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Apfelfront, die Satire gegen Rechts Heil Boskoop!

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Auch die Flyer der Apfelfront spielen mit der Symbolik und Sprache der Nationalsozialisten.

Ordentlich gescheitelte Haare, schwarze Anzüge und Ledermäntel im SS-Look, dazu blutrote Schlipse und Armbinden: Wo die "Front Deutscher Äpfel" auftritt, irritiert sie - und das schon seit einer Dekade. Das muss gefeiert werden.

Die "einzig wahre nationale Kraft in diesem Lande" hat es nicht so sehr mit den urdeutschen Tugenden. Pünktlichkeit zum Beispiel steht irgendwo ganz weit hinten auf der Prioritätenliste der "Front Deutscher Äpfel" - und so startet die große Gala zum zehnjährigen Jubiläum der Bewegung, vom "Führer" höchstpersönlich moderiert, mit anderthalbstündiger Verspätung. Die Gäste lassen sich davon nicht irritieren, in losen Grüppchen stehen sie beieinander und tauschen Neuigkeiten aus - es bleibt viel Zeit für einen genauen Blick in die Runde. Wohin man auch schaut: ordentlich gescheitelte Haare, schwarze Anzüge und Ledermäntel im SS-Look, dazu blutrote Schlipse und Armbinden. Es ist wie das Tor in eine andere, dunklere Zeit.

"Glaube an die Kraft des deutschen Apfels"

Wer sich jetzt ob dermaßen aggressiv zur Schau gestellter Gestrigkeit verwundert die Augen reibt, dem sei gesagt: Es ist nicht so, wie es aussieht. Im linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz hat sich keine Horde besonders dreister Neonazis eingenistet - es ist vielmehr der Stachel im Fleisch ebenjener Ultrarechten, der hier Geburtstag feiert. Seit einer Dekade schlägt die "Front Deutscher Äpfel" Rechtsextreme mit deren eigenen Waffen, indem sie deren Slogans persifliert und dabei sprachlich selbst hart am rechten Rand surft. Die Verwechslungsgefahr bei Uneingeweihten ist groß und gewollt. Es geht um die Banalisierung der Banalität des Bösen.

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Das Buch zur Bewegung: fluffig geschrieben, meistens informativ.

Heute Abend wissen allerdings ausnahmslos alle, womit sie es zu tun haben: Das Publikum besteht größtenteils aus langjährigen Mitgliedern und alten Kampfgefährten, die teilweise schon seit 2004 für die Apfelfront bei den Gegendemos der Naziaufmärsche mitmischen. Für die Stimmung auf der Veranstaltung ist das natürlich ein Gewinn - als ein Redner die Laudatio im Stil von Hermann Görings berüchtigter Stalingrad-Rede hält, sitzt der frenetische Applaus wie angegossen: "Es ist mein unzerstörbarer Glaube an die Kraft des deutschen Apfels", wird gefeiert wie ein Weltmeistertitel.

Dafür, dass die Apfelfront eine relativ kleine Bewegung ist - ihre Mitgliederzahl liegt irgendwo zwischen 200 und 600 Mitgliedern, eine offizielle Zählung gibt es nicht - hat sie in den vergangenen zehn Jahren eine Menge erreicht. Die Leipziger wissen genau, welche medialen Knöpfe sie drücken müssen, um die öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Aktionen zu bekommen, die sie brauchen - was der zweite Grund für die große Gala ist. Die reine Selbstbeweihräucherung reichte dem "Führer" und seinen Anhängern nicht, die Bewegung wollte ihre Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre weitergeben und entschied sich, per Crowdfunding ein Buch zu finanzieren.

"Was darf Satire? Alles!"

Die ersten Exemplare des Werkes, das genauso heißt wie die Bewegung, liegen nun auf einem Tapeziertisch in einer Ecke des Saales und strahlen den Betrachter schon von weitem leuchtendrot entgegen. Das Buch selbst ist eine Gemeinschaftsarbeit zahlreicher Autoren unter der Ägide von Herausgeber Max Upravitelev und versteht sich in erster Linie gar nicht als Chronik der Bewegung, sondern vor allem als eine Art dokumentarisches Handbuch für all diejenigen, die vielleicht auch mit dem Gedanken spielen, ein ähnliches Projekt ins Leben zu rufen - ohne allerdings zu wissen, wie das genau geht.

Forderungen der Apfelfront

1. Keine Überfremdung des deutschen Obstbestandes mehr!

2. Südfrüchte raus!

3. Weg mit faulem Fallobst!

Seine Funktion als Leitfaden erfüllt das 220 Seiten starke Buch dabei vorbildlich: Upravitelev und seine Kampfgefährten schildern detailliert, was sie wann wie falsch gemacht haben und warum es am Ende doch funktioniert hat. Fluffig geschrieben und meistens informativ spricht es auch all diejenigen an, die einfach nur gut unterhalten werden möchten.

Je weiter man in der Lektüre vordringt, desto deutlicher arbeiten sich die wahren Tugenden der "Front Deutscher Äpfel" heraus. Besonders deutsch sind die zwar nicht, dafür aber umso sympathischer: Ein kleiner Haufen liebevoller Chaoten tritt mit augenzwinkerndem Optimismus einer Realität gegenüber, die sonst nur für betroffene Mienen sorgt - mit satirischen Aktionen, die immer hart an der Grenze zu genau dem Milieu stattfinden, das sie persiflieren. "Was darf Satire? Alles!", hat schon Tucholsky gesagt. Im Fall der "einzig wahren nationalen Kraft in diesem Lande" heißt das: Bitte noch mindestens weitere zehn Jahre.

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Quelle: ntv.de