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Berliner "Tatort" mit Becker und Waschke Das Leben ist eine Baustelle

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Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) ermitteln in einer Kneipe.

rbb/Frédéric Batier

Viele Kollegen hätten gern, was das Berliner "Tatort"-Duo scheinbar selbstverständlich umwölkt: ein bisschen Geheimnis und persönliches Drama. Mit dem letzten Fall vor der Sommerpause spielen sich Meret Becker und Mark Waschke in die A-Riege des Krimi-Kollektivs.

Sie würden das ja gern alle irgendwie hinbekommen, die Tatort-Crews landauf, landab. Ihre Kommissarinnen und Kommissare mit ausreichend quotenstärkendem Geheimnis ausstatten, mit Laster und Liebesleben, Witz und Wahnsinn, mit privatem Unterboden und offiziellem Überbau, das Ganze zu einem Wiedersehensfreude schürenden Amalgam verquickt. Die Crews zwischen unauffällig und unterhaltsam arrangiert, die Stadt ins rechte Licht gesetzt, den Ton getroffen. Ach ja, und natürlich einen Fall, so spannend und rätselhaft, dass man sich kaum zu blinzeln getraut.

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Katharina Werner wird in einer Tiefgarage gefunden.

(Foto: rbb/Frédéric Batier)

Wie scheinbar von selbst das gehen kann, zeigt jetzt das Berliner Team mit Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke), das sich mit seinem dritten Fall endgültig in der vordersten Reihe des bundesweiten "Tatort"-Kollektivs festsetzt. Im Zentrum, so es denn überhaupt eines gibt in diesem als lose Collage angelegten Krimi, steht der Mord an Katharina Werner. Im Parkhaus eines Shoppingcenters wird sie über den Haufen gefahren und schließlich im zweiten Anlauf getötet. Die Spur führt zu Mann (Steffen Münster) und Sohn (Béla Gabor Lenz), zur Halterin des Tatfahrzeugs, Birgit Hahne (Valerie Koch), die eine Affäre mit Vater Werner gehabt hat.

In den Fokus geraten nach Auswertung der Kamera-Aufzeichnungen des Kaufhauses schnell jedoch die Freundinnen Louisa (Cosima Henman), Paula (Emma Drogunova) und Charlotte (Valeria Eisenbart). Dass die drei etwas mit der Tat zu tun haben, scheint auf Anhieb festzustehen, die handyvernarrten Pubertanten geben sich jedoch ebenso verschlossen wie arrogant. Arroganz ist das Stichwort - denn die wird noch getoppt vom Kollegen Karow, dessen Selbstbewusstsein förmlich im Dunkeln leuchtet. Dass das überaus unterhaltsam daherkommt, liegt an Mark Waschke, der nicht nur ganz exquisit im blauen Nadelstreifen-Anzug aussieht - und auch nackt auf der Ledercouch eine ausgesprochen gute Figur macht - sondern der zudem seine Selbstverliebtheit ziemlich elegant mit Grips und Schlagfertigkeit kombiniert. Dass ihm das alles angesichts seiner eigenen Verstrickung in einen Fall aus der Vergangenheit kurz mal aus den Händen gleitet, macht ihn als Typ umso interessanter und unterhaltsamer.

Private Dramen ohne Schnickschnack

Auch Kollegin Rubin hat so ihr eigenes Ding am laufen. Von Männe getrennt, vom Sohnemann ignoriert, vom Weißwein auch nur temporär getröstet, rutscht ihr auch noch die Hand aus, schlägt die nervlich angeschlagene Kommissarin im Affekt eine Verdächtige. Man weiß gar nicht so genau, an die Fersen welcher Story man sich hier heften soll. Die privaten Dramen der Ermittler, das Dilemma der völlig überforderten Eltern, die juvenilen Mall Rats, die Party in geklauten Autos machen, an ihren Handys hängen wie am Infusionsschlauch, sich in ihren Netzwerken als "Fickfehler" bezeichnen und denen "Bullenfotze" so leicht über die Lippen geht wie ein vorgekautes Kaugummi.

"Wir - ihr - sie" nennt Autorin Dagmar Gabler diesen Fall, den Regisseur Torsten C. Fischer ohne Schnickschnack, nüchtern, direkt, nah dran inszeniert. Das trifft den Kern. Hier stehen die Figuren in Grüppchen nebeneinander und doch nie wirklich zusammen. Geeint im Ringen um Glück und Erlösung und gleichzeitig dadurch meilenweit voneinander entfernt: Die Alten von den Kindern, die Kollegen untereinander, kaum einer versteht den anderen, da mögen sie noch so weit die Augen aufreißen. Oder wie Paula es so nach dem Geständnis so doppeldeutig wie treffend zusammenfasst: "Ich bin nicht zu erreichen".

Warum das alles in seiner zuweilen diffusen Montage, die auf Gewichtung und Whodunit-Freuden nahezu völlig verzichtet, so stimmig daherkommt? Vielleicht, weil hier eben nicht mit dem Edding unterstrichen wird, keine mühsam gedrechselten Biografie-Muster die Handlung wässrig machen, die Typen in ihren Rollen eine Handbreit authentischer daherkommen als viele ihrer Sendeplatz-Kollegen. Das geht soweit, das sich am Ende jenes Gefühl einstellt, dass man vom linearen Old-School-Glotzen kaum noch kennt: Man könnte davon direktemang die nächste Folge gucken.

Quelle: n-tv.de

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