Reise

Suchen sie hier auch Gott? Der Jakobsweg fragt nicht nach dem Warum

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Der Weg ist das Ziel, aber die Gründe, sich auf den Weg zu machen, sind sehr verschieden.

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Seit über 1000 Jahren wandern Menschen auf dem Jakobsweg, inzwischen hat die Pilgerschaft für viele kaum noch etwas mit dem christlichen Glauben zu tun. Sie suchen nicht Gott, sondern bessere Kondition oder einfach sich selbst.

Knapp zehn Tage Reisezeit brauchen die meisten Wanderer für die etwa 200 Kilometer auf dem "Camino Francès", dem Klassiker unter den Jakobswegen. Tausende Menschen machen sich jedes Jahr auf, den Weg quer durch Galicien von O Cebreiro bis nach Santiago di Compostela zu laufen. Auch wenn es ein Pilgerweg ist, haben sie keineswegs nur religiöse Motive.

Gegen eine kleine Gebühr und Vorzeigen des Pilgerpasses und Personalausweises erhält man in der "Albergue do Cebreiro" Unterkunft. Im großen Saal stehen etwa 70 Doppelstockbetten. Hier schläft Jung über Alt und Mann neben Frau unabhängig von Nationalität oder Religion. Die Atmosphäre unter den vielen Pilgern ist trotz des anstrengenden Aufstiegs auf über 1200 Meter offen und gelöst. Zu hören sind spanische, englische, italienische und französische, aber auch deutsche Wortfetzen.

Zwei Nürnberger Studenten, die bereits seit einigen Wochen von Pamplona aus unterwegs sind, teilen gern wichtige Prinzipien des Herbergslebens: Duschen haben oft keine Türen. In der Nacht sollte man "wegen des Schnarchkonzerts Ohrstöpsel tragen". Einige eilige Pilger stehen schon früh um vier Uhr in der Dunkelheit auf und packen beim Licht ihrer Taschenlampen ihre Sachen und "Wertsachen sollte man lieber am Mann tragen".

Man ist nie allein

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Wer wieder eine Etappe geschafft hat, bekommt einen weiteren Stempel in seinen Pilgerpass.

(Foto: REUTERS)

Kurz nach Sonnenaufgang stehen die meisten Pilger mit Rucksack, Wanderstab, Fotoapparat und Tagesproviant auf der Straße, um mit einem "Buen Camino" das etwa 21 Kilometer entfernte Tagesziel Triacastela zu erreichen. Immer die gelbe Muschel vor Augen, das verlässliche Wegzeichen für den Camino, geht es in kleinen Gruppen los.

Wenn die Sonne durchkommt, hat man hier in den Bergen wunderbare Weitblicke auf entfernte Gebirgszüge und in die Täler. Immer wieder sieht man kleine Bauernhöfe, deren oft jahrhundertealte Geschichte aus den grauen Steinen des Gemäuers und den vergilbten Hölzern kaputter Fensterläden oder eingefallener Türen strahlt. Hunde liegen quer über dem Weg, eine alte Frau bietet am Straßenrand selbst gebackene Eierkuchen feil.

Je näher man Santiago kommt, desto voller wird der Camino. Man überholt oder lässt sich überholen, begleitet von einem "Ola`" oder "Buen Camino". Wer den Jakobsweg allein beginnt, merkt bald, dass man eigentlich nie allein ist. Unkompliziert werden Kontakte in die ganze Welt geknüpft. Von Norwegen über Irland, von Kanada bis nach Südkorea - nicht oft kann man in so kurzer Zeit Menschen aus so vielen Nationen sehen und sprechen, die alle ein Ziel eint: Santiago!

Sportler, Sucher, Ausflügler

Die Ziele, die die Pilger mit dem Jakobsweg verbinden, sind ganz unterschiedlich. Sicher, es gibt die religiös-spirituellen Pilger noch. Aber viele scheinen vom sportlichen Ehrgeiz gepackt zu sein, den Weg in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen. Andere sind Sucher, die "nur zu sich finden wollen". Und am Wochenende kommen auch die Familien mit Kindern oder Gruppen dazu, die eine Etappe quasi als Ausflug mitlaufen. Sie alle sammeln die roten, grünen, blauen, grauen oder lilafarbenen Stempel in den Kirchen, Herbergen oder Restaurants im Pilgerpass, dem "Credencial del Pelegrino".

In seiner spätromanischen Kirche "Parroquia de Santiago Peregrino" in Triacastela feiert Pfarrer Lopez eine offene, ökumenische Messe. Den Text des Evangeliums lässt er vom Altar aus in verschiedenen Sprachen von Pilgern aus Polen, USA, Mexiko, Norwegen, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden verlesen. Der Friedensgruß erfolgt intensiv mit herzlichen Umarmungen des Nachbarn. Bevor der Geistliche alle segnet, hat er noch den nützlichen Hinweis parat: "Der Weg ist kein Wettlauf, sondern eine spirituelle Übung. Lauf nicht so schnell und mit zu großer Geschwindigkeit - erlebe die Etappen in deiner persönlichen Glaubensdimension."

Man mag es bedauern und mit der Zeit hadern, wenn sich die inneren Beweggründe für den "Camino" bei vielen Menschen gewandelt haben. Doch die Tendenz zur Verweltlichung ist unübersehbar. Die meisten Pilgerherbergen werden nicht mehr von der Kirche getragen, sondern jugendliche Freiwillige aus ganz Europa absolvieren hier einige Monate ihres sozialen Jahres - finanziert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds.

In Palas de Rei sitzen John England und seine Frau Catrin in einem Lokal. Beide sind Naturwissenschaftler von der Universität Alberta in Kanada. "Die meisten Menschen auf dem Jakobsweg sind eigentlich gar keine richtigen Pilger", sagt John, "im besten Fall sind sie Suchende nach neuer Orientierung, nach sich oder dem Sinn ihres Lebens. Aber suchen sie hier auch Gott?" Seine Frau Catrin ergänzt, "die Sucht nach Geld, Gewinn und Erfolg zerstört leider bei vielen Menschen die Fundamente unseres christlichen Glaubens". Die katholischen Gläubigen sind sich einig: Eine bewusste Pilgerschaft ist eine alternative Gegenbewegung zum zersetzenden Materialismus sowie des schnellen Erreichens eines Ziels.

Pilgern "all inclusive"

Manche sprechen schon von einer Zwei-Klassen-Pilgerschaft auf dem Jakobsweg. Es gibt die einfachen Pilger, die mit all ihrem Hab und Gut, mit dem, was sie am Leib und auf dem Rücken tragen, von Station zu Station wandern. Und dann die Vornehmen, die immer Gepflegten mit sauberen Sachen und kleiner Provianttasche, funkelnagelneuem lackierten Pilgerstab und Plastik-Muschel aus dem Souvenirladen. Sie haben ihre festen Essenzeiten in den besseren Restaurants. Ihr Gepäck wird von einem Shuttlebus von Stadt zu Stadt gefahren, wo sie dann mindestens im Drei-Sterne-Hotel einkehren. Der einfache Pilger weiß in der Regel nicht, wo er am Abend schläft und ob die Herberge noch ein Bett frei hat.

"Ich bin der Camino", behauptet Sue Kenney von sich. Die Kanadierin ist schon zum zehnten Mal auf dem Jakobsweg unterwegs und mittlerweile Autorin von mehreren Büchern über den Pilgerweg. Mit "My Camino" stand sie wochenlang auf der Sachbuch-Bestsellerliste in ihrem Heimatland. Sues Leben ist mit dem Camino eng verbunden. Die Mutter dreier Töchter und ehemalige Telekommanagerin verlor mit Mitte 40 ihren Job und trennte sich von ihrem Mann. Leer und ausgebrannt ging sie damals in dieser Midlife-Krise auf den Jakobsweg und kam mit neuen Ideen und Zielen zurück. Seitdem gibt sie Seminare, führt kleine Reisegruppen als Guide über den Camino. Zum Abschied hat sie einen Rat: "Lege kleine Steine auf die Camino-Wegzeichen, so bleiben die Sorgen zurück".

"Den ganzen Pilgerweg kannst du eigentlich nur in Ruhe gehen, wenn du in Pension bist und unbegrenzt Zeit hast", erzählt Claude aus Avignon. Er ist Rentner und machte er sich schon vor Wochen nach Santiago auf. "Jetzt habe ich die Zeit, mir diesen Traum zu erfüllen. Im aktiven Arbeitsleben wäre das unmöglich gewesen", sagt Claude weiter, der ein Pilger, wie aus dem Bilderbuch ist: kommunikativ, das Ziel vor den Augen mit eigenem Tempo,  aber nicht verbissen. Seine Reise hat er nicht minutiös geplant und wenn die Herberge mal überfüllt ist, dann schläft er mit seinem Schlafsack schon mal in der Küche oder im Vorraum. Die zehn Tage, die man brauchen könnte, sind längst verstrichen.

Quelle: n-tv.de

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