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Comics, Weltkrieg, Max und Moritz Streich auf Streich in Erlangen

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Max und Moritz gelten nicht nur als eine der Keimzellen der Comic-Kunst - sie sind auch Namensgeber des wichtigsten deutschen Comicpreises, der in Erlangen vergeben wird.

(Foto: Karikaturmuseum Wilhelm Busch)

Ein König wird gekrönt, ein Krieg begutachtet und Künstler gefeiert: Mit einem bunten Programm lockt der Comic-Salon Fans der neunten Kunst nach Erlangen. Stars wie Jacques Tardi, Batman-Zeichner Klaus Janson und Ralf König setzen die Akzente.

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Der Schrecken des Ersten Weltkriegs als Comic: Ausschnitt aus "Elender Krieg" von Jacques Tardi.

(Foto: Jacques Tardi – Edition Moderne)

150, 100, 30 - drei Zahlen bestimmen den diesjährigen Internationalen Comic-Salon in Erlangen. Das wichtigste deutschsprachige Festival für Comics und grafische Literatur feiert in diesem Jahr nicht nur sein 30-jähriges Bestehen. Es blickt auch auf die deutsche Comic-Geschichte zurück - so man denn die Geburt von Max und Moritz vor 150 Jahren als deren Ursprung ansieht.

Die 100 schließlich steht für den Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, dessen in diesem Jahr weltweit gedacht wird. Auch auf dem Salon, der an diesem Donnerstag seine Pforten öffnet, nimmt die Erinnerung daran einen großen Platz ein. Vor allem französische Künstler sind es, die den "Großen Krieg" in Comics verarbeitet haben. Einer von ihnen - Jacques Tardi - zählt denn auch zu den Stargästen des Festivals.

"Landschaft des Todes"

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Kein Comic, aber auch eine zeichnerische Annäherung an den Krieg: "Sturmtruppe geht unter Gas vor" (1924) von Otto Dix.

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2014)

In etlichen Werken beschreibt Tardi die Schicksale einfacher Soldaten. Titel wie "Grabenkrieg" und "Elender Krieg", die zum Jubiläum neu aufgelegt wurden, zeigen bereits, dass es hier um die schonungslose Darstellung des Frontalltags geht, um die Zerstörung von Mensch und Landschaft. Diese Themen stehen auch im Mittelpunkt der Tardi gewidmeten Ausstellung "Landschaft des Todes", die zum Salon gezeigt wird.

Eine zweite Ausstellung widmet sich der Darstellung des Krieges durch Künstler an der Front - darunter Otto Dix aus Deutschland und dem französischen Zeichner Gus Bofa. Gezeigt werden seltene Originale, die unmittelbar und authentisch die Kriegsgräuel einfangen. Dass der Weltkrieg auch die jüngere Generation beschäftigt, beweist schließlich der Malteser Joe Sacco. Sein jüngst erschienenes sieben Meter langes, gezeichnetes Leporello über den ersten Tag der Schlacht an der Somme wird auf dem Erlanger Schlossplatz auf einem 60-Meter-Panorama reproduziert.

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"Tintin in Slumberland": Eine Hommage von Zeichner Atak an Winsor McCay und Hergé.

(Foto: Atak)

So präsent das Kriegsgedenken auch ist - es soll natürlich nicht die anderen Themen verdecken, die ebenfalls in Erlangen eine Rolle spielen. Dabei werden etliche Jubiläen gefeiert: Der 150. Geburtstag von Wilhelm Buschs "Max und Moritz" ist der Anlass für eine Ausstellung über die deutsche Comic-Geschichte. Auch der 100. Geburtstag von Tove Jansson, der Schöpferin der Mumins, wird in einer Schau gefeiert. Weitere Ausstellungen zeigen Werke der prägenden deutschen Künstler Anke Feuchtenberger und Atak oder feiern die Geburtstage der Magazine "Reddition" und "Spring" - die in 30 beziehungsweise 10 Jahren Bestandteile der deutschen Comic-Szene geworden sind.

"Ach, so ist das?!"

Diese Schwerpunkte lassen den Eindruck entstehen, dass dieser Comic-Salon ein Festival des Rückblicks ist, der Einordnung und der Bestandsaufnahme. Und tatsächlich bietet das 30. Jubiläum diese Möglichkeit. Doch wer abseits der groß angekündigten Veranstaltungen sucht (was man als Besucher unbedingt tun sollte), kann schnell in die Vielfalt der derzeitigen deutschen Comic-Kunst eintauchen - eine Kunst, die nach wie vor um Akzeptanz kämpfen muss.

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Zeichnung von Ludmilla Bartscht aus dem ausschließlich von Zeichnerinnen gestalteten Comic-Magazin "Spring", das in Erlangen seinen zehnten Geburtstag feiert.

(Foto: Ludmilla Bartscht)

In Podiumsgesprächen, Vorträgen, Diskussionen und Ausstellungen werden aktuelle Werke vorgestellt. Darunter ist etwa "Ach, so ist das?!" von Martina Schradi, die Alltagserfahrungen von lesbischen, schwulen und anderen Menschen mit "abweichender" sexueller Orientierung aufgezeichnet hat. Mawil präsentiert seinen Band "Kinderland" über das Ende der DDR. Mit "Gung Ho" wird eine neue Serie zweier bayerischer Zeichner vorgestellt, die erst über Frankreich den Weg nach Deutschland gefunden hat. Jens Harder wird über seinen Evolutionscomic "Beta … civilisations" sprechen, Daniela Schreiter über ihr Buch "Schattenspringer" über das Leben mit dem Asperger-Syndrom.

Auf der Messe, dem Herz des Festivals, werden die 150 Aussteller viele weitere Werke - vom Prachtband bis zum kleinen Fanzine - präsentieren und zu Gesprächen und Signierstunden mit den mehr als 400 anreisenden Künstlern aus aller Welt einladen. Als Stargäste werden etwa der renommierte deutschstämmige Superhelden-Zeichner Klaus Janson (Daredevil, Batman) erwartet, die Franzosen David B. und Émile Bravo, der US-amerikanische Hip-Hop-Chronist Ed Piskor sowie unzählige deutsche Künstler.

Ehrenpreis und hitzige Debatten

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Karikatur von Ralf König: "Was uns trennt, ist was uns trennt, ist was uns trennt – Karikaturenstreit".

(Foto: Ralf König)

Mit Spannung erwartet wird zudem die traditionell in Erlangen stattfindende Verleihung der Max-und-Moritz-Preise, der wichtigsten Auszeichnungen für grafische Literatur in Deutschland. Während die Sieger der nationalen und internationalen Kategorien erst im Rahmen der Gala verkündet werden, steht der Ehrenpreisträger schon fest: Es ist Ralf König, der mit Werken wie "Kondom des Grauens" und "Der bewegte Mann" große Erfolge feierte. Wenn der blutige Erste Weltkrieg, die "Urkatastrophe" Europas, eines der beherrschenden Themas des Festivals ist, dann ist diese Auszeichnung ein gekonnter Kontrapunkt: Denn Königs Comics sind - bei allem Humor - vor allem ein Manifest für den toleranten Umgang miteinander.

Hitzige Diskussionen wird es in Erlangen aber trotzdem geben. Die Debatte um das Comic-Manifest und die Forderung nach staatlichen Subventionen - analog zu Theater, Oper oder Film - fand im vergangenen Jahr Befürworter wie Kritiker und wird auf dem Festival fortgeführt. Auch die in den Augen mancher Experten bevorzugte Behandlung von Graphic Novels in den Medien wird zur Sprache kommen. Werden literarische und ernste, aber mitunter langweilige Stoffe zu Unrecht hochgejubelt? Welche Qualitätskriterien sollte die in Deutschland nur rudimentär vorhandene Comic-Kritik anlegen? Spaltet sich die Comicwelt in Hoch- und Subkultur? Warum fristen Mangas - übrigens auch auf dem Festival selbst - eher ein Nischendasein? Es sind Fragen, die viel Diskussionsstoff bieten. Zumal sich die Anhänger der verschiedenen Comicformen - ob Alben, Mangas, Superhelden-Hefte oder Graphic Novels - mitunter misstrauisch beäugen. Spannend dürften aber auch Gesprächsrunden über digitale Leseformen und Webcomics werden.

Denn auch wenn der diesjährige Comic-Salon in vielen Veranstaltungen Rückblick hält und Jubiläen feiert: Zukunftsfragen kann sich die Comic-Kunst natürlich nicht verschließen. Gerade das größte - und nur alle zwei Jahre stattfindende - Treffen von Comic-Künstlern, Verlegern, Experten und Fans in Erlangen muss zwangsläufig auch Ausblicke bieten und Anregungen geben. Für eine Kunstform und ihre Szene, die in Deutschland trotz aller Entwicklungen nach wie vor vergleichsweise klein ist, sind diese Fragen überlebenswichtig. Der Comic-Salon, professionell organisiert vom Kulturamt der Stadt Erlangen, bietet dafür eine geradezu ideale Bühne. Sowohl für neue Fans, die gerade erst die Welt der Comics entdecken, als auch für jene Experten, die in diesem Jahr das ein oder andere Jubiläum begehen.

Der Internationale Comic-Salon findet vom 19. bis 22. Juni in Erlangen statt. Alle Informationen zu Öffnungszeiten und Eintrittspreisen, Ausstellungen und Veranstaltungen gibt es auf der Seite des Comic-Salons.

Quelle: n-tv.de

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