Unterhaltung

Ist Petting ansteckend? "Bravo" wird 60

Zwischen pubertierendem Liebesfieber und dem Backstage-Getuschel von Stars und Sternchen der Stunde: Die "Bravo" ist stets dabei, wenn die Jugend ihre neugierigen Fühler ausstreckt. Und das nun schon seit sechs Jahrzehnten.

Meine ersten musikalischen Helden? Smokie und die Bay City Rollers! Schon als Hort-Knirps stand ich auf handgemachte Sechssaitermusik. Mit Disco und Schlager konnte ich Ende der Siebziger nichts anfangen. Boney M und Roy Black waren mir ein Graus. Ich hörte lieber "Oh Carol" und "Rock And Roll Love Letter" in der Endlosschleife. Ohne die "Bravo" würde ich vielleicht heute noch mit den Stimmen von Chris Norman und Les McKeown den Tag beginnen lassen. Doch es kam alles anders.

Meine Recherchen haben ergeben, dass es im Januar 1981 gewesen sein muss, als mir meine erste "Bravo"-Ausgabe in die Hände fiel. Darauf zu sehen; das Konterfei von Elvis, umrahmt von vielen bunten Buchstaben. Für mich war der eigentliche Hingucker aber ein anderer: nämlich das Bild von zwei wild kostümierten Gestalten mit geschminkten Gesichtern. Der eine hatte einen Stern im Gesicht, der andere streckte seine Zunge heraus und präsentierte einen Bass in Form einer Axt. Ich dachte nur: Wow! Was sind das denn für abgefahrene Typen?

Wegweiser für das innere Ich

Von diesem Tag an, war es um mich geschehen. Die "Bravo" hatte mich in die Kiss-Welt entführt. Ich tapezierte mein Zimmer mit dem Star-Schnitt der Band, rahmte mir im Laufe der Jahre zwei Autogrammkarten ein und archivierte jeden Bericht und jedes Poster meiner neuen Heroen, wie andere Leute es mit ihren Briefmarken tun.

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Doppelseite der "Bravo" mit der Rubrik "Dr. Sommer".

(Foto: Bauer Media Group/BRAVO/dpa)

So wie ich wurden auch Millionen andere Kids durch die "Bravo" musikalisch sozialisiert und in puncto Kunst und Entertainment mit ersten Oha-Momenten konfrontiert. Die "Bravo" präsentierte sich aber nicht nur als ein wöchentlich frisch geputzter Spiegel der internationalen Unterhaltungsbranche. Als "Zeitschrift mit dem jungen Herzen" war die erstmals im August 1956 am Kiosk erhältliche "Bravo" auch Wegweiser für das innere Ich eines jeden Heranwachsenden von München bis Berlin.

Mit der Foto-Love-Story und dem Dr.-Sommer-Team rannte die "Bravo" bei jedem pubertierenden Teenie offene Türen ein. Deutschlands Jugend hatte endlich "jemanden", der sich um die wirklich wichtigen Fragen kümmerte. Kann man vom Händchenhalten schwanger werden? Wann wachsen die ersten Locken zwischen den Beinen? Und: Kann mein Freund auch die Anti-Baby-Pille nehmen? Die Next Generation wollte alles ganz genau wissen. Während Mama und Papa in den Sechzigern und Siebzigern die Hände vors Gesicht schlugen und die Lehrer in den Schulen mit dem Rohrstock drohten, öffnete die "Bravo" Türen und Tore für all die neugierigen Kids, die vom Tuten und Blasen noch keine Ahnung hatten.

Bindeglied zwischen Kindsein und Erwachsenwerden

Auch heute noch fungiert die "Bravo" als frisch gedrucktes Bindeglied zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. Immer am Puls der Zeit katapultiert sie die Stars und ihre Storys ins Rampenlicht. Die ersten Deutschland-Gehversuche der Beatles, Einblicke in die privaten Studio-Gemächer von Abba oder intime Rundfahrten auf dem Kelly-Family-Hausboot: Die "Bravo" stand stets in der ersten Reihe, wenn es um die ganz großen Karrieren ging.

Heute weiß jedes Kind dank der "Bravo", mit welchen Angstzuständen Kendall Jenner zu kämpfen hat, wo sich Miley Cyrus ihr letztes Tattoo hat stechen lassen und welcher YouTuber sich gerade über die meisten Klicks freut.

Nicht mehr ansatzweise so auflagenstark wie zu Hochzeiten Mitte der Neunziger, aber immer noch wegweisend, lässt sich die "Bravo" heute ordentlich feiern. In der Münchner Redaktion werden 60 Geburtstagskerzen angezündet. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Solange die Kids Poster ihrer Helden an die Wand tackern, Klebe-Tattoos spazieren tragen und Petting für eine Geschlechtskrankheit halten, wird die "Bravo" allen Jungen und Mädchen treu zur Seite stehen. Und das ist auch gut so. In diesem Sinne: Super! Klasse! Bravo! Und ich gehe jetzt erst einmal in den Keller und gucke, wo mein Kiss-Starschnitt abgeblieben ist …

Quelle: n-tv.de

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