Kino

Sebastian Bezzel im Interview Ein "Leberkäsjunkie" auf Entzug

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Darf's ein bisschen mehr sein? Eberhofer hat Entzugserscheinungen.

(Foto: Constantin Film Verleih)

Franz Eberhofer ermittelt wieder. Der von Sebastian Bezzel gespielte Provinzbulle muss das aufgrund zu hoher Cholesterinwerte allerdings mal ganz ohne Leberkäs' und Fleischpflanzerl tun. Oma Franzi (Enzi Fuchs) kocht ab jetzt gesund, für Eberhofer ist das der Vorhof zur Hölle. Wie auch der Schlafmangel, der ihn plagt, seit er auf Söhnchen Paul aufpassen muss. Dazu gesellen sich die üblichen Betätigungsfelder eines Polizisten in Niederkaltenkirchen wie Brandstiftung, Mord und Bauintrigen. Wie gut, dass Kumpel Rudi (Simon Schwarz) dem geplagten Eberhofer immer wieder zur Seite steht.

Wir treffen uns mit Eberhofer-Darsteller Sebastian Bezzel in einem Restaurant in Hamburg ganz in der Nähe seines Kiezes. Auf der Karte stehen "Gnocchi mit Sauerkraut" - typisch Bayerisch? "Naja, das wird so verkauft", sagt Bezzel, "habe ich hier aber sonst noch nie gesehen. Auch in Bayern nicht." Noch nie gesehen habe ich hingegen, dass beim Googeln eines Schauspielers vor einem Interview immer wieder die Frage nach der "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" ins Auge springt.

n-tv.de: Tatsächlich ist das häufig in Interviews zu lesen, was du über dieses Thema denkst und vor allem: Wie du das schaffst! Das werden doch sonst nur Frauen gefragt ...

Sebastian Bezzel: (lacht) Ist doch schön, dass das mittlerweile auch ein Thema ist, nach dem Männer gefragt werden.

Stimmt, aber warum ausgerechnet du und warum in der Häufigkeit?

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Sebastian Bezzel mit Ehefrau Johanna Christine Gehlen.

(Foto: imago/Sven Simon)

Vielleicht, weil meine Frau (Johanna Christine Gehlen, Anm. d. Red.) auch Schauspielerin ist und man sich fragt: Wie kriegen die das nur hin? Aber es ist doch so: Sobald man Kinder hat, werden erstmal die Klischees abgeklopft. Beispiel: Wenn ich mit meinen kleinen Kindern allein im ICE saß, da kamen garantiert immer ein paar ältere Damen und haben gesagt, wie toll sie das finden, dass ich alleine mit den Kindern unterwegs bin und gefragt, wie ich das so schaffe. Meiner Frau, die auch öfter allein mit den Kindern - auch als sie noch sehr klein waren - unterwegs war, ist etwas Vergleichbares noch nie passiert. Da kommt keiner drauf, einer Mutter zu sagen: "Toll, wie Sie das hinkriegen!" Auf der anderen Seite wird allerdings schwerer akzeptiert, wenn ich einen Termin nicht wahrnehmen kann, weil ich die Kinder habe. "Wie, Sie können nicht, kann Ihre Frau sich nicht um die Kinder kümmern?" Und Männer werden da auch nicht sonderlich ernst genommen, wenn sie ein Betreuungsproblem haben. Also, da gibt es schon auch Ungerechtigkeiten. Ich werde es nicht ändern können.

Doch, vielleicht schon, wenn man immer wieder darüber spricht. Wenn man die Möglichkeit hat, in irgendeiner Weise Vorbild zu sein, dann ist das doch super. Im TV-Film "Echte Bauern singen besser" bewegst du dich zwischen den Extremen "Engelchen und Teufelchen". Ist das nicht der Traum eines jeden Schauspielers?

Ja klar, seine ganze Bandbreite zeigen zu können ist immer super. Ich muss gestehen, dass ich relativ abgerockt zu den Dreharbeiten erschienen bin, denn ich hatte viel gedreht davor, aber meine Frau hat gesagt: "Das musst du machen!" Ich brauchte also nicht mehr viel Maske, um einen abgehalfterten Rockstar zu spielen (lacht). An die gebleichten Haare habe ich mich allerdings schwer gewöhnt.

Wie in Verwechslungskomödien oder Zwillingsgeschichten so üblich, braucht man ein Double.

Ja, und da hatte ich ein Riesenglück, Tom Sommerlatte hat das super gemacht. Und witzig ist, dass man erst die eine Einstellung spielt und dann den Gegenschuss, das ist ungewöhnlich und hat sehr viel Spaß gemacht.

Ist man nicht manchmal verwirrt nach dem Dreh? Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Eigentlich nicht, es ging. Ich habe den beiden Figuren schon unterschiedliche Eigenschaften verpasst, denke ich, deswegen konnte ich die auch gut auseinanderhalten. Ich hatte auch eine super Maskenbildnerin. Als Bauer Sven hatte ich zum Beispiel immer sehr lockere Klamotten an, als Rockstar Cromberg waren die Sachen eher eng, das verleiht eine ganz andere Körperlichkeit.

Wer war das Vorbild für deinen Rockstar?

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Oans zwoa gsuffa - wo soll das nur hinführen? Zum Beispiel mit der Susi (2.v.l., Lisa Maria Potthoff)? Ins Bett etwa?

(Foto: Constantin Film Verleih)

Es sollte ein Punkrocker sein. Ich hatte schon ein bisschen Campino im Kopf. Aber aus den Punkern von damals, den Toten Hosen, ist ja eine relativ simple Mainstream-Stadion-Rockband geworden (lacht). So ist das vielleicht, wenn man als Punk älter wird und Erfolg hat. Die Ärzte machen fast schon Satire in ihren Songs, Comedy-Pop-Rock, manchmal ganz schön böse, aber super. Ich denke, ich habe letztendlich niemanden nachgemacht. Aber ich habe mir auch Klaus-Kinski-Videos angeschaut. Seit der Vorbereitung auf die Rollen bin ich übrigens wieder ein totaler Depeche-Mode-Fan. Und wenn man erstmal in Youtube hängt, dann kommt man eh vom Hundertsten ins Tausendste. Vor allem, wenn man "Skandal und Promi" eingibt (lacht).

Die alten Haudegen sind ja inzwischen oftmals die Fittesten ...

Ich habe mal während eines Ayurveda-Urlaubs eine Mick-Jagger-Biografie gelesen. Jaggers Vater war Turnlehrer und scheint ein reizender Mensch gewesen zu sein. Auf jeden Fall hat er seinen Sohn dazu erzogen, jeden Tag Sport zu treiben: Hanteltraining und Laufen. Meine Lieblingsgeschichte ist, wie Mick Jagger bereits älter war und ein knallhartes Programm durchgezogen hat. Er hatte wohl mal ein Schloss an der Loire und die Bauern haben sich angeblich immer über den alten dünnen Typen amüsiert - der auch als sehr netter Nachbar beschrieben wurde - der dort durch die Felder gesprintet ist. Und zwar am liebsten im Rückwärtsgang!

Das macht er auch gern auf der Bühne.

Ja, und mit Sport haben schon viele den Absprung von Drogen geschafft. Man denke nur an die Red Hot Chili Peppers. Aber die haben auch alle viel Geld.

Hilft Geld beim Gesundbleiben?

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Mit Michael Ostrowski, Simon Schwarz und Baby Paul auf Spurensuche.

(Foto: Constantin Film Verleih)

Auf alle Fälle, eine Heroinabhängigkeit kann man mit sauberem Besteck sicher besser überleben als mit dreckigem. Das hat auch mit Geld zu tun. Die Beschaffungskriminalität fällt weg. Menschen, die im Nachtleben unterwegs sind, brauchen einen richtig guten Ausgleich. Manche DJs zum Beispiel fahren für mehrere Wochen nach Indien zum Entgiften.

Wolltest du auch entgiften beim Ayurveda?

Nee, ich wollte erstmal nur meine Frau begleiten, die macht das schon lange. Und jetzt hab' ich es eben einmal mitgemacht.

Einmal und nie wieder?

Ich würde es sofort wieder machen!

Das klingt spannend ...

Und genau das ist es nicht (lacht). Es ist am Anfang so krass langweilig.

Ich hätte es ja gern mal langweilig.

Dann ab nach Indien. Dieses Sonntagnachmittagsgefühl, wenn deine Eltern dir gesagt haben, du gehst jetzt mal in dein Zimmer, Mama und Papa wollen sich ein Stündchen hinlegen, und du dann dachtest: Und jetzt? Was mach ich jetzt?, das kommt dann wieder. Und in dieser Langeweile, da sind Fantasien entstanden. Oder auch Wünsche. Beim Ayurveda wird aus der Langeweile eine lange Weile. Und irgendwann greift das, nach drei vier Tagen. Außerdem hat man später auch ein gutes Körpergefühl. Man riecht allerdings immer wie ein indisches Currygericht. Und man ist sehr müde.

Warum ziehen Geschichten über das Landleben und ihre Bewohner so viele Zuschauer an? Warum ist das nicht langweilig? Warum lieben wir diesen Culture Clash?

Auf dem Land ist meiner Meinung nach mehr Raum für Individualität. Deswegen sind auch die Geschichten von der Rita Falk über den Eberhofer Franz so beliebt. Ich habe das Gefühl, dass die Städte immer "gleicher" gemacht werden. In den Shoppingmalls in ganz Europa sind die gleichen Läden drin und alle hören die gleiche Musik. Früher ist man von Stuttgart nach München gefahren, weil da andere Musik in den Clubs lief. Diese Zeiten sind vorbei. Und das Land hinkt ein bisschen hinterher, da ist nicht jeder Trend angekommen, man kann sein, wie man ist und muss sich nicht einem bestimmten Diktat beugen.

Ist das beruhigend, dass irgendwo die Uhren ein bisschen stehen geblieben sind?

Ich denke schon. Damit meine ich nicht, dass ich es gut finde, wenn's hinterwäldlerisch wird. Man muss sich der Moderne ja nicht komplett verweigern. Aber es ist allgemein nicht so hysterisch. Auf dem Land werden die Probleme auch anders gelöst. Wie bei der Clique vom Eberhofer, das ist eine ganz andere Gesellschaft. Seine Jungs und er, die wissen alles voneinander, die kennen sich aus dem Kindergarten. Die kennen ihre jeweiligen Geheimnisse, aber sprechen nicht drüber; müssen sie auch nicht, es sind ja offene Geheimnisse. Ihre Kneipe ist ihr Wohnzimmer.

Eva Mattes spielt mit, deine alte "Tatort"-Kollegin.

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Mit Eva Mattes und Enzi Fuchs - Futterneid beim Eberhofer.

(Foto: Constantin Film Verleih)

Ich liebe es, mit Eva zu spielen. Eva ist eine meiner besten Freundinnen. Und passt perfekt auf ihre Rolle in "Leberkäsjunkie". Sie ist grandios lustig.

Können wir aus den Filmen nicht eine Serie machen?

Es geht ja weiter, wir drehen dieses Jahr den siebten Teil.

Sehen wir dich auch mal wieder als Kabarettisten?

Erstmal nicht, aber ganz ehrlich: wir brauchen gar kein Kabarett. Das Leben, die Politik, das ist doch alles schon Kabarett genug.

Mit Sebastian Bezzel sprach Sabine Oelmann

"Leberkäsjunkie" startet am 1. August im Kino.

Quelle: n-tv.de

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