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Zwei Seiten der Einheit Innerdeutsche Verständigung ist möglich

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Nach 25 Jahren ist die Euphorie verflogen.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Jenseits von Reden und Feiern ist die deutsche Wiedervereinigung eine Geschichte voller Missverständnisse, enttäuschter Erwartungen und unausgesprochener Vorwürfe. Da gibt es das eine oder andere, was man schon immer mal sagen wollte.

Das gleich mal vorweg: Nein, es ist nicht langweilig, wenn Ost- und Westdeutsche miteinander über ihr Immer-Noch-Verschiedensein sprechen und über ihr Schon-ziemlich-Gleichsein. Es müssen nur die richtigen Wessis und Ossis sein. 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung will niemand mehr etwas über Klischees wie Töpfchen-Training oder Busch-Zulage lesen. Das heißt jedoch nicht, dass einem die Gesprächsthemen schon ausgehen, wie man in "Was ich dir immer schon mal sagen wollte" gleichermaßen unterhaltsam wie lehrreich nachlesen kann.

Markus Decker hat seinen Gesprächspartnerinnen und -partnern, jeweils einer aus dem Osten, einer aus dem Westen, ein Thema besonders ans Herz gelegt und dann darauf vertraut, dass sie einander etwas zu sagen haben. Zum Thema Liebe beispielsweise, Seelenverwandtschaft, Anpassung, Frauenrechte oder auch Autorität auf dem Rasen. Es sind bekannte Gesichter darunter wie die Ministerpräsidenten Reiner Haseloff und Winfried Kretschmann, der Fußballer Arne Friedrich oder der Schauspieler Axel Prahl. Aber nicht jeder, der hier zu Wort kommt, ist Dauergast im öffentlichen Diskurs.  

Ein anderes Willkommen

So wie Esra Kücük von der "Jungen Islam Konferenz", die im Gespräch mit der Netzaktivistin Anne Wizorek davon erzählt, wie viele Migranten den Einheitstaumel der Deutschen erlebt haben. Das sei schon befremdlich gewesen zu sehen, "dass man auch ganz anders willkommen geheißen werden kann". Kücük fragt ein wenig neidisch: "Warum betreibt man so einen Aufwand nicht für andere neue Deutsche, damit es wirklich eine Gesellschaft wird?" Für die gebürtige Ostdeutsche Wizorek sehen die Dinge anders aus. Sie wäre schon froh, wenn es eine Perspektive für beide Seiten gebe, und führt dafür den Feminismus an. Für sie sei immer noch befremdlich, wenn es beim Thema Gleichberechtigung und Emanzipation immer nur um Alice Schwarzer gehe. Für sie sei hingegen das Rollenbild in der eigenen Familie, mit einer berufstätigen Mutter, entscheidend.

Es sind eben nach 25 Jahren oft Feinheiten, in denen sich Menschen mit Ost- oder Westherkunft kulturell unterscheiden. Allerdings sind die Klischees, die sich in den Wendejahren in den Köpfen festgesetzt haben, gelegentlich absurd. Bei dem Schauspieler Axel Prahl geht das so weit, dass ihn viele für einen Ostdeutschen halten, obwohl  sich seine Herkunft aus Schleswig-Holstein inzwischen herumgesprochen haben müsste. Prahl spricht mit seinem Freund, dem Regisseur Andreas Dresen, über Seelenverwandtschaft, was in diesem Fall die Umschreibung für die Frage ist, wie ein Ost- und ein Westdeutscher Freunde werden können. Indem sie miteinander arbeiten, sich austauschen, einander zuhören, zusammen musizieren - das ist die Antwort, die man aus dem Ping-Pong der beiden entnehmen kann. Ein wenig scheint das auch die Botschaft der spannend zu lesenden 285 Seiten zu sein.

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Quelle: n-tv.de

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