Kino

"Nymphomaniac" Lars von Trier zieht eine Seele aus

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Seelenstriptease einer Sexsüchtigen: "Nymphomaniac" von Lars von Trier beginnt mit dem totalen Zusammenbruch von Joe (Charlotte Gainsbourg).

(Foto: Christian Geisnaes / Concorde Filmverleih 2014)

Skandal! Lars von Trier dreht einen Porno! Da ist die Aufregung groß. Dabei erklärt "Nymphomaniac" auch, was Fliegenfischen mit Sex zu tun hat. Der Film ist zwar harte Kost, aber visuell beeindruckend und intellektuell herausfordernd.

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Joe (Gainsbourg) beichtet Seligman (Skarsgard) ihre Lebensgeschichte.

(Foto: Christian Geisnaes / Concorde Filmverleih 2014)

"Führe mich, halte mich." Rammstein dröhnt aus den Boxen, wo gerade noch Regentropfen leise von der Dachrinne fielen. Im schäbigen Innenhof liegt eine Frau: Joe (Charlotte Gainsbourg, "Antichrist"), blutend, bewusstlos. So findet sie Seligman (Stellan Skarsgard, "Thor"). Der schon etwas ältere Junggeselle liest sie vom Boden auf und bringt sie zu sich.

Daheim lässt er Joe ausruhen, bringt ihr einen Tee und fragt sie natürlich auch, wie sie in diesen Hinterhof gelangt ist. Aus dieser Situation entspinnt sich nicht nur ein langes Gespräch zwischen Joe und Seligman, sondern auch der zweiteilige Film "Nymphomaniac" von Lars von Trier, dessen erster Teil nun im Kino startet.

Echte Sexszenen? Vagina-Prothesen?

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Mit kleinen Teaserfilmen und freizügigen Bildern und Plakaten (hier Stacy Martin) wurde der Film beworben - und sorgte so für Kontroversen, bevor er überhaupt ins Kino kam.

(Foto: 2014 Concorde Filmverleih GmbH)

Angesichts des dänischen Regisseurs ist es nicht verwunderlich, dass der Film bereits im Vorfeld breit und kontrovers diskutiert wurde. Schließlich ist von Trier das Enfant terrible des europäischen Films und immer für einen Skandal gut. Zuletzt flog er wegen Nazi-Äußerungen vom Filmfestival in Cannes. Dass er sich nun einem Thema wie Nymphomanie widmet, ließ die Spekulationen denn auch ins Kraut schießen. Hinzu kamen immer wieder kleine Filmschnipsel und eine geschickt initiierte Plakatkampagne, bei der die Hauptdarsteller sich im Moment des Orgasmus' zeigen.

So war schnell die Rede von einem Hardcore-Porno, wie er im Kino noch nicht zu sehen war - mit Orgien und echten Sexszenen vor der Kamera. Tatsache ist jedoch, dass Porno-Darsteller besonders explizite Szenen doubelten. Zudem wurden Vagina-Prothesen verwendet. Auf der Berlinale, wo der 30 Minuten längere Director's Cut zu sehen war, sagte Hauptdarstellerin Gainsbourg: "Der ganze masochistische Teil des Films war mir peinlich und es war ein bisschen erniedrigend", um dann aber anzufügen: "Aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke, hatte ich Spaß dabei."

Jene masochistischen Szenen sind im ersten Teil des Films allerdings noch nicht zu sehen. Hier stehen Kindheit und Jugend von Joe im Mittelpunkt. Schon mit zwei Jahren, beichtet Joe gegenüber Seligman, habe sie erste sexuelle Reize erlebt. Dann erzählt sie vom engen Verhältnis zum Vater, einem Arzt (Christian Slater), der mit ihr lange Spaziergänge durch die Natur unternimmt. Mithilfe seiner medizinischen Bücher erforscht sie zudem bereits als Kind ihren Intimbereich.

Die Schokopralinenwette

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Mit einer Freundin wettet Joe (Stacy Martin, r.), wer öfter Sex im Zug hat.

(Foto: Christian Geisnaes / Concorde Filmverleih 2014)

Als Teenager macht Joe, nun äußerst überzeugend von der Debütantin Stacy Martin verkörpert, ihre ersten sexuellen Erfahrungen: Die Entjungferung durch Jerôme (Shia LaBeouf, "Transformers") ist eine schnelle, lieblose und unbefriedigende Nummer. Dann wetteifert sie auf einer Zugfahrt mit einer Freundin um eine Tüte Schokopralinen, wer die meisten Männer verführen kann: "Ich entdeckte meine Macht als Frau und nutzte sie gegen andere aus", sagt Joe darüber.

Sie begegnet erneut Jerôme, ist zwischen Anziehung und Abstoßung hin- und hergerissen. Sie beginnt eine Affäre mit einem verheirateten Mann, dessen Frau Mrs. H (Uma Thurmann) für eine der unterhaltsamsten wie sarkastischsten Szenen des Films sorgt. Sie steht ihrem Vater auf dem Sterbebett bei, der im Delirium dem Tod entgegengeht. Und sie befriedigt ihr unstillbares Verlangen nach Sex mit zahllosen Partnern - irgendwann hat sie bis zu sieben Männer in einer Nacht.

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Gefangen im Verlangen nach Sex: Joe verbindet selbst den Anblick ihres sterbenden Vaters (Christian Slater) mit sexueller Erregung.

(Foto: Zentropa / 2014 Concorde Filmverleih GmbH)

Fünf Kapitel umfasst dieser erste Teil von "Nymphomaniac". Fünf Kapitel, in denen die sexuellen Ausschweifungen nicht nur zunehmen, sondern Joe auch in einen Strudel aus Gefühllosigkeit und Einsamkeit gerät. "Ich bin ein böser Mensch", sagt sie. Seligman will das so nicht gelten lassen. Der Intellektuelle will Joes Lust erklären können, hinter ihr Geheimnis kommen. So hat er zu jedem Kapitel aus Joes Leben einen Querverweis parat, aus Natur, Mathematik, Religion oder Musik. Er spricht vom Fliegenfischen, bei dem Nymphen als Köder verwendet werden. Er erklärt das Verhalten von Fischschwärmen. Und er setzt Joes zahllose Affären mit der Harmonie mehrstimmiger Cantus-firmus-Kompositionen gleich, wie sie etwa Bach verwendete.

Liebe ist Lust, angereichert durch Eifersucht

Ein Porno, wie vielfach gemunkelt, ist "Nymphomanic" eben nicht. Trotz zahlreicher expliziter Darstellungen und Sex-Nahaufnahmen (wobei die Langversion noch einiges mehr zeigt als die kürzere Kinoversion). Vielmehr entsteht das bittere Porträt einer Frau, die zunehmend die Kontrolle über ihr Leben verliert. Eine Frau, die in der Liebe nichts anderes sieht als Lust, angereichert mit Eifersucht. Eine Frau, die mit einem Würfelspiel entscheidet, mit wem sie ins Bett geht und die schließlich selbst der Anblick ihres sterbenden Vaters erregt.

Der Film ist keine leichte Kost, aber das erwartet ja auch keiner bei Lars von Trier. In der Radikalität seines Seelenstriptease ist "Nymphomaniac" durchaus verstörend, aber eben auch visuell beeindruckend und intellektuell herausfordernd - ein vielstimmiges Werk, das seine Harmonie im Wechselspiel zwischen Körper und Geist findet.

Dazu gehört auch, dass der Film bei aller Depression humorvolle Zwischentöne zulässt. Dafür sorgt schon der asketische Seligman, sehr zurückhaltend, aber gerade deshalb sehr intensiv von Skarsgard verkörpert. Seine intellektuellen Querverweise sind ein ums andere Mal überraschend und witzig. Sie gewähren dadurch immer wieder einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, weil sie Sex nicht tabuisieren, sondern in das Wechselspiel aus Natur und Kultur einbetten.

Der erste Teil von "Nymphomaniac" erzählt dabei natürlich noch nicht Joes ganze Geschichte. Wer sich aber darauf einlässt, wird auf jeden Fall erfahren wollen, wie es weitergeht.

"Nymphomaniac Teil 1" startet am 20. Februar in den deutschen Kinos. "Nymphomaniac Teil 2" folgt am 3. April.

Quelle: n-tv.de