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Ihre letzten "Schritte"? Der Silbermond ist (nochmal) aufgegangen

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Melden sich mit ihrem sechsten Studioalbum "Schritte" zurück: Silbermond.

(Foto: Jens Koch / Sony Music)

17 Jahre machen sie nun schon als Silbermond Musik. Jetzt unternimmt die Band noch einmal entscheidende "Schritte" nach vorn. Mit n-tv.de sprechen Sängerin Stefanie Kloß und Schlagzeuger Andreas Nowak nicht nur über ihr neues Album, sondern auch über Elternfreuden, unruhige Zeiten und eine ungewisse Zukunft.

n-tv.de: Als ihr vor vier Jahren "Leichtes Gepäck" veröffentlicht habt, wolltet ihr Ballast loswerden, euch wieder aufs Wesentliche konzentrieren und neu zu euch finden. Was war nun bei "Schritte" euer vorherrschendes Gefühl?

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Silbermond nennen sie sich seit 17 Jahren, Musik machen sie aber sogar schon seit über 20 Jahren zusammen: Andreas Nowak (l.), Stefanie Kloß, Johannes (2.v.r.) und Thomas Stolle.

(Foto: Jens Koch / Sony Music)

Stefanie Kloß: Es ist immer aufregend, eine neue Platte zu machen und jedes Mal ein echter Akt, sich neu aufzuraffen und zu gucken: Wo kommen wir her? Wo stehen wir jetzt? Und wo wollen wir hin? So sind wir auch auf den Titel "Schritte" gekommen. Es stimmt, wir haben schon bei "Leichtes Gepäck" den Grundstein gelegt, unserem Kern wieder näherzukommen. Den Band-Sound, den wir da für uns wieder neu gefunden hatten, wollten wir jetzt auf jeden Fall konsequent auch auf die neue Platte mitnehmen. Jetzt, wo sie fertig ist, ist es für uns wahrscheinlich die beste Platte, die wir machen konnten.

Ihr seid in eurer Bandgeschichte auch schon einige "Schritte" miteinander gegangen. Silbermond gibt es jetzt bereits seit 17 Jahren. Das ist euer sechstes Studioalbum. Fragt ihr euch manchmal, wo die Zeit geblieben ist?

Andreas Nowak: Nun ja, es wiederholt sich nie. Es ist jedes Mal anders, wahrscheinlich wie bei einem neuen Auto. (lacht) Für uns gingen die ersten Jahre sehr schnell vorbei. Die Zeitspanne zwischen den Alben war damals auch noch ein bisschen kürzer. Heute ist es gut, sich etwas mehr Zeit zu nehmen. Man braucht das als Band - kreativ, künstlerisch und um sich nicht zu wiederholen. Ich will jetzt zum Beispiel nicht noch einmal den gleichen Schlagzeug-Beat wie beim letzten Album spielen. Natürlich ist es insgesamt eine lange Zeit. Aber wir haben auch sehr jung angefangen. Stefanie war 17, als wir den Plattenvertrag bekommen haben ...

Kloß: Ich war schon volljährig, sonst hätte das alles nicht hingehauen ...

Nowak: Deine Eltern haben doch unterschrieben ... Auf jeden Fall: Wir waren sehr jung. Deswegen fühlen wir uns immer noch sehr vital. (lacht) Und wir haben immer noch Spaß am Musizieren. Das ist als Band eine gute Basis.

Den vielleicht wichtigsten Schritt überhaupt sind Stefanie und euer Gitarrist Thomas Stolle jedoch im April vergangenen Jahres gegangen. Sie sind Eltern eines Sohnes geworden. Wie wirkt sich das für dich als Popstar aus, Stefanie?

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Stefanie Kloß und Thomas Stolle sind nicht nur Bandkollegen, sondern auch ein Paar und jetzt zudem Eltern.

(Foto: Jens Koch / Sony Music)

Kloß: Ich glaube, diese Frage muss man gar nicht explizit jemandem stellen, der das macht, was ich mache. Man könnte das jede Frau fragen, weil es einfach ein wahnsinniges Erlebnis ist. Ein Erlebnis und eine Erfahrung im Leben, die mit nichts zu vergleichen ist. Das zu beschreiben, ist müßig, weil nichts es trifft. Mit mir hat es einmal alles gemacht: Es hat mich komplett aus der Bahn geworfen, mich zum verletztlichsten und schwächsten und doch auch stärksten Menschen gemacht.

Die Geburt war vor eineinhalb Jahren. Heißt das, dass ihr bei der Produktion des Albums jetzt immer den Kinderwagen vorm Proberaum geparkt hattet und auf euren Aufnahmen häufiger auch mal Babygeräusche zu hören waren?

Kloß: Es gab durchaus auch Aufnahmen, die gestört wurden. (lacht) Klar, zu Hause Demos zu machen, war nicht immer ganz einfach. Aber auch das ist bei uns wie bei allen anderen. Wir vermeiden es, das Kind mit auf die Arbeit zu nehmen, zugleich ist es aber auch dabei, so oft es geht. Das A und O ist die Organisation.

Hatte es ansonsten auf das Bandgefüge keinen Einfluss?

Nowak: Doch, wir organisieren uns jetzt halt ein bisschen anders. Es gibt zum Beispiel feste Endzeiten, zu denen Stefanie los muss. Das gab es früher nicht. Ich finde aber, dass es der Band sehr gut tut. Wir sind dadurch viel effektiver geworden. Okay, Stefanie hat jetzt weniger Schlaf ... (lacht) Aber im Ernst: Es hat sich dadurch auch emotional etwas geändert. Das macht natürlich auch etwas mit uns als Band, die sich schon so lange kennt. Es ist etwas wahnsinnig Besonderes, auch wenn man nicht selbst der Vater ist.

Zurück zum Album: Mit "Träum ja nur" befindet sich darauf ein durchaus politischer Song, der sich mit der aktuellen Weltlage befasst. Deutschen Pop- und Rockstars wurde in jüngster Zeit häufiger vorgeworfen, sich zu wenig zu äußern und Stellung zu beziehen. Zu Recht? 

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Nowak: Ich finde, das muss jeder Künstler für sich entscheiden. Es ist immer ein schmaler Grat - wie jede politische Äußerung. Wir merken auch, wie schwer es ist, politische oder gesellschaftskritische Themen in ein Lied zu packen. Immer wenn wir so ein Lied haben, versuchen wir als Band das zu reflektieren: "Hey, fühlt sich das jetzt gut an?" Nur so kannst du mit etwas rausgehen. Wenn es sich irgendwie vage oder nicht richtig anfühlt, macht dich das als Band kaputt.

Kloß: Du fragst ja im Prinzip: Muss sich Kunst positionieren? Wir finden: Kunst muss gar nichts. Sie ist frei und jeder muss da seinen Weg finden.

Wie kommt es dann bei euch zu einem Song wie "Träum ja nur"?

Kloß: Das sind Dinge, die uns einfach beschäftigen und die wir deshalb aufgeschrieben haben. Andere Beispiele dafür auf dem Album sind "Silbermond" oder "Was Freiheit ist". Ich finde, uns ist es gut gelungen, uns in den Songs auszudrücken, ohne den Zeigefinger zu erheben oder den Eindruck zu vermitteln, dass wir die Weisheit gepachtet hätten. Wir sind auch nur ein paar Typen, die sich umgucken und ihre Gedanken dazu aufschreiben.

Schon im Frühjahr habt ihr den Song "Mein Osten" veröffentlicht. In ihm setzt ihr euch mit eurer eigenen Herkunft auseinander ...

Kloß: Auch da war es so: Es hat uns beschäftigt. Es geht um unsere Heimat und unser Zuhause. Die Welt da draußen bewegt sich unglaublich schnell und man fragt sich: In welche Richtung geht das? In welcher Welt soll mein Kind mal leben? Was kann ich selbst vielleicht tun, dass es die Richtung nimmt, in die ich möchte.

"Mein Osten" befindet sich jedoch nicht auf dem Album. Warum?

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Nowak: Das stand für uns von Vornherein fest. Wir haben das Lied geschrieben und gesagt: Wenn es sich gut anfühlt, muss es raus. So war es dann auch. Aber das Lied war nie fürs Album gedacht.

Die AfD hat in den vergangenen Wahlen vor allem in den ostdeutschen Bundesländern große Erfolge gefeiert. Nervt es euch eigentlich, als Ostdeutsche nach dem Motto "Mitgefangen, mitgehangen" oft darauf angesprochen zu werden oder versteht ihr das?

Kloß: Darauf angesprochen zu werden, finde ich nicht schlimm. Aber ich glaube, es ist durchaus ein allgemeines Thema. Die AfD hat auch in anderen Ländern und auf Bundesebene einen großen Zuwachs. Ich kann nur insgesamt sagen, dass es schon krass ist. Wenn wir nicht langsam raffen, dass das in eine ganz bedenkenswerte Richtung geht, weiß ich auch nicht mehr, was los ist. Das ist schon sehr strange, nicht gut und man darf es nicht unterschätzen. Man merkt ja schon im ganz Kleinen, wie extrem die emotionale Situation aufgeheizt ist.

Inwiefern?

Kloß: Man kann sich ja kaum noch über ein gesellschaftspolitisches Thema unterhalten, ohne dass die Gemüter sofort hochkochen. Wir haben gefühlt verlernt, den anderen ausreden zu lassen, andere Meinungen zuzulassen und das Verständnis aufzubringen, wo sie herkommen. Ich gebe zu, dass mir das auch schwerfällt. Dabei müsste unser Ziel doch sein, in einer Gesellschaft zu leben, in der wir mit Respekt miteinander umgehen und tolerant sind. Soll doch jeder machen, was er will, um glücklich zu sein. Soll doch jeder lieben, wen er will. Soll doch jeder glauben, an was er will. Solange man damit niemand anderen ausgrenzt oder verletzt, ist das auf jeden Fall die Gesellschaft, in der ich leben will.

Der Song "Hand aufs Herz" ist sicher durch die Geburt von Stefanies Sohn inspiriert. "Mein Vater hat mir nie gesagt, wie stolz er auf mich ist", heißt es darin. Stefanies Vater ist vor vielen Jahren an Krebs gestorben. Ihm war einst auch der Song "Das Beste" gewidmet. So eine kritische Zeile über ihn erstaunt dann doch.

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Kloß: Das Thema ist sehr vielschichtig. Auf der Platte ist ja auch der Song "In meiner Erinnerung". Darin geht es nicht nur um den Verlust, sondern auch um den Umgang damit und die Frage, wie man aus so einem Moment, so bitter er ist, auch die Kraft ziehen kann, wieder nach vorne zu gucken. Solange wir noch hier sind, haben wir die Chance zu entscheiden: Was wollen wir denn den Menschen, die täglich mit uns zusammen sind, hinterlassen? Das heißt für mich, nach vorne zu schauen, um mit der Situation umzugehen.

Hast du dir vorgenommen, Dinge anders als deine Eltern zu machen?

Kloß: Jeder, der ein Kind hat, kennt das wahrscheinlich. Man kommt in einen ganz komischen Film. In einigen Momenten stellt man plötzlich fest: Boah, ich bin gerade wie meine Mutter! Auf der anderen Seite ist aber genau das vielleicht auch schön, weil ich für viele Sachen, die sie mir mitgegeben hat, dankbar bin. Trotzdem will ich einige Dinge bei meinem Kind definitiv anders machen als meine Eltern. Und ja, mein Vater war einfach ein Typ, der immer 1000 anderen Leuten gesagt hat, wie stolz er auf seine Töchter ist, aber nie uns.

Alle eure bisherigen Alben waren in Deutschland in den Top 10, meistens auf Platz 1 oder 2. Wie wichtig ist euch, dass auch das neue Album kommerziell erfolgreich ist?

Nowak: Wir würden lügen, würden wir sagen, dass es uns egal ist. Es ist immer eine schöne Bestätigung. Wir haben jetzt wirklich viel Arbeit, Zeit, Liebe und Kraft reingesteckt. Wenn es dann total ablosen sollte, wäre das schon doof. (lacht) Aber in erster Linie ist es wichtig, dass wir als Band darauf schauen und sagen können: "Ja, was wir da gemacht haben, ist gut."

Die Premium-Edition des Albums enthält auch eine Konzertkarte für eine Show am 31. Oktober 2020 in Berlin. Das ist zugleich Stefanies Geburtstag. Der wird dann also zusammen mit den Fans gefeiert.

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Kloß: Ja, darauf haben wir total Bock! Ich bin totaler Geburtstagsfreak! Ich liebe es, Geburtstag zu haben und an dem Tag zu feiern. Und ich finde es echt cool, da eine große Party zu machen.

Bevor "Leichtes Gepäck" erschienen ist, stand sogar mal eine Auflösung von Silbermond im Raum. Jetzt heißt es im Titelsong "Schritte": "Noch so viel vor ... noch so viel ungeschriebene Lieder im Ohr." Können wir also damit rechnen, dass ihr noch ein paar Schritte gemeinsam geht?

Nowak: Wir wissen, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, ein Album zu machen, weil man nie weiß, was passiert und wohin jeder Einzelne geht. Deswegen kann ich jetzt nicht sagen: Hey, wir machen auf jeden Fall noch eine Platte.

Kloß: Wir haben nicht nur viel Respekt davor, eine Band zu sein, sondern auch vor dem Leben. Während dieser Albumproduktion sind ein paar Menschen gegangen. Ein neues Leben ist dazugekommen. Vielleicht ist es unsere letzte Platte. Aber ohne dabei zu melancholisch zu sein, weil man nie weiß, wie das Leben spielt. Denn zugleich sage ich dir: Ich liebe diese Band über alles! Und eigentlich haben wir jetzt erst das Gefühl, dass es richtig losgeht.

Mit Stefanie Kloß und Andreas Nowak von Silbermond sprach Volker Probst

Silbermond gehen in den kommenden Monaten mit ihrem Album "Schritte" in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Tour: Magdeburg (8.12.), Fulda (9.12. und 10.12.), Montafon (14.12.), Hamburg (22.1.), Hannover (24.1.), Leipzig (25.1.), Mannheim (27.1.), Zürich (28.1.), Köln (30.1.), Braunschweig (31.1.), Berlin (1.2.), Frankfurt am Main (3.2.), Erfurt (4.2.), Dortmund (6.2.), Stuttgart (7.2.), München (8.2.), Nürnberg (10.2.), Wien (11.2.). Ab Mai folgen weitere Open-Air-Termine.

Quelle: n-tv.de