Bücher

Loriot lässt grüßen Ehegroteske in Künstlerhaushalt

imago94860595h.jpg

Irgendwie haben sie sich das anders ausgemalt.

(Foto: imago images/Cavan Images)

Der Besuch des Doktoranden geht schief. Und zwar so richtig. Kaum ist der junge Mann in der abgelegenen Wassermühle eines alternden Künstlers und dessen Frau angekommen, entbrennt ein riesiger Ehekrach. Der ist schnell fürchterlich grotesk - und ein literarisches Highlight.

Neunmal hat sich der "junge Doktorand" schon angekündigt, neunmal hat er per Postkarte wieder abgesagt. Seit zwei Jahren geht das nun schon so. Zeit genug, um die Erwartungen von Künstler Günter Greilach und seiner Frau Natascha ins nahezu Unermessliche zu schrauben. Der junge Mann soll nicht nur dem alternden Maler mit einer wissenschaftlichen Arbeit zu spätem Ruhm verhelfen (hofft Günter), sondern auch ein wenig Abwechslung in den öden Alltag in ihrer einsam gelegenen Wassermühle bringen (hofft Natascha).

ANZEIGE
Der junge Doktorand: Roman
20,00 €
*Datenschutz

Dann steht Florian, so der Name des sehnsüchtig Erwarteten, eines verregneten Abends überraschend vor der Tür - und natürlich ist und wird nichts so, wie die Greilachs es sich erträumt haben. Das fängt schon bei der äußeren Erscheinung des Besuchs an, die Natascha sich detailliert ausgemalt hat. Athletische Figur, dunkle Augen, sinnlicher Mund, schwarze Lockenpracht? Mitnichten. Immerhin isst Florian ohne mit der Wimper zu zucken ihr versalzenes Gulasch. Ansonsten raucht er Kette und starrt in einer Tour auf sein Smartphone.

Aber der erste Schreck und die Enttäuschung der Greilachs sind nur von kurzer Dauer. Beide beginnen mit allen Mitteln um die Aufmerksamkeit ihres Gastes zu buhlen. Wie Jan Peter Bremer aus dieser Ausgangssituation seines Romans "Der junge Doktorand" ein bitterböses Ehedrama mit gesellschaftskritischem Überbau entwickelt, ist phänomenal.

Stummer Zeuge einer Ehekrise

Er lässt die verbalen Fiesheiten zwischen Natascha, einer schwer gelangweilten Ehefrau, und Günter, der sich wegen eines Brunnenentwurfs für das nahegelegene Städtchen mit allen überworfen hat, wohl dosiert eskalieren. Florian ist dabei nicht mehr als ein (meist stummer) Zeuge. Und natürlich ist er kein Doktorand. Nicht mal Student. Schuld daran, dass Florian nun in der alten Wassermühle hockt, ist eine problematische Mischung aus einem missverständlichen Brief seines ehemaligen Kunstlehrers und dem Druck seiner ambitionierten Mutter.

Nun also ist er Spielball einer Ehekrise. In Anwesenheit des jeweils anderen ziehen Natascha und Günter, an Florian gewandt, übereinander her - quasi Beleidigungen über Bande. Innerhalb weniger Stunden werfen sie sich alles an den Kopf, was sich jahrelang in ihnen aufgestaut hat. Und das ist enorm viel. Nebenbei entlarven sie sich in ihrem Bemühen, den Ehepartner bloßzustellen, auf groteske Art selbst.

Und es schwelen noch zwei weitere Brandherde. Natascha weiß nicht, wie sie ihrer Freundin Jutta erzählen soll, dass der "junge Doktorand" nicht bei einem königlichen Reitturnier in Andalusien vom Pferd gefallen ist und sich schwer verletzt hat. Auch gab es keine Hochzeit mit einer spanischen Krankenschwester, die dann eine Fehlgeburt erlitten und sich umgebracht hat. All das hat Natascha erfunden, um Florians schnell hingeklierte Postkarten und irgendwie auch sich selbst ein wenig aufzuwerten.

Sehen und gesehen werden

Günter hingegen liegt mit Juttas Mann, Maler wie er, wegen besagten Brunnens im Clinch. In seinen drei persönlichen Kategorien von Kunstschaffenden - die Ideenlosen, die Geisteskranken und die Künstler - ist klar, wo sein ehemaliger Freund einzuordnen ist: Er malt einfach nur ohne jeden Plan Leinwände voll und hofft, dass sich irgendwer findet, dem es gefällt. Zu welcher der drei Gruppen sich Greilach selbst zählt, ist ebenfalls nicht schwer zu erraten. Ihn treibt die Frage um: Wie schafft es ein Künstler, dass er als "Auserwählter" von der Nachwelt gebührend wahrgenommen wird? An dieser Stelle käme eigentlich Florian ins Spiel. Gäbe es da nicht dieses große Aber.

Bremer, dessen Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, ist ein Garant für literarischen Hochgenuss. Kunstvoll steigert er den Ehekrach in immer absurdere Höhen (ab und an lassen Loriot oder Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" grüßen), spielt in unterschiedlicher Form mit der Geltungssucht der Menschen, ihrem Wunsch nach Sehen und Gesehenwerden. En passant entlarvt er auch noch die Hybris der Kunstszene und flicht mit Florians Engagement für Flüchtlinge die gesellschaftliche Gegenwart ein. Dabei kommt er ohne sprachlichen Schnickschnack aus, erzählt schlank und pointiert. Den bissigen Dialogen und skurrilen Gedankengängen der Greilachs in all ihrer tragischen Komik zu folgen, ist ein echtes Lesevergnügen.

Quelle: ntv.de