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Als noch alles möglich war "Berlin Wonderland" ist verschwunden

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Jeder konnte, wie er wollte: Hausbesetzung Kinzigstraße, 1990.

(Foto: Ben de Biel/bobsairport, aus Berlin Wonderland, © Gestalten 2014)

Ruinen, Brachen, die neue große Freiheit: Wer heute durch Berlins Mitte läuft, wird in den sanierten Häuserzeilen die Welt von "Berlin Wonderland" nicht wiedererkennen. Der Band zeigt den Osten Berlins in den ersten Jahren nach dem Mauerfall - mit Individualisten, Künstlern, Feierwütigen.

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(Foto: bobsairport/© Gestalten 2014)

Die Bilder sehen aus wie kurz nach dem letzten Krieg - Schutthaufen, Autowracks, kaputte Fassaden. Dazwischen junge Menschen in unnormierter Kleidung, individuell abgeranzt, mit struppigen Haaren, in alten Autos unterwegs. Es riecht nach Dreck und nach Freiheit, nach Bier und Kippen, nach Farbe und Benzin.

Der Band "Berlin Wonderland: Wild Years Revisited, 1990-1996" der Fotoagentur bobsairport, herausgegeben vom Verlag Gestalten, zeigt in mehr als 200 Schwarz-Weiß-Bildern und Begleittexten beteiligter Akteure den Osten Berlins, wie er in den ersten Jahren nach dem Mauerfall aussah - und die Menschen darin, die die neue Freiheit auszunutzen verstanden.

Das alte System war weg, das neue noch nicht ganz da und die Ruinen und Brachen, die der real existierende Sozialismus hinterlassen hatte, waren wie eine Spielwiese für Individualisten, für Künstler, für Feierwütige, für Verrückte - für die aus dem Osten, die schon immer hier waren, und die aus dem Westen, die es nun in Scharen hierherzog. Daniel Weissroth beschreibt in "Berlin Wonderland" die Situation zu der Zeit so: "Ein paar Bekannte sagten: 'Wir gehen nach Ostberlin, Häuser besetzen.' Ich wollte damals in Westdeutschland anfangen zu studieren und dachte, das ist mir unheimlich, davon lasse ich die Finger - mit dem Ergebnis, dass ich genau da, in Berlin-Mitte, gelandet bin. Und das Gefühl von Freiheit, das hier herrschte, war atemberaubend."

Ruinen und Brachen im Stadtzentrum

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Tacheles, 1990: Das Kunsthaus in einem Teil des ehemaligen Kaufhauses Wertheim an der Oranienburger Straße gab es bis zur Räumung 2012.

(Foto: Ben de Biel/bobsairport, aus Berlin Wonderland, © Gestalten 2014)

Wo sonst gab es so eine riesige Kaufhaus-Ruine mitten im Stadtzentrum, aus der man alles machen konnte: Ateliers, Theater, Kino, Kneipe, Freiluftspielplatz für Erwachsene mit Autowracks, Raketen, Feuer und Flamme? Und wo sonst gab es in so zentraler Lage so viele leerstehende Wohnungen und Ladengeschäfte in alten Häusern? Einziehen, leben und feiern, so einfach war das damals.

In den Ruinen und Schrotthäusern entstanden legendäre Clubs und Bars, von denen die meisten heute nicht mehr existieren: "IM Eimer" in der Rosenthaler Straße etwa, mit dem fehlenden Fußboden (das IM bezog sich auf die Enttarnung von inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern in der Gruppe), oder all die illegalen Montags-, Dienstags-, Mittwochs- ...-Bars, zu besteigen durchs Fenster oder irgendeine versteckte Tür, nur bekannt durch Die-richtigen-Leute-kennen und Weitererzählen. Leerstehende Ladengeschäfte wurden zu Kneipen oder Cafes, wie das "Obst & Gemüse" in der Oranienburger Straße, schräg gegenüber vom Tacheles, oder das "Hackbarth's" in der Auguststraße, ehemals eine Konditorei - der alte Schriftzug ist geblieben.

Aber es wurde nicht nur gefeiert in der Zeit - es wurde auch gearbeitet, viel gearbeitet sogar, auch das ist auf den Bildern zu sehen. Und manchmal ging das Feiern in die Arbeit über und umgekehrt. Denn wer gern macht, was er macht, für den ist Arbeit keine Mühsal, sondern Vergnügen. Und das neu gewonnene Freiland gab so unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten.

Irgendwann war es vorbei

Irgendwann war dieser Rausch vorbei - auch die Investoren hatten diese Gestaltungsmöglichkeiten entdeckt, die Stadt wurde durchsaniert und wer heute nach Berlin-Mitte kommt, mit seinen vielen Galerien, Bars, Cafes und teuren Boutiquen, wird die "Berlin Wonderland"-Welt kaum mehr wiederfinden. Zum Glück gibt es Menschen, die diese magische Zeit festgehalten haben, sonst könnte man glatt vergessen, dass es sie gab. Oder, wie es im Vorwort heißt: "Es hörte langsam auf, dann war es vorbei. Wie schön, dass es diese Fotos gibt." Sie stammen von den Fotografen Ben de Biel, Hendrik Rauch, Philipp von Recklinghausen, Stefan Schilling, Hilmar Schmundt, Andreas Trogisch und Rolf Zöllner. In den begleitenden Texten kommen zahlreiche Protagonisten wie Robin Hemingway, Friedrich Loock und Jochen Sandig zu Wort, geben ihre ganz persönlichen Erinnerungen und Gedanken preis und lassen so das "Berlin Wonderland" umso plastischer auferstehen. Ein aufregendes, spannendes Buch.

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Quelle: n-tv.de

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