Leben

Energiesparend und mediterran Wohnen unter der Glaspyramide

161014_Pyramide_2_ba_03_ohne_Logo-1.jpg

800 Quadratmeter Wohnfläche haben unter der gläsernen Pyramide Platz.

(Foto: Staiger Lebensräume GmbH & CoKG)

Ein Wohnhaus unter einer gläsernen Pyramide - klingt ungewöhnlich, spart aber Energie und sorgt für ein Klima, in dem Oliven und Avocados wachsen. Im schwäbischen Bönnigheim zeigt ein Hobby-Architekt, was mit etwas Fantasie - und ganz ohne Schrauben - möglich ist.

Das Thermometer zeigt acht Grad Außentemperatur, doch im schwäbischen Städtchen Bönnigheim gedeihen auch im Winter Oliven- und Orangenbäume. Holzmöbel und ein Sofa stehen mit Blick auf die umliegenden Felder darunter im Freien - zumindest beinahe im Freien. Denn hier, etwa 40 Kilometer nördlich von Stuttgart, steht ein Haus, das es so kein zweites Mal gibt: ein Wohnhaus, über das eine Glaspyramide gestülpt ist. Das sorgt nicht nur für mediterrane Temperaturen vor der Haustür, sondern ist auch klimafreundlich und energiesparend. Denn Wind und Wetter bleiben dank der Glaskonstruktion zumindest teilweise draußen.

Auf 800 Quadratmetern Wohnfläche leben hier drei junge Paare in insgesamt vier voneinander abgegrenzten Wohnungen zur Miete - Yoga auf der Pyramidenspitze, Fernsehen im gläsernen Wintergarten oder Avocadoanbau inklusive. Auf fossile Energien wird verzichtet. Die 100 Quadratmeter große Photovoltaikanlage auf dem Carport vor dem Haus reicht in der Regel aus, um das Haus mit Energie zu versorgen. In einer Zisterne gesammeltes Regenwasser wird für die Tröpfchenbewässerung der Sträucher und Bäume verwendet, die im Inneren der Pyramide wachsen. Eine Sprinkleranlage sorgt dafür, dass die Außenhülle der Pyramide von Dreck befreit wird. Und 38 Lüftungsklappen am Boden und im Dach der Pyramide regulieren bei Bedarf Temperatur und Luftaustausch.

IMG_20191223_162457_1.jpg

Eigentlich stellt das Unternehmen von Bruno Staiger Ventile her. Doch die Architektur ist sein größtes Hobby.

(Foto: Franziska Türk)

"Die Luft kommt unten rein und steigt dann wie in einem Kamin nach oben", sagt Bruno Staiger. Der Unternehmer aus dem benachbarten Erligheim hat die Wohnpyramide geplant und umgesetzt. Eigentlich verdient er sein Geld mit Ventilen, hat auf diesem Gebiet viele Patente und Gebrauchsmuster angemeldet. Doch das Herz des 80-Jährigen schlug immer auch schon für die Architektur. Als er in Hannover vor Jahren ein Restaurant in einem pyramidenförmigen Gebäude besucht, ist er sofort Feuer und Flamme, nimmt Stift und Papier in die Hand und fängt an zu zeichnen. "Wenn ich einmal anfange, dann lässt es mich nicht mehr los", sagt er. Mehr als 15 Jahre braucht es nach dieser Skizze noch, dann aber steht am Stadtrand von Bönnigheim eine gläserne Pyramide mit integriertem Wohnhaus. "Es gibt andere Pyramidenhäuser. Aber so eine Haus-in Haus-Konstruktion gibt es sonst nirgendwo auf der Welt", sagt Staiger stolz.

Erstes Pyramidenbaby geboren

Aufsehen erregt die Pyramide, deren Umriss schon aus Hunderten Metern Entfernung sichtbar ist, tatsächlich. Kaum ein Spaziergänger oder Radfahrer, der nicht stehen bleibt und das Gebäude betrachtet. Lebt es sich da hinter der Glasfassade nicht wie auf dem Präsentierteller? "Im Prinzip ist es nichts anderes, als im Sommer auf der Terrasse zu sitzen", sagt Staiger. Durch die Lichtspiegelung des Glases sieht man von innen ohnehin besser nach draußen als anders herum.

IMG_20191223_161719_1.jpg

Von der Pyramidenspitze in 17 Metern Höhe lassen sich die umliegenden Felder überblicken.

(Foto: Franziska Türk)

Das Interesse an der außergewöhnlichen Wohnform war bei der Besichtigung der Wohnungen, die Staiger zu einem Quadratmeterpreis von neun Euro vorrangig an jüngere Paare vermieten will, jedenfalls groß. Und so wird in der Pyramide aus Glas gelebt, während in den steinernen ägyptischen Vorbildern im knapp 3000 Kilometer Luftlinie entfernten Gizeh einst die Toten begraben wurden. "Das ist der große Unterschied", sagt Staiger. "Es gab sogar schon den ersten Pyramidennachwuchs."

Statt auf jahrtausendealte Bautradition setzte der schwäbische Tüftler ohnehin auf viele neue Konstruktionen, verbaute mehrere Patente in seiner Pyramide. Die Stahlkonstruktion etwa, die die gläserne Pyramide zusammenhält, kommt ganz ohne Schrauben aus, die einzelnen Teile fassen wie Puzzlestücke ineinander. Und anstelle von Heizungen oder Klimaanlagen wird Warm- oder Kaltwasser in Kapillarrohre in den Decken und Wänden des Hauses gepumpt.

IMG_20191223_160953.jpg

Das Gerüst der Pyramide besteht aus Stahlstreben, die wie Puzzleteile ineinandergreifen.

(Foto: Franziska Türk)

Ökologische und energieeffiziente Gebäude zu schaffen, das ist Staiger bei seinen Entwürfen ohnehin wichtig. Denn die Wohnpyramide ist nicht das einzige außergewöhnliche Gebäude, das der Hobby-Architekt entworfen hat. Auch ein Hochhaus in Form einer Leiter plante er bereits - umgesetzt wurde das allerdings nie. Anders seine Produktionshalle samt Büro- und Wohnkomplex, die er in den 80er-Jahren ganz aus Klinkersteinen baute. "Da braucht es keinen Gips, keine Farbe, keine Tapete. Ein durch und durch ökologisches Gebäude - auch wenn damals viele noch nicht einmal wussten, wie man ökologisch schreibt", sagt er.

Hilfe für Notre-Dame-Wiederaufbau?

Ein Freund von Klinkersteinen ist Staiger von Anfang an. Das fing schon nach dem Zweiten Weltkrieg an, als Spielsachen knapp waren und Sand und Zement des benachbarten Maurers eine willkommene Abwechslung für den damals Sechsjährigen darstellten. "Das habe ich dann mit Wasser vermischt, in Streichholzschachteln gefüllt und so Steine hergestellt, aus denen ich dann einen Teich gebaut habe", erinnert sich Staiger. "Der war natürlich nicht dicht - aber die Freude an der Architektur war geboren."

Bescheidenheit spielt bei dieser Leidenschaft keine Rolle, Staiger will hoch hinaus. Seine für die Pyramide entwickelte schraubenlose Stahlkonstruktion würde er gerne zum Wiederaufbau der abgebrannten Notre-Dame-Kathedrale in Paris zur Verfügung stellen - das wäre die perfekte Unterkonstruktion für den zerstörten Spitzturm der Kirche, findet er. Geld will der 80-Jährige mit seiner Erfindung dabei nicht verdienen. Hauptsache im Gespräch bleiben, lautet die Devise.

Und im Gespräch bleibt er auch mit der Wohnpyramide, auch wenn die so gar nichts mit traditionellen Klinkerbauten und französischer Gotik zu tun hat. Bei dem eigentlichen Wohnhaus, das unter der Pyramide steht, hat sich Staiger vielmehr vom maurischen Baustil inspirieren und die Ecken des Gebäudes abrunden lassen. Farbenfrohe Kunstwerke schmücken die weiße Fassade. Außerhalb der steinernen vier Wände wird es im Hochsommer unter dem Glasdach der Pyramide allerdings ganz schön warm. "Der große Nutzen liegt in der Übergangszeit. Hier kann man noch im Oktober oder November gemütlich im T-Shirt im Atrium sitzen und Kaffee trinken."

Ist die klimafreundliche Glaspyramide also das Wohnhaus der Zukunft? Staiger winkt ab. "Es ist ein Luxushaus und es bleibt ein Luxushaus." Schließlich ist nur rund die Hälfte der Grundfläche auch wirklich nutzbar. "Interessant wäre es für die nordischen Länder oder für Russland, wo es viel Platz gibt und die Grundstückpreise niedrig sind", sagt Staiger. Und wo es naturgemäß eher kalt ist - und ein paar Oliven- oder Orangenbäume sicherlich für Verwunderung sorgen würden.

Quelle: ntv.de