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Dieter Nuhr drückt Netflix-Taste "Wir werden auch Trump überleben"

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Mit seinem Bühnenprogramm "nuhr in Berlin" ist Dieter Nuhr auf Netflix zu sehen.

(Foto: Netflix)

In Deutschland ist er bereits eine feste Comedy-Größe, dank Netflix könnte Dieter Nuhr bald rund um den Globus für Lacher sorgen. Für den Streaming-Dienst hat er als erster deutscher Komiker ein Bühnenprogramm entwickelt. Mit n-tv.de spricht er über "nuhr in Berlin" und die Gefahr, Applaus von der falschen Seite zu bekommen.

n-tv.de: Herr Nuhr, wie sind Sie nach dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA aufgewacht?

Dieter Nuhr: Gut gelaunt, weil ich es erst nach dem Aufwachen erfahren habe, da prangte eine SMS auf meinem Handy mit dem Wortlaut "Ach du Scheiße!". Da wusste ich gleich Bescheid ...

Für einen Kabarettisten oder Comedian oder Komiker … Was sagt man denn nun eigentlich zu Ihnen am besten?

Das ist mir wurscht. Jedenfalls sind wir uns einig, dass "Euer Hoheit" unangemessen wäre.

Für jemanden in Ihrer Branche dürfte der Sieg Trumps gar nichts allzu Schlechtes sein. Jedenfalls bietet er jede Menge satirische Angriffsfläche - oder sehen Sie das anders?

Da ich ja nicht nur Komiker oder Kabarettist bin, sondern nebenberuflich auch noch Mensch und Staatsbürger, mache ich mir da erstmal ganz normale Sorgen, bevor ich mir über die humoristische Verarbeitung Gedanken mache. Natürlich ist eine Witzfigur in der Politik immer lustig, aber da sind mir die Pointen dann auch oft zu einfach. Das Bedienen von ohnehin vorhandenen Feindbildern macht mir keinen sonderlichen Spaß.

Trumps Sieg kommt just zu einem Zeitpunkt, da Sie mit einem eigenen Format bei Netflix sozusagen auch in die USA expandieren. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Omen?

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Dieter Nuhr will mehr als leichte Pointen.

(Foto: Netflix)

Auf jeden Fall ein gutes. Ich habe in meinem Leben als junger Mensch an so viele Weltuntergänge geglaubt, vom Ozonloch über das Waldsterben und die Luftverschmutzung bis zum 3. Weltkrieg, und bisher ist er ausgeblieben. Ich halte mich inzwischen für unkaputtbar. So lange ich lebe, passiert nichts. Wir werden auch Trump überleben.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Netflix gekommen?

Trump hatte jedenfalls nichts damit zu tun. Netflix hat mich angerufen, ich habe ein paar Sekunden nachgedacht und zugesagt. Die Tatsache, dass meine Fernbedienung eine eingebaute Netflix-Taste hat, hat mich überzeugt, beim richtigen Anbieter zu sein.

Mal ehrlich: Nutzen Sie selbst schon solche Streaming-Dienste? So viel, wie Sie unterwegs sind, kommen Sie doch wahrscheinlich gar nicht zum Gucken …

Ich war in der Tat schon vorher Netflix-Kunde. Aber ich gucke nicht wirklich jeden Tag, stimmt. Dann ist so ein Streaming-Dienst aber umso attraktiver. Ich gucke, wann ich will, und nicht wenn was kommt. Ich bin aber auch gerne beim normalen Fernsehen. Auch das hat seine Berechtigung und wird es weiter geben.

Dass Ihr Netflix-Format auch in den USA abrufbar sein soll, ist kein Scherz. Dort soll es mit Untertiteln versehen werden. Kann das funktionieren?

Das müssen Sie die Amerikaner fragen. Seit Trumps Wahl wage ich, was dieses Land angeht, keine Vorhersagen mehr.

Sie sind in den Medien sehr präsent - von den öffentlich-rechtlichen Programmen bis zum Privatfernsehen und jetzt eben auch bei Netflix. Haben Sie manchmal die Sorge, dass es auch zu einer Überdosis Nuhr kommen könnte?

Da Fernsehen nur ein Angebot ist und es keinen Zwang gibt, wird jeder so viel gucken, wie er mag. Das finde ich eine gute Sache, obwohl es natürlich auch schön wäre, wenn die Leute per Gesetz gezwungen würden, meine Sendungen zu sehen. Aber darauf wurde bisher verzichtet, schon weil ich gar nicht der Gesetzgeber bin, was ich manchmal bedauere, aber es ist halt so.

In Ihrem ersten Netflix-Programm "nuhr in Berlin" greifen Sie jede Menge Themen auf - von Flüchtlingen über Gender-Debatten bis hin zum Verhältnis von Fußgängern und Autofahrern. Wie suchen und finden Sie Ihre Themen?

In meinem Schädel. Ich rede über das, was mir durch den Kopf geht, und das ist einerseits wirr, andererseits aber auch ziemlich repräsentativ. Ich spreche offenbar über das, was die Leute so angeht, sonst würden sie nicht zuhören.

Ich glaube, als Fußgänger und Kleinwagenbesitzer hätte ich Angst vor Ihnen. Sind Sie so ein leidenschaftlicher Autofahrer, wie es den Anschein macht?

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Man soll sich lieber nicht so viel sorgen, was alles passieren könnte, findet Dieter Nuhr.

(Foto: Netflix)

Ich bin unfallfrei. Insofern ist die Sorge unbegründet. Aber in der Tat bin ich im Straßenverkehr wie im richtigen Leben nicht immer auf Seiten der Bremser. In Deutschland gibt es ja viele Menschen, die sich gar nicht mehr bewegen, weil sie Angst haben, es könnte was passieren. Mit dieser Haltung wird man auf Dauer ziemlich weit hinten landen ...

Sie schneiden in Ihrem Programm auch die Diskussion um das so genannte Schmähgedicht von Jan Böhmermann über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan an. Sie haben die Ermittlungen gegen Böhmermann von einiger Zeit verteidigt. Ist er zu weit gegangen?

Das ist seine Sache. Ich habe nicht irgendwelche Ermittlungen verteidigt, sondern die Gleichheit vor dem Gesetz im Allgemeinen. Über das Juristische entscheidet bei uns die Justiz. Bei uns kann jeder, der sich beleidigt fühlt, klagen, auch wenn er selbst ein schlechtes Verhältnis zum Rechtsstaat hat, also selbst Nazis, RAF-Terroristen oder fremde Staatspräsidenten. Das finde ich gut so. Man nennt das Rechtsstaat, und ich bin froh, in einem solchen zu leben - und nicht beispielsweise in der Türkei, die die Rechtsstaatlichkeit ganz offensichtlich aufgegeben hat.

Witze über Religion seien schwierig, bekennen Sie zudem in dem Programm. Sie sind wegen Äußerungen über den Islam selbst in der Vergangenheit als "islamophob" kritisiert worden und wurden deshalb sogar verklagt. Sind Sie bei diesem Thema vorsichtiger geworden?

Nein, ich muss nur deutlicher aufpassen, den Applaus nicht von der falschen Seite zu bekommen. Ich verteidige die Vernunft gerne gegenüber religiösen Irrationalisten, aber genauso vehement gegen populistische Trottel, die versuchen, aus dem Problem des Islamismus ein völkisch-genetisches Problem zu machen. Mir gehen radikale Vereinfacher von allen Seiten auf die Nerven, von rechts, von links und aus der religiösen Ecke. Wer seine Haltung im 21. Jahrhundert auf die moralischen Gepflogenheiten des 7. Jahrhunderts zurückführt, hat es verdient, dass man ihn auslacht. Wer von ethnisch reinen Lebensräumen träumt, ist geistig über das 3. Reich nicht hinausgekommen. Auch das ist lächerlich.

Die Medien wiederum, erklären Sie, leben in erster Linie von Angst und schlechter Laune. Da wollen wir doch mal den Gegenbeweis antreten. Mit welcher positiven Botschaft können wir aus diesem Interview gehen?

Noch nie war der Wohlstand auf der Welt so groß wie heute. Die weltweite Armut ist laut den Vereinten Nationen in den letzten Jahrzehnten von fast 50 auf 12 Prozent zurückgegangen. Noch nie haben so viele Menschen so gut gelebt. Dass der damit verbundene Wandel viele Menschen überfordert und auch Verlierer produziert, ist nicht verwunderlich. Trotzdem gibt es Grund zum Optimismus. Und gute Gründe, gegen den Protektionismus zu sein, der all dies wieder gerne einreißen will, von links und von rechts, von Blockupy bis Trump. Die Welt ist in den letzten Jahrzehnten eindeutig besser geworden, das sind gute Nachrichten, die man viel zu selten liest.

Mit Dieter Nuhr sprach Volker Probst.

"Nuhr in Berlin" ist ab dem 15. November abrufbar über Netflix.

Quelle: n-tv.de

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