob er ein Ganzkörperfoto von Ihnen schießen kann, oder nutzen Sie den Selbstauslöser, damit am Ende mehr zu sehen ist als Ihre Nasenspitze! Verzichten Sie auf die Präsentation von Kindern, Autos, Stränden, Wäldern, Comics, lustigen Sprüchen, Motor- und Fahrrädern und strengen Sie stattdessen ein wenig Ihren Grips an, um einen ansprechenden Text zu verfassen! Er muss - nein, er sollte nicht lang sein, aber ein paar Interessen, etwas zu Ihren Vorstellungen und Wünschen wäre angebracht. Gern in wohlformulierten Worten unter Zuhilfenahme eines Dudens. Keine Frau hat Lust, aus einer Kakofonie an Emoticons Ihre Hobbys zu erraten.

Nun habe ich mir von männlichen Bekannten sagen lassen, dass auch auf der Seite von uns Frauen nicht alles richtig gemacht wird. Zwar wissen wir besser, wie wir uns ins rechte Licht rücken, doch wenn wir versuchen, unsere üppige Figur zu vertuschen, unzählige Fotofilter benutzen, die uns nicht mehr wie wir selbst aussehen lassen, oder uns ausschließlich bei der Meditation am Strand von Bali zeigen, bildet auch das wohl kaum die Realität ab. Und so ist die Enttäuschung beim ersten Treffen nahezu vorprogrammiert. Dort, wo es den Männern am Schönschreiben fehlt, tragen wir Frauen wohl manches Mal zu dick auf. Es ist also beiden Geschlechtern und auch allen dazwischen geboten, den goldenen Mittelweg zu finden. Ansonsten gilt bei Dating-Apps wie im richtigen Leben: Erwarte nichts und rechne mit allem!

Quelle: ntv.de