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Flüchtlings-"Tatort" mit Möhring Heidenau in Uniform

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Falke und Lorenz können kaum fassen, was passiert ist.

(Foto: NDR/Alexander Fischerkoesen)

Wotan Wilke Möhring stochert im braunen Sumpf einer niedersächsischen Polizeidienststelle, in deren Keller ein Asylbewerber bei lebendigem Leib verbrannte. Das Übelste daran: Die Geschichte beruht auf einem realen Fall.

Dienststellenleiter Werl hat Lust auf ein schönes, saftiges Steak: Der bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Leichnam eines afrikanischen Asylbewerbers, der gerade eben an ihm vorbeigerollt worden ist, hat ihn anscheinend auf den Geschmack gebracht. Dass Gibril Bali in Polizeigewahrsam bei lebendigem Leib verbrannte, während er an Händen und Füßen gefesselt war und die Kollegen der Nachtschicht satte 16 Minuten brauchten, um den Brand in der Zelle zu melden, geschweige denn zu löschen, tangiert ihn eher peripher: Ein Hoch auf die niedersächsische Geselligkeit.

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Die Asylbewerber protestieren gegen den institutionellen Rassismus in Salzgitter.

(Foto: NDR/Alexander Fischerkoesen)

Den Kommissaren Falke (Wotan Wilke Möhring) und Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) ist dagegen eher nicht so nach Feiern zumute: Die offizielle Version, nach der der Flüchtling sich in seiner Zelle selbst angezündet haben soll, hat nicht nur für die beiden "Tatort"-Bundespolizisten mehr Löcher als ein Schweizer Käse - auch als Zuschauer fragt man sich zunächst fast zwangsläufig, wer sich so einen unrealistischen Kram eigentlich ausdenkt. Bis man erfährt, dass "Verbrannt" auf einem realen Fall aus dem Jahr 2005 beruht.

"Ich bin kein Rassist, aber ..."

Damals verbrannte Oury Jalloh in einem Dessauer Gefängnis: Einer der Verantwortlichen wurde deswegen zu einer lächerlichen Geldstrafe verurteilt, der andere sogar freigesprochen - obwohl mittlerweile vieles tatsächlich auf Mord und nicht auf fahrlässige Tötung hindeutet. Im "Tatort" wollen Falke und Lorenz verhindern, dass die Mörder ungeschoren davonkommen und stoßen auf ein ganzes Sammelsurium menschlicher Abgründe in Uniform: "Was ist denn das für ein Sumpf hier?", verzweifelt Falke zwischenzeitlich verständlicherweise - Kollegin Lorenz beschließt im Angesicht des verfaulten Provinzpolizeiapparates sogar, den Dienst zu quittieren.

Regisseur Thomas Stuber schafft es, die schizophrene Geisteshaltung der "Ich bin kein Rassist, aber …"-Fraktion nachvollziehbar rüberzubringen: Dienststellenleiter Werl (Werner Wölbern) und seine Kollegen feiern zu "Black Magic Woman" und schwafeln kurz darauf von der vordersten Front, an der sie stünden, um den "Dreck" zu beseitigen, der "über die Grenzen schwappt". Und ein Polizist mit türkischen Wurzeln findet: "Das is doch mehr so'n Ossi-Ding: Neger verbrennen". Wer sich nicht selbst an der Hetze beteiligt, hat zu viel Angst, um den Mund aufzumachen: Altbekannte Symptome einer längst vergangen geglaubten Zeit, die einem den Schauer über den Rücken jagen.

"Verbrannt" zeigt schmerzhaft deutlich, dass Hass ein schleichendes Gift ist - ein gemeingefährliches Destillat aus Angst, Unwissenheit und Verblendung, das vor niemandem haltmacht: "Wir sind im Krieg, die Welt ist kaputt. Neger, Zigeuner, Drogendealer: Wir müssen dagegenhalten, wir müssen uns wehren - mit allem, was wir haben", sagt Werl am Ende - und ist tatsächlich davon überzeugt, das Richtige zu tun. Dass die bessere Zukunft, für die der selbsternannte Patriot kämpft, die dunkeldeutschen Farben Heidenaus trägt, fällt ihm dabei nicht auf.

Quelle: n-tv.de

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