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Kein ESC ohne Politik Putins Geist schwebt über Kiew

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O.Torvald vertreten in diesem Jahr die Ukraine beim ESC.

(Foto: AP)

Der russisch-ukrainische Konflikt hat den Eurovision Song Contest politisiert. Obwohl Russland in Kiew nicht dabei ist, ist Wladimir Putin präsent. Aber auch die Ukrainer zündelten im Vorfeld kräftig.

Seit fast zwei Stunden laufen in Kiew die ESC-Teilnehmer bei sommerlichen Temperaturen bereits über den roten Teppich an der Seite des Parlamentsgebäudes, doch dann kommt noch einmal Stimmung auf: Die Lokalmatadoren sind im Anmarsch. Als die fünf Jungs der Gruppe O.Torvald auftauchen, sind die ukrainischen Pressevertreter schier aus dem Häuschen. Die mit Pannen begonnene Veranstaltung findet doch noch ein versöhnliches Ende.

Mit Rock will der Gastgeber diesmal überzeugen - O.Torvalds Song "Time" soll der komplette Gegenentwurf zur ESC-Vorjahressiegerin Jamala sein. Die Krimtatarin hatte mit "1944" über das Schicksal ihrer Familie während der düsteren Stalin-Zeit in der Sowjetunion gesungen. Ein Titel, der den großen Nachbarn Russland zutiefst verärgerte, zumal der eigene Vertreter Sergej Lasarew trotz aufwändiger Videoshow nur auf den dritten Platz kam. Der russisch-ukrainische ESC-Krieg brach aus, er fand in diesem Jahr mit dem Ausschluss der Russin Julia Samoilowa seine Fortsetzung.

Rote Flecken auf dem T-Shirt

Obwohl Russland beim diesjährigen Eurovision Song Contest nur Zaungast ist, schwebt dennoch Wladimir Putins Geist über dieser Veranstaltung. Die Russen schlachteten die Ausbootung ihrer Sängerin medial regelrecht aus und zogen gegen die Regierung in Kiew propagandistisch zu Felde. Auch der ukrainische Geheimdienst trägt dafür Verantwortung. Dieser hatte Samoilowa mit dem Einreiseverbot belegt. Für das I-Tüpfelchen sorgten im Vorfeld des ESC aber ausgerechnet die Rocker von O.Torvald, die gutgelaunt über den roten Teppich schlendern und viele Interviewwünsche erfüllen.

Denn beim ukrainischen Vorentscheid waren die fünf Bandmitglieder alles andere als nett und zurückhaltend. Während ihres Vortrags explodierten auf der Brust von Sänger Jewhen Halytsch zwei Platzpatronen, die rote Flecke auf seinem T-Shirt hinterließen. Die Jungs aus Poltawa stürzten sich auf die ihnen eigene Art in das politische Getümmel. Die Reaktion aus Russland ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Zwischen den Fronten stand wieder einmal die arg gescholtene Europäische Rundfunkunion (EBU), die sich nach dem ESC mit der russisch-ukrainischen Problematik beschäftigen will.

Die Musik in der Politik spielt in der Ukraine nicht erst seit 2016 eine wichtige Rolle. Die Orangene Revolution 2004, die den prowestlichen Viktor Juschtschenko an die Macht spülte, wurde von der speziellen ukrainischen Popmusik begleitet. Auf dem Kiewer Maidan fand so eine Art "ukrainisches Woodstock" statt, das politisierter als das Original von 1969 war.

Ruslana - vom ESC in die Politik

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Sängerin Ruslana bei ihrem ESC-Sieg 2004.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Wenige Monate zuvor hatte Ruslana mit "Wild Dances" den ESC in Istanbul gewonnen. Ihr Auftritt wurde von stampfenden Rhythmen begleitet, die Musik soll sich an der traditionellen Musik der Huzulen, einer aus den Karpaten stammenden Volksgruppe, orientiert haben. Ruslana wäre wohl wie so viele ESC-Künstler aus der Öffentlichkeit verschwunden gewesen, wenn der Ethnopop im Zusammenhang mit den politischen Ereignissen nicht so eine große Aufwertung erfahren hätte. Ruslana saß auch von Anfang 2006 bis Mitte 2007 in der Werchovna Rada, dem ukrainischen Parlament - für die Juschtschenko-Gruppierung Nascha Ukraina. Sie kehrte der Politik wegen der Dauerkrise im Parlament den Rücken.

Zehn Jahre später wollen die Ukrainer ihre Rolle als ESC-Gastgeber für Imagezwecke nutzen. Das politisch und wirtschaftlich schwer angeschlagene Land gibt sich gastfreundlich, allerdings mit martialischem Beiwerk. Sicherheitskräfte sind allgegenwärtig. Vergessen scheinen in diesen Tagen die Störungen aus dem rechtsnationalen Lager bei der Bemalung des Bogens der Völkerfreundschaft mit den Regenbogenfarben. Die Kiewer Verantwortlichen um Bürgermeister Vitali Klitschko setzen die diesjährige ESC-Losung "Celebrate Diversity" in die Praxis um.

Nun tritt der ESC in die heiße Phase. Am Dienstagabend steht das erste Halbfinale an. In dieser Woche spielt in Kiew die Musik die Hauptrolle. Nach Auftritt des diesjährigen ESC-Siegers Sonntagfrüh hält der graue Alltag auch in der ukrainischen Hauptstadt wieder Einzug.

Quelle: ntv.de