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Addie (Jane Fonda) und Louis (Robert Redford) in der Netflix-Verflimung von "Unsere Seelen bei Nacht".
Addie (Jane Fonda) und Louis (Robert Redford) in der Netflix-Verflimung von "Unsere Seelen bei Nacht".(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)
Sonntag, 05. November 2017

Gemeinsam die Nacht überstehen: Vom Glück, nicht allein zu schlafen

Von Solveig Bach

Addie kann nachts nicht schlafen, sie will neben jemandem liegen, mit ihm reden. Ihr Mann ist tot, sie selbst über 70. Zu alt, um noch zu warten und etwas auf Konventionen zu geben. Also lädt sie ihren Nachbarn Louis ein.

Addie und Louis sind Nachbarn, schon seit langer Zeit. Früher, als Addies Mann und Louis' Frau noch lebten, waren die Paare befreundet, das ist eine Ewigkeit her. Und dann kommt der Tag, an dem Addie Moore bei Louis Waters klingelt. Sie fragt ihren Nachbarn, ob er sich vorstellen kann, hin und wieder bei ihr zu schlafen: "Es geht nicht um Sex. Ich spreche davon, gemeinsam die Nacht zu überstehen."

Das Buch ist bei Diogenes erschienen, hat 208 Seiten und kostet 20 Euro.
Das Buch ist bei Diogenes erschienen, hat 208 Seiten und kostet 20 Euro.

So beginnt Kent Harufs letzter Roman "Unsere Seelen bei Nacht". Zwei Menschen über 70 suchen Nähe. Das ist nicht nur in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado, in der alle Romane von Haruf spielen, nicht so richtig vorgesehen. Doch Addie und Louis sind die Einsamkeit in den Nächten, in denen sie nicht schlafen können, leid.

Und so geht Louis schon am nächsten Tag erst zum Friseur, dann unter die Dusche und nach Einbruch der Dunkelheit mit einer Papiertüte, in der sein Pyjama und seine Zahnbürste sind, zu Addie. Zunächst nimmt er noch die Hintertür, aber Addie hat lange über ihren Plan nachgedacht und weiß: Es wird sowieso rauskommen. In allen Kleinstädten kommt immer alles raus. Ihr ist egal, was die Leute denken. Hintertür, das fühlt sich an, als würden sie etwas Unrechtes und Ungehöriges tun.

Kampf gegen Konventionen

Natürlich kommt es noch schneller raus, als sie denken. Aber da wollen Addie und Louis ihre gemeinsamen Abende, Nächte und schließlich auch Tage schon nicht mehr missen. Endlich ist da wieder jemand, der etwas fragt. Wie sie nach Holt gekommen, warum sie geblieben sind. Wie sie als Kinder waren und wie sie ihre Partner kennengelernt hatten. Warum ausgerechnet sie beide nun einander Gesellschaft leisten. Zur Sprache kommen das Glück, die Tragödien, die Gemeinheiten und das Wunderbare aus zwei Menschenleben. Dann trinken sie noch ein Glas zusammen und gehen zu Bett.

Freundlich und langsam nähern sich Addie und Louis einander, obwohl sowohl Addies Sohn Gene als auch Louis Tochter Holly mit der Beziehung ihrer Eltern ihre Probleme haben. Holly wirft ihrem Vater vor, sich wie ein Teenager aufzuführen. Addies Sohn droht, ihr den Enkel vorzuenthalten, wenn das ungebührliche Treiben nicht endet. Wie die Geschichte der beiden ausgeht, fühlt sich, obwohl es genauso lakonisch wie die Annäherung der beiden erzählt ist, unfassbar grausam an.

Gerade einmal fünf Romane hat Haruf geschrieben, erst mit 56 Jahren hatte er mit "Plainsong" seinen Durchbruch. "Unsere Seelen bei Nacht" ist sein letztes Buch, er beendete es kurz vor seinem Tod im Dezember 2014. Da war er 71. Ein Kleinstadtchronist wurde er in vielen Nachrufen genannt und tatsächlich sind seine Beschreibungen von Erwartbarkeit, Borniertheit und Enge gleichzeitig grausam präzise und sehr zärtlich. Kein Wunder, dass Robert Redford von dem Manuskript sofort begeistert war. Inzwischen ist die Verfilmung des Romans mit ihm und Jane Fonda in den Hauptrollen bei Netflix zu sehen. 

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Quelle: n-tv.de

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