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So kennt man ihn vor allem - als Einpeitscher bei Iron Maiden: Bruce Dickinson.
So kennt man ihn vor allem - als Einpeitscher bei Iron Maiden: Bruce Dickinson.(Foto: imago/Pacific Press Agency)
Freitag, 26. Januar 2018

Härter als Iron Maiden: Bruce Dickinsons Weg zurück ins Leben

Mit Iron Maiden schreibt Bruce Dickinson Metal-Geschichte. Als er 2014 an Krebs erkrankt, inspiriert ihn das zu seiner Autobiografie "What does this button do?". Im Interview mit n-tv.de spricht er nun über Ambitionen, Superkräfte und natürlich Sex, Drugs & Rock'n'Roll.

Bruce Dickinson konnte sich bisher nicht beklagen: Mit seiner Heavy-Metal Band Iron Maiden hat der 59-jährige Brite seit Anfang der 80er Jahre 90 Millionen Platten verkauft. Nebenbei ist er erfolgreicher Geschäftsmann, Autor, leidenschaftlicher Fechter und Pilot. Wenn Iron Maiden auf Tour gehen, fliegt er die bandeigene Boeing 747 namens "Ed Force One" selbst von A nach B.

Im Dezember 2014 dann der Schock - bei Dickinson wurde Hals- und Kopfkrebs diagnostiziert. Er musste sich einer schmerzhaften Chemotherapie unterziehen. Die Krankheit inspirierte ihn dazu, seine Lebensgeschichte in Form einer Autobiografie aufzuschreiben. Gerade ist "What does this button do?" auf Deutsch erschienen. Im n-tv.de Interview spricht Dickinson über Ambitionen, Superkräfte und natürlich über Sex, Drugs & Rock'n'Roll.

Dickinson stieß 1981 zu der 1975 gegründeten Formation.
Dickinson stieß 1981 zu der 1975 gegründeten Formation.(Foto: picture alliance / Ariel Marinko)

n-tv.de: Herr Dickinson, für Ihre Biografie haben Sie 160.000 Wörter per Hand geschrieben. Die Person, die das abtippen musste, hasst die Sie?

Bruce Dickinson: Die Person heißt Mary Henry, sie arbeitet in unserem Büro und kümmert sich um einen Großteil des Marketings für Iron Maiden. Sie hat sich sogar freiwillig dafür gemeldet. Ich schätze mal, sie bereut es im Nachhinein. Aber sie hat einen großartigen Job gemacht.

Warum per Hand?

Ich bin furchtbar im Tippen! Zum einen bin ich viel zu langsam, meine Technik ist einfach schlecht, und zum anderen hasse ich es, Rechtschreibfehler zu sehen. Sobald ich einen sehe, muss ich aufhören und ihn korrigieren. Dadurch verliert man den kreativen Faden.

Weshalb war genau jetzt der richtige Zeitpunkt für Ihre Autobiografie?

Die Leute fragen mich seit zehn Jahren. Ich habe immer Ausreden gehabt: zu beschäftigt, keine Lust … Aber als ich Krebs bekam, oder vielmehr als ich ihn wieder loswurde, dachte ich: Das ist doch ein schönes Ende. Oder vielleicht sogar der Anfang einer neuen Geschichte. Es war ein Punkt, auf den ich mich beim Schreiben fokussieren konnte. Das Problem bei Autobiografien ist ja immer: Womit hört man auf?

Wollten Sie Ihre Geschichte auch deshalb aufschreiben, weil Ihnen die Krankheit vor Augen geführt hat, wie schnell Ihr Leben vorbei sein kann?

Wenn ich ganz realistisch bin, dann ja. Im Moment bin ich noch zu 100 Prozent klar. Bei der Bestrahlung, die mir durch den Kopf gejagt wurde - wer weiß, welchen Effekt das in zehn Jahren hat? Letzte Woche Montag ist mein Vater gestorben.

Oh nein, mein herzliches Beileid!

Ja, früher sah er etwas anders aus.
Ja, früher sah er etwas anders aus.(Foto: imago stock&people)

Am Freitag war ich auf der Beerdigung in Eschweiler. Mein Vater lebte schon seit einigen Jahren in Deutschland, denn meine Schwester ist deutsch. Sie ist Springreiterin (Helena Stormanns, Anm. d. Red.) und hat einen deutschen Pass bekommen, weil man wollte, dass sie für Deutschland reitet. Jedenfalls: Wenn dein Vater stirbt … Er war 82. Davon bin ich nur 23 Jahre weg, aaah!

Die Qualen der Chemotherapie beschreiben Sie in Ihrem Buch bis ins Detail. Was war rückblickend am schlimmsten: die Schmerzen, die Angst zu sterben, oder die Wut, dass Sie krank geworden sind?

Am Ende der Behandlung war ich so müde, dass mir, ehrlich gesagt, alles scheißegal war. Ich stand morgens auf und dachte nur: whatever! Ziel war bloß, den Tag zu überstehen, damit ein neuer beginnt. Die Behandlung war ja relativ kurz, sie dauerte nur drei Monate. Aber danach brauchte ich zehn Monate, um mich zu erholen. Teile von mir sind immer noch am heilen, andere werden niemals heilen. Die Chemotherapie kann noch Jahre später Auswirkungen auf den Körper haben.

Sie mussten damals Ihren Pilotenschein abgeben und durften mehrere Monate nicht singen. Welcher Verlust hätte Sie mehr geschmerzt?

Den Pilotenschein bekam ich sehr schnell zurück. Der einzige Grund, ihn nicht zurück zu bekommen, wäre gewesen, dass ich den Krebs nicht loswerde, und dann hätte ich ganz andere Probleme gehabt. Mit dem Singen sah das anders aus. Durch die Stelle des Tumors konnte mir niemand sagen, ob und inwiefern meine Stimme Schaden nehmen würde. Als mein Onkologe mir mitteilte, dass die Strahlen nicht in die Nähe meines Kehlkopfes gekommen waren, war ich heilfroh!

Was ist auch nach all den Jahren noch so schön am Singen?

Zu seinen Leidenschaften gehört das Fliegen.
Zu seinen Leidenschaften gehört das Fliegen.(Foto: Paul Harries)

Resonanz. Es gibt bestimmte Wörter und Noten, die nachhallen, die vibrieren. An manchen Tagen klappt das, an anderen nicht. Aber diese Vibration sorgt dafür, dass ich mich großartig fühle. Wenn man die Aufnahme hört und denkt "wow", weil man genau die richtige Frequenz getroffen hat, die die Stimme riesig klingen lässt, die emotional ist oder was auch immer. Für mich dreht sich alles um diese Resonanz.

Lassen Sie uns etwas zurückblicken. Die ersten fünf Jahre Ihres Lebens verbrachten Sie bei Ihren Großeltern - ohne Telefon, Kühlschrank oder Heizung. Ihre Eltern haben hart gearbeitet und es zu Wohlstand gebracht. Wurde Ihnen beigebracht, dass man im Leben hart arbeiten muss?

Es war so ein Mischding. Mein Großvater war Minenarbeiter, also ganz einfache Arbeiterklasse. Er hat nie ein Auto gefahren, ging nur bis zum 13. Lebensjahr zur Schule - aber er war ein super Typ. Meine Eltern waren voller Ambitionen. Mein Vater hatte eine bessere Ausbildung und war schlau, meine Großeltern konnten es sich aber nicht erlauben, ihn zum College zu schicken. Er wollte immer, dass ich die Bildung bekomme, die er nie hatte, also bezahlten meine Eltern dafür. Ich war der erste in der Familie, der zur Universität ging. Auch ich wollte Erfolg haben, aber gleichzeitig wollte ich anders sein.

Das hat ja ganz gut geklappt.

Ich denke auch! (lacht)

Sie kamen 1981 zu Iron Maiden, als Sie 22 waren - kurz bevor "Number Of The Beast" erschien. Das Album wurde ein riesiger Erfolg. Wie verarbeitet man so etwas?

Gar nicht! Man macht einfach weiter. Irgendwann hatte ich eine Erleuchtung: Während ich betrunken den Hotelflur hinunter torkelte, dachte ich: So wird der Rest meines Lebens sein. Einerseits toll - ich würde Geld und Erfolg haben. Aber ich hatte immer eine sehr lebendige Vorstellungskraft. Ich las viel, stellte ständig Fragen. Kurz bevor ich bei Iron Maiden einstieg, hatte ich mein Geschichtsstudium abgeschlossen und ich dachte: Was stelle ich bloß mit meinem Gehirn an, während ich im Tourbus nach Amerika fahre und jeden Tag Murmeltiertag ist? Also beschloss ich, zu fechten. Ich hätte etwas Konventionelleres machen können, aber Fechten war der einzige Sport, in dem ich gut war. Ich habe es geliebt, es hat meinen Geist trainiert.

Heute kann Dickinson auch ganz anders - zum Beispiel wenn er auf einer Konferenz zur Gründung von Startups spricht.
Heute kann Dickinson auch ganz anders - zum Beispiel wenn er auf einer Konferenz zur Gründung von Startups spricht.(Foto: imago/Pixsell)

Seitdem haben Sie sich im Leben immer wieder neue Herausforderungen gesucht. In Ihrem Buch zitieren Sie den amerikanischen Schriftsteller Henry Miller, der einst sagte: "Jedes Wachstum ist ein Sprung ins Dunkle". Ist das so etwas wie Ihr Lebensmotto?

Auf jeden Fall. So einen Sprung macht man wahrscheinlich nur ein paar Mal in seinem Leben, aber das sind formende Momente, läuternde Momente. Die Leute nehmen sie entweder an und nutzen sie oder sie verpassen die Chance und schrumpfen zurück in ein Leben, das noch weniger als normal ist. Ein Leben voll Abhängigkeit, Kummer und Depression - immer in der Angst, dass sie die Chance nicht ergriffen, als sie sich ihnen bot. Ich glaube fest daran, dass sich im Leben Fenster mit Möglichkeiten öffnen, und wenn man am richtigen Ort ist, dann springt man. Aber es muss natürlich auch passen.

Wird Ihnen schnell langweilig?

Es kommt drauf an, was ich mache. Wenn das, was ich mache, sehr repetitiv und öde ist, wird mir schnell langweilig. Handelt es sich allerdings um fortlaufende Kreation und Invention, dann nicht. Über die Jahre habe ich gelernt, dass es wichtig ist zu wissen, wann man die kreative Energie für den Tag aufgebraucht hat. Man muss sich Pausen gönnen. Wenn man es an einem Tag übertreibt, bekommt man sonst die ganze Woche nichts mehr zustande.

Sie waren nie der konventionelle Rockstar, oder? Anders als in den meisten Autobiografien von Rockmusikern sucht man Sex, Drugs & Rock'n'Roll in Ihrem Buch vergeblich.

Das ist doch auch wahnsinnig langweilig! Warum sollte ich mir schlecht geschriebene Geschichten über Sex, Drugs & Rock'n'Roll durchlesen, von einem Rockstar, der einen Ghostwriter engagiert hat, weil er so vollgedröhnt war, dass er sich selbst nicht erinnern kann? Dann gucke ich mir lieber "The Hangover" und "Spinal Tap" an, oder lese "Fear & Loathing In Las Vegas". Das ist wenigstens gut, mit Stil und Humor. Klar gab es auch in meinem Leben ein bisschen Sex, Drugs & Rock'n'Roll, aber ist es das wert, darüber zu schreiben? Ein 21-Jähriger geht mit einer englischen Rockband auf Amerika-Tour und hat Sex mit ein paar Frauen - was ist daran besonders?

Haben Sie wirklich nie Drogen genommen?

Ich habe ein paar Joints geraucht, aber ich bin da schnell rausgewachsen. Um all das ging es mir nie. Ich habe viele Musiker getroffen, die gesagt haben, sie seien Sänger geworden, weil sie Mädchen treffen wollten. Warum macht man so etwas unglaublich Tolles und Wichtiges wie Singen, bloß um Mädchen zu treffen? Die trifft man doch wahrscheinlich sowieso. Das Singen, die Musik und das Drama waren mir immer wichtiger, als Mädchen zu treffen oder Drogen zu nehmen.

Sind Sie in Wahrheit konservativ?

Dickinsons Biografie ist soeben erschienen.
Dickinsons Biografie ist soeben erschienen.(Foto: Randomhouse / Heyne Verlag)

Kommt drauf an, was Sie mit konservativ meinen. Ich würde sagen, ich bin schon konservativ, aber gleichzeitig auch recht rebellisch. Ich habe schon eine unkonventionelle Seite und bin in dem Sinne exzentrisch, als dass ich den Regeln anderer nicht folge. Ich wäre deshalb auch ein furchtbarer Politiker, weil ich mit niemandem übereinstimmen würde. Es gibt keine Partei, die auch nur annähernd repräsentiert, was ich denke. Ich würde gerne einzelne Punkte von allen übernehmen und daraus meine eigene Partei machen. Generell habe ich meine eigene Meinung zu den Dingen.

Tatsächlich geht es in Ihrem Buch auch wenig um zwischenmenschliche Beziehungen - weder zu ihren Bandmitgliedern noch zu Ihrer Frau und Ihren Kindern.

Ich habe mir bewusst vorgenommen, nicht über Geburten, Hochzeiten und Beerdigungen zu schreiben, denn damit hätte ich intime Details über andere Menschen preisgegeben, die darüber keine Kontrolle haben. Das finde ich nicht fair. Meine Frau ist großartig, verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich habe genug gute Geschichten, ohne meine Familie da reinzuziehen. Meine Kinder spielen zum Teil in Bands - das letzte, was sie brauchen, ist, dass ich sie in meinem Buch ausschlachte. Der einzige Punkt, an dem mir das schwerfiel, war das Kapitel über Krebs, denn ohne meine Frau hätte ich das nicht geschafft. Aber sie kann ja nicht plötzlich im letzten Kapitel des Buches auftauchen …

Ohne Ihnen zu nahe zu treten zu wollen: Sie kommen ein bisschen wie ein Einzelgänger rüber.

Das bin ich auch. Es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit alleine sein will, aber ich komme gut alleine klar. Ich renne nicht plötzlich durch die Gegend und suche Leute, weil ich mich einsam fühle. Und wenn ich Probleme habe, teile ich die nur mit sehr wenigen Leuten.

Warum?

Zum einen, weil die Leute oft ihre eigene Agenda haben, wenn sie dir einen Rat geben. Darüber hinaus gibt es gewisse Details, die ich einfach nicht teilen möchte. Dadurch, dass ich in der Öffentlichkeit stehe, bin ich verletzlich. Ich will nicht alles mit allen teilen. Ich habe ein paar Leute, denen ich mich anvertraue, aber nicht viele. Ich war nie gut darin, Hunderte Freunde zu haben.

Niemand kann Hunderte enge Freunde haben, oder? Das ist doch dann nur oberflächlich.

Genau, und damit kann ich nichts anfangen. Sie saugen all das Leben aus dir heraus, wie Vampire. Wenn du bekannt bist, ziehst du mehr und mehr Vampire an, und wenn man in sozialen Netzwerken unterwegs ist, ist es noch schlimmer. Deswegen bin ich dort auch nicht aktiv. Wenn ich eine Superkraft hätte, dann wäre ich gerne unsichtbar!

Mit Bruce Dickinson sprach Nadine Wenzlick

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Quelle: n-tv.de