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Streetart-Künstlerin Alice Pasquini "Aus einer Wand etwas Schönes machen"

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Alice Pasquini bei der Arbeit an einer Wand in Berlin - zu finden in der Warschauer Straße, Ecke Mühlenstraße.

(Foto: Markus Lippold)

Alice Pasquini ist eine der bekanntesten Streetart-Künstlerinnen der Welt. Sie arbeitet in ihrem Atelier in Rom, gestaltet Wände von New York bis Berlin. Dabei muss sie den Spagat zwischen Künstlerin und Vandalin schaffen, wie sie im Interview erzählt.

"Der Bürgermeister von Rom beauftragt mich, die Innenräume eines wichtigen Museums zu gestalten. Und der Bürgermeister von Bologna schickt mir einen Strafzettel, weil ich eine Wand besprüht habe." Alice Pasquini lacht. Für sie ist das kein Widerspruch, sie kennt beide Seiten der Medaille. "Ich kann gleichzeitig offizielle Kunst machen und als Vandalin gesehen werden", sagt sie im Gespräch mit n-tv.de.

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Große Wände sind Pasquinis Spezialität - hier bei der Arbeit im New Yorker Stadtteil Brooklyn.

(Foto: Jessica Stewart)

Die Italienerin ist eine der bekanntesten Streetart-Künstlerinnen der Welt. Ihr Atelier ist in Rom. Dort malt sie, probiert neue Sachen aus, bereitet aber auch Projekte und Auftragsarbeiten vor. Denn Pasquinis eigentlicher Arbeitsplatz ist die ganze Welt. In New York bemalt sie eine Wand. Sie nimmt in Portugal an einem Streetart-Festival teil. In Indonesien veranstaltet sie einen Kunst-Workshop mit Kinder und Jugendlichen. Zurück in Rom arbeitet sie mit elternlosen Flüchtlingskindern, bringt ihnen bei, ihre Gefühle künstlerisch auszudrücken.

Ihre Spezialität sind überlebensgroße Figuren, schwungvoll und farbenfroh. Meist sind es Porträts von Menschen, die im Straßenbild nicht zu übersehen sind. Für Pasquini ist das eine Form von Kommunikation: "Es ist spannend, wie Menschen auf die Arbeiten reagieren", erzählt sie. "Sie freuen sich über neue Sachen, sind aber auch traurig, wenn ein Werk wieder verschwindet". Das kann passieren, wenn man an Häuserwänden arbeitet. Pasquini hat damit kein Problem. Sie weiß um die Besonderheit, draußen zu arbeiten. "Ich muss mich auf die Menschen einstellen, die hier arbeiten und leben, auf die Farbe der Wand. Das alles inspiriert mich." Auf einer Leinwand, sagt sie, würde sich alles um sie selbst drehen. "Wenn ich draußen arbeite, geht es um etwas Universelleres. Es ist eine andere Art der Kommunikation."

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Pasquini bei der Arbeit im italienischen Salerno - als Vorlage nutzt sie eine Skizze.

(Foto: Dario Salzano)

Deshalb arbeitet sie hin und wieder auch spontan in den Straßen und malt kleine Kunstwerke: mal ein intimes Porträt an einem Hauseingang, mal das Gesicht eines Mädchens an einem Stromverteiler. Allerdings ist sie dabei vorsichtig. "Es hängt von der Kultur ab, davon, wo ich gerade bin, wie man sich dem Ganzen nähert." In großen Städten wie Rom, Berlin und New York gehört Streetart mittlerweile in einigen Vierteln zum Straßenbild. Deshalb fragt sie manchmal auch spontan den Besitzer, ob sie an einer Mauer arbeiten könne. Haben diese erst mal gesehen, was sie drauf hat, stimmen sie oft zu. "Ich versuche, aus einer hässlichen Wand etwas Schönes zu machen", beschreibt sie ihr Motiv.

"Das war revolutionär für mich"

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Neben großen Wänden malt Pasquini auch kleine, intime Porträts wie dieses in Marseille.

(Foto: Alice Pasquini)

Pasquini liebt die Kunst. Sie malt seit ihrer Kindheit, besuchte eine Kunsthochschule, arbeitete als Illustratorin. Erst während des Studiums entdeckte sie die Streetart für sich. An der Uni brachten ihr die altmodischen Professoren bei, wie heilig und bedeutend Kunst sei und dass man ein Konzept brauche. Nach dem Unterricht ging sie in die Straßen, genoss die künstlerische Freiheit und probierte verschiedene Techniken aus: Graffiti, Sticker, Poster und Stencils, also Schablonenkunst. "Das war revolutionär für mich", erzählt sie. "Das war eine Szene abseits des üblichen Kunstbetriebs."

Doch inzwischen hat der Kunstbetrieb einen Teil der Streetart vereinnahmt, die Szene hat sich gewandelt. Das merkt man vor allem an dem Hype, der um Banksy gemacht wird. Wird ein Werk des Briten entdeckt, wird notfalls die Mauer abgetragen, um es zu bewahren - es ist schließlich Millionen Dollar wert. "Streetart wurde als Begriff erfunden, um Sachen zu verkaufen. Die Romantik dahinter ist verschwunden", lautet Pasquinis Fazit. Die Romantik - das ist das Spontane dieser Kunstform, das Direkte, aber auch die Vergänglichkeit, wenn ein Werk etwa übermalt wird.

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Arbeiten für Galerien und Ausstellungen fertigt Pasquini auf gebrauchten Gegenständen wie alten Zeitungen - hier für eine Gruppenausstellung in diesem Jahr in Rom.

(Foto: Alice Pasquini)

"Graffiti-Künstler, die früher in den Straßen sprühten, war es völlig egal, ob sie damit Geld verdienten", sagt Pasquini. Heute hätten viele von ihnen den Ehrgeiz, als Künstler akzeptiert zu werden. Darin sieht sie eine Gefahr: "Wer bei Streetart-Festivals arbeitet oder wie Banksy in Museen und Ausstellungen hängt, gilt als Künstler. Alle anderen als Vandalen." Das sei falsch, sagt sie. "Ich bin Künstlerin, weil andere Menschen meine Sachen mögen." Sie nennt das demokratisch.

Die Sprühdose als Werkzeug

Pasquini sieht in der Straßenkunst eine Form von Meinungsfreiheit, weshalb sie sich auch für deren Akzeptanz einsetzt. "Wenn ich eine Stadt mit weißen Wänden sehe, fühle ich mich schlecht." Eine Sprühdose ist für sie ein Werkzeug, das ganz verschieden eingesetzt werden kann: "Gibt man sie einem alten Mann, repariert er sein Auto. Gibt man sie einem Künstler, macht er damit ein wunderschönes Werk."

Auch wenn es Pasquini um Kunst geht - Geld will sie damit natürlich auch verdienen. Deshalb nimmt sie nicht nur Aufträge für große Wände und Mauern an, macht also Streetart im eigentlichen Sinne. Man kann ihre Werke auch in Galerien oder direkt bei ihr kaufen, für die heimischen vier Wände. Auch wenn Puristen darin keine echte Streetart mehr sehen - für viele Künstler, die sonst auf Straßen arbeiten, ist dies längst normal geworden.

Wobei Pasquini versucht, das Gefühl der Straße auf die kleinen Werke zu übertragen. Sie malt und sprüht auf gebrauchte Materialien, die sie draußen findet: Mal sind es Pappen und Kartonteile, mal alte ausrollbare Landkarten aus dem Schulunterricht. Auch ihre Motive findet sie auf den Straßen, hält sie in ihrem Skizzenbuch fest und verarbeitet sie später. Schließlich legt sie auch viel Wert auf Handarbeit, jedes ihrer Werke bekommt eine individuelle Note. "Ich arbeite mit denselben Mitteln wie Graffiti-Künstler", sagt sie. Auch im Atelier. "Ich bin gleichzeitig Teil der Kunstwelt und Streetart-Künstlerin."

Mehr Werke von Alice Pasquini gibt es auf ihrer Webseite und ihrer Facebook-Seite.

Quelle: n-tv.de

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