Wohnen

Skandi-Stil per Algorithmus KI hilft beim Einrichten

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Mithilfe von Apps kann das Einrichten der Wohnung einfacher werden.

(Foto: imago stock&people)

Ob es ein runder Tisch im Esszimmer, ein buntes Bild über dem Sofa oder eine größere Lampe im Flur sein soll - bei der Einrichtungsplanung können auch Augmented-Reality-Apps helfen. Mittels künstlicher Intelligenz werde künftig aber noch viel mehr möglich sein, erklärt Ilija Vukorep, Architekt und Professor an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) im Fachgebiet Computergestütztes Entwerfen im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Ist das Trendthema künstliche Intelligenz auch schon in der Wohnungseinrichtung angekommen?

Ilija Vukorep: Ja, sehr stark sogar. Was machen Sie zum Beispiel mit als Erstes, wenn Sie sich neu einrichten wollen? Sie gucken sich Bilder in dem sozialen Netzwerk Pinterest an. Dieser Bereich der künstlichen Intelligenz, die Bilderkennung, hat bisher den stärksten Einfluss bei Einrichtungsplanungen. Das Themenfeld ist aber groß und noch lange nicht abgegrast.

Was heißt das?

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Ilija Vukorep befasst sich mit computergestütztem Entwerfen.

(Foto: Ilija Vukorep)

Pinterest ist ja nicht spezialisiert aufs Einrichten, sondern einfach eine Bilderkatalogisierungsmaschine. Bald starten aber Plattformen, die sich gezielt auf das Thema Wohnen konzentrieren. Diese Unternehmen sammeln alle möglichen Einrichtungsbilder, füttern den Computer damit und versuchen, daraus Schlüsse zu ziehen. Daran arbeiten sehr viele Firmen, es gibt aber noch keine fertigen Produkte.

Wie werden diese dann funktionieren?

Sie werden vor allem mit der Übertragbarkeit von Stilen arbeiten - etwa skandinavisch, rustikal oder hypermodern. Nutzer können Fotos oder Grundrisse ihrer Wohnung oder Räume hochladen, und für diese werden dann Stile in Form von Bildern generiert. Diese Technik heißt GAN (Generative adversarial network). Die zweite Stufe wird es sein, einen Stil in konkrete Planungen zu überführen - wo genau ein Sessel stehen könnte und wo es diesen zu kaufen gibt. Auch ein Budget könnte festgelegt werden. Stufe drei könnte die Weiterführung zum 3D-Druck eines Möbelstücks oder Einrichtungsteils sein.

Es gibt ja bereits Apps, mit denen ich etwa Möbel verrücken und mit der Einrichtung experimentieren kann.

Das sind Augmented-Reality-Apps, mit denen ich in 3D sehen kann, wie es aussieht, wenn mein Regal oder Bild in einer bestimmten Höhe hängt. Das ist allerdings noch umständlich, und oft kann nur ein einzelnes Produkt visualisiert werden. Ich kenne kaum jemanden, der das nutzt. Diese Anwendungen müssen noch ausgereifter werden.

Wie detailliert wird eine künstliche Intelligenz ein Zimmer einrichten?

Vorhänge, Bilder, Nachttischlampe, Kerzenständer - so was gehört alles dazu. Das wird auch der Anspruch der Nutzer sein.

Wird die Technologie eher im gewerblichen als im privaten Bereich genutzt werden - also mehr von Innenarchitekten als von Privatleuten?

Beides wird sich parallel entwickeln, und beide Gruppen werden ähnliche Tools nutzen - Profis nur in einer komplexeren Form. Architekten und Designern kann eine künstliche Intelligenz helfen, wenn sehr viele Räume gestaltet und schnell möbliert werden müssen. Ein Mensch würde jeden Raum einzeln hintereinander planen. Der Computer, der das mit maschinellem Lernen macht, wickelt alle Räume gleichzeitig ab. Die US-Firma WeWork zum Beispiel, die Büroflächen weltweit zu Coworking Spaces umbaut und vermietet, nutzt künstliche Intelligenz, um auf verschiedene Kulturkreise und Arbeitsweisen zu reagieren, damit ein Coworking Space in Singapur anders aussieht als in Berlin.

Wann rechnen Sie mit all dem, was Sie beschreiben?

Es ist alles noch in der Mache. Vielleicht ist es in fünf Jahren normal für uns, solche Apps zu nutzen, aber noch nicht in zwei Jahren. Der Preis ist auch noch ein Problem: Sobald eine App etwas kostet, wird es schwierig, weil der Nutzer eigentlich nichts dafür bezahlen will. Da muss man noch sehen, wie damit Geld verdient werden kann.

Sehen Sie noch andere Probleme?

Ja, die Gefahr der sogenannten Blase. Momentan ist künstliche Intelligenz darauf spezialisiert, den Wünschen der Nutzer zu folgen. Das heißt, sie verstärkt diese in ihrer Meinung, weil ihnen nur Sachen angezeigt werden, die ihrem Geschmack entsprechen. Erst wenn wir der Software noch so etwas wie eine kritische Stimme mit Alternativen hinzufügen können, haben wir wirklich ein intelligentes System.

Sie forschen auch zum Thema computergestütztes Entwerfen beim Bauen. Wie kann künstliche Intelligenz dort eingesetzt werden?

Mein Team und ich befassen uns unter anderem mit dem autonomen Bauen und forschen etwa an seilbewegten Robotern. Ziel ist, mithilfe von Lernalgorithmen den über dem Boden schwebenden Roboter auf Baustellen oder in Vorfertigungshallen einzusetzen. Dort würde er sich ständig ändernden Arbeitsbedingungen auf einer Baustelle, etwa der wachsenden Konstruktion, Geräten und Menschen im Arbeitsraum oder dem Wetter, eigenständig anpassen. Es wird aber noch einige Zeit dauern, bis Roboter selbst Häuser bauen. Bauen ist ein sehr komplexer Prozess, das macht in der Regel ein Team aus Experten verschiedener Fachrichtungen. Eine künstliche Intelligenz kann das nicht einfach komplett übernehmen.

Mit Ilija Vukorep sprach Nadine Emmerich

Quelle: n-tv.de