Unterhaltung

Der Rest ist Schweigen Tote Hose beim Echo

Ist es die pure Sensationsgier? Die wirre Hoffnung, dass in Campino wenigstens noch ein Funken von einem Revoluzzer steckt? Oder bloß der verzweifelte Wunsch, dass doch bitte auch nur irgendetwas passieren möge, bevor man gänzlich das Bewusstsein verliert? Die Echo-Verleihung geleitet einen skandalfrei ins Wachkoma. Die eigentliche Überraschung gibt es vor der Tür.

Was war das nicht für ein Rummel vor der diesjährigen Echo-Verleihung! Die zuständige Deutsche Phono-Akademie fand es logisch, die Südtiroler von Frei.Wild in der Kategorie "Rock / Alternative National" für den Musikpreis zu nominieren. Die ebenfalls für diese Auszeichnung  gehandelten Gruppen Kraftklub und Mia. fanden das indes weniger logisch und drohten mit Boykott – aber nicht in erster Linie, weil Frei.Wild Italiener sind, sondern aufgrund der umstrittenen Texte der Südländer. Das jedoch leuchtete der Phono-Akademie nicht so recht ein und sie hielt zunächst an Frei.Wild fest. Dass sie dann ihre eigene Logik, wonach die Nominierungen ja nur auf Verkaufszahlen beruhen, aber schließlich doch kippte, wirkte irgendwie für jedermann unlogisch. Und – das wiederum war von Anfang an ziemlich logisch – Frei.Wild nutzten das Tohuwabohu, um sich zu Opfern zu stilisieren und nun ihrerseits gegen ihre Kritiker ordentlich auszuteilen.

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"Leckt uns am Arsch", fordern die wieder ausgeladenen Frei.Wild.

(Foto: dpa)

Die Debatte, wie rechts Frei.Wild nun genau sind, füllt seit Wochen Seiten, Foren und Blogs. Ausgedruckt würde das Geschriebene vermutlich x-mal von hier bis nach Südtirol reichen. Grob zusam mengefasst lässt sich sagen: Nein, Frei.Wild sind keine Nazi-Band. Aber: Ja, sie vertreten ein äußerst rechtskonservatives und nationalistisches Weltbild und haben ein diffuses Verhältnis zu Gewalt. Fragwürdig ist das allemal, auch wenn Fans der Gruppe nicht zu Unrecht darauf verweisen, dass sich ähnlich dumpfe Passagen etwa auch bei vielen selbsternannten Gangsta-Rappern finden lassen. Nur: Zum Beispiel über Bushido wurde bei der Bambi-Verleihung und seinem Bundestags-Praktikum ebenfalls ausführlich diskutiert. Um ihn ging es bei diesem Echo jedoch nicht - sondern um Frei.Wild.

Peinliches Hickhack

Die eigentliche Frage ist: Wie weit darf etwas gehen, damit es auch noch mit einer ach so angesehenen Auszeichnung dafür honoriert werden könnte? Klar ist: Die reine Verkaufslogik, die die Echo-Verantwortlichen bis vor Kurzem noch ins Feld führten, um nur ja nicht den Kopf einschalten zu müssen, greift zu kurz. Würde man das bis zum Ultimo durchdeklinieren, dann könnte man ja womöglich irgendwann wirklich vor dem Problem stehen, eine echte Nazi-Kapelle berücksichtigen zu müssen. Während das  Mainstream-Musikgeschäft unter sinkenden Verkaufszahlen ächzt, verhökern diese Gruppen vermutlich auch weiterhin ihre Scheiben im Selbstvertrieb wie geschnitten Brot. Der Fall Frei.Wild könnte da geradezu als Mahnung dienen – die Band betreibt ihr eigenes Label.

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Gastgeberin Helene Fischer durfte selbst zwei Echos mit nach Hause nehmen.

(Foto: AP)

Plattenindustrie und Echo-Macher müssen für sich schleunigst einen Kodex abseits von Verkaufszahlen definieren, was geht und was nicht. Ein peinliches Hickhack wie das um Frei.Wild sollte sich nicht wiederholen. Dass Kraftklub und Mia. angesichts der Abwesenheit eines solchen Agreements ihre eigene Entscheidung getroffen haben, wann für sie das Maß voll ist, darf ihnen niemand verdenken. Au ch wenn die Frei.Wild-Anhänger dies durch ihre rosarote Fan-Brille natürlich anders sehen. Sie brachte die Kritik an ihren Idolen so in Rage, dass sie sich – als wären sie Klone der Böhse-Onkelz-Fans – massiv echauffierten. Das reichte bis hin zu verbalen Hetzjagden gegen die Kritiker, Drohungen und Beschimpfungen der Presse, die ja sowieso immer lügt – Verhaltensweisen und Argumentationsmuster, die – Obacht! - auch für die rechtsextreme Szene nur allzu typisch sind.

Die falsche "Mia"

Nachdem sich die geballte Wut der Frei.Wild-Anhänger in den vergangenen Wochen zwischenzeitlich auch unbeirrt auf der Facebook-Seite der britischen Sängerin M.I.A. - und damit der falschen "Mia" - entladen hatte, ereignete sich die eigentliche Überraschung bei der Echo-Verleihung am Donnerstagabend in Berlin vor den Toren des Messeareals. Denn immerhin waren die rund 200 Fans der Gruppe, die vor der Veranstaltung demonstrieren wollten, zur richtigen Halle gepilgert. Unterstützt wurden sie dabei von den Bandmitgliedern selbst, die auch einen Lkw mit der Aufschrift "Leckt uns am Arsch" mitgebracht hatten. Unklar blieb nur, wem oder was der Protest nun eigentlich gelten sollte – dem Ausschluss der Gruppe von der Zeremonie oder der NPD, die den Echo-Streit mit einer Mahnwache wiederum für ihre Zwecke instrumentalisieren wollte. Vermutlich beidem.

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Katie Melua dürfte von dem Hickhack im Vorfeld wenig mitbekommen haben und überreichte die Trophäe an den Grafen von Unheilig.

(Foto: dpa)

Wer indes erwartet hatte, dass die Auseinandersetzung in der Show selbst noch irgendeine Rolle spielen würde, sah sich getäuscht. Offenbar hielten die Verantwortlichen es für am besten, einen XXL-Mantel des Schweigens darüber auszubreiten. Die strittige Kategorie "Rock / Alternative Nationa l" wurde an vierter Position des Preisregens frühzeitig abgehandelt. Die Vergabe der Trophäe oblag der nur allzu unbeteiligten Katie Melua, die lediglich konstatierte, dass es sich um eine "kontroverse Kategorie" in diesem Jahr handele. Anders als bei den anderen an diesem Abend vergebenen Preisen gab es keinen Einspielfilm, in dem die Nominierten vorgestellt wurden. Stattdessen bat Melua direkt den Grafen von Unheilig als Sieger in der Kategorie auf die Bühne.

Puuh, was für ein Glück, dass der Preis an Unheilig ging. Und was für ein Zufall. Schließlich wäre außer dem Grafen ja auch niemand da gewesen, um die Auszeichnung entgegenzunehmen. Während Frei.Wild vor der Halle froren, glänzten auch Kraftklub und Mia. durch Abwesenheit. Ob sie trotz der Ausladung der Südtiroler nicht kommen wollten oder nach ihrer Boykott-Drohung ignoriert wurden, blieb offen. Die Ärzte, die Fünften im Bund der Nominierten in der Kategorie "Rock / Alternative National" waren sowieso nicht da – sie meiden den Echo traditionell.

Joints und 1965

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Lena kam mit hüftlanger Mähne.

(Foto: AP)

Doch zumindest wurden die Ärzte, die auch noch in anderen Sparten als Echo-Kandidaten gehandelt wurden, während der Zeremonie noch gelegentlich erwähnt. Die Namen "Frei.Wild", "Kraftklub" und "Mia." hingegen fielen kein einziges Mal. War es die Sensationsgier? Die Erwartungshaltung an alte Revoluzzer wie Tote-Hosen-Sänger Campino, BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken, Liedermacher-Urgesteine wie Reinhard Mey und Hannes Wader, Grandseigneur Peter Maffay oder dann doch wenigstens die Elektro-Punks von Deichkind? Oder war es nur die Langeweile, die einen während der knapp dreistündigen Show sch on bald ziemlich quälte? Je länger die Show dauerte, umso mehr verfluchte man jedenfalls irgendwann diese Strategie des Totschweigens.

Nein, kein Campino, kein Niedecken, kein Mey, kein Wader, kein Maffay und auch kein Deichkind sahen sich genötigt, das Thema auch nur anzureißen. Keiner von ihnen brachte etwa sein Bedauern zum Ausdruck, dass Kraftklub und Mia. nicht anwesend waren. Keiner wollte etwa seinen Echo teilen mit denen, die sich getraut hatten, ihre Stimme gegen fragwürdige Vorgänge bei der Verleihung zu erheben. Campino sinnierte bei seiner Laudatio für Led Zeppelin über früher mal gerauchte Joints. Mey erinnerte sich bei seiner Lobrede an Wader daran, wie es damals in ihren wilden Zeiten 1965 zuging. Es war ein erschreckendes Bild eines Altherren-Clubs. Rock'n'Roll war gestern.

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Ein Rapper wie aus dem Streichelzoo: Cro.

(Foto: REUTERS)

Die Gleichgültigkeit, mit der da zu Werke gegangen wurde, zementierte das Ansehen, das der Echo schon zuvor bei vielen hatte – als Selbstbeweihräucherung der Musikindustrie. Und auch der Rest der Show bestätigte dies nur allzu sehr. Zeitweise fühlte man sich beinahe wie in einer Dauer-Werbeschleife für neue CDs – sei es von Michael Bublé, Carla Bruni oder Depeche Mode.

Die Highlights

Apropos. Wir sollten natürlich nicht vergessen, die Highlights der Zeremonie noch kurz zusammenzufassen - als da wären:

- Besagte Depeche Mode, die vermutlich den am meisten beachteten Live-Auftritt hinlegten, wenn auch mit einem ziemlich lahmen Song aus ihrem neuen Album und einem Martin Gore, der eine Badekappe in Cro-mäßigen Panda-Solidaritäts-Farben trug
- Rapper Cro, der für sechs Preise nominiert war, zwei einsackte und live demonstrierte, dass Pandas sich dufte klonen lassen
- eine weinende und "total überwältigte" Lena, als sie ihren Preis für das beste "Video National" mit langen Haar-Extensions entgegennahm
- ein zwar nominierter, aber nie zu sehen seiender Heino
- Hurts-Sänger Theo Hutchcraft mit einem blauen Auge, das angeblich beim Skateboard-Fahren entstanden sein soll, aber so aussah, als hätte er sich um ein Autogramm von Depeche Mode geprügelt
- wie aus dem Fernsehballett entsprungene Background-Tänzerinnen bei diversen Live-Auftritten, die mal wie Kunstturnerinnen mit irgendwelchen Stofffetzen wedelten und mal nur Unterwäsche trugen
- Til Schweiger, der den Preis in der Kategorie "Rock / Alternative International" annunscheln durfte
- Klaus Wowereit und Philipp Rösler im Publikum, wobei Letzterer gelangweilter aussah als bei einem FDP-Parteitag
- der Live-Auftritt der sicher gänzlich Botox-freien Ex-Präsidenten-Gattin Carla Bruni, der Max Raabe die beste Anmoderation spendierte: "Von Zeit zu Zeit begegnet sie dem ehemaligen französischen Präsidenten – wenn auch nicht auf Augenhöhe"
- weitere Live-Auftritte von David Garrett, Seeed, Santiano, Frida Gold, Emeli Sandé, Cascada und der Killer-Combo aus Silly, Lena und Peter Plate von Rosenstolz, übertroffen nur durch eine Loop-Maschinen-Version der "Tatort"-Melodie von Moderatorin Helene Fischer
- und natürlich: Die Toten Hosen, die bei sieben Nominierungen drei Preise abräumten, darunter die für das "Album des Jahres" und für den "Hit des Jahres".

Immerhin machte sich Wolfgang Niedecken gegen Ende der Show noch darüber lustig, dass ausgerechnet er von der erwiesenen "Singles-Band" BAP dazu auserkoren wurde, letztgenannten Preis an die Toten Hosen zu übergeben. Ein Hauch von kritischer Ironie durchwehte den Saal. Der Rest ist Schweigen.

Quelle: n-tv.de