Musik

Interview mit Udo Lindenberg "Hab' meinen Body reichlich geschunden"

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"Wir müssen richtig Druck machen!" Oder auch mal den Larry ...

(Foto: Tine Acke)

Großes Kino, jemanden zu treffen, der unverwechselbar ist! So wie Udo Lindenberg, der eines schönen Abends im Hotel Hyatt sitzt und Interviews gibt, was er tagsüber nicht so gerne macht. Er schläft lieber länger, denn er arbeitet ja nachts (und joggt), und er muss nach dem Aufstehen erstmal "Rote Rosen" gucken. Ist der Mann schrullig? Ja, schon, aber in der besten Art und Weise. Außerdem ist er schon immer so, schon lange jedenfalls: Die grünen Socken, die Brille, der Hut, die Röhrenhose - seine Art zu sprechen! Kennen wir alles, aber wussten Sie auch, dass der Udo echt schöne Männerhände hat? Die so aussehen, als könnten sie anpacken? Und dass die Leute um ihn herum alle irre freundlich sind und er ganz glücklich wirkt? Rita Flügge-Timm, Director DolceRita Recordings, verabschiedet sich jedenfalls vor dem Interview: "Ja, tschüssi, mein Ritalin", so der Panik-Rocker, und la dolce Rita tätschelt ihm die Schulter. Allgemeine Heiterkeit, hier braucht keiner noch etwas Leistungssteigerndes, hier läuft alles wie geschmiert und deswegen los jetzt, auf ein Eierlikörchen mit Udo, der sich allerdings erstmal "so'n Dings, äh, so'n Weißbier" bestellt.

n-tv.de: Danke für ein großartiges Konzert im Olympiastadion letztes Jahr …

Udo Lindenberg: Ja? Schön, das freut mich. Ich fand's auch super. Da haben wir die Wolken ja noch mal auseinandergeschoben, was? Und wie findest du jetzt meine neue Platte? 

Ich kenne ja erst acht Songs, die gefallen mir aber. 

Nicht ein bisschen zu ruhig? 

Schon ruhig … 

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Stärker als die Zeit ...

(Foto: Tine Acke)

Naja, da hauen wir jetzt noch ein bisschen mehr Rock 'n' Roll rein, die Platte war ja noch nicht ganz fertig bei der Listening-Session, bei der du warst.

Mein Favorit ist "Stärker als die Zeit" - auf die Melodie von "Der Pate". Wie lange hast du das schon im Kopf?

Ich sag' mal seit 1972, seit der Film rausgekommen ist (lächelt). Das war schon immer so eine Art private Hymne für mich. Familie, Freundschaft, Clan, allerdings ohne Gewalt und Knarredas war für mich ein großes Ding. Ich hatte immer den Wunsch, das zu singen, musste ja aber einen Text dazu machen. Zusammen mit der Bea Reszat, tolle Texterin. Und dann waren wir hocherfreut, die Genehmigung zu erhalten, von den Erben von Nino Rota, dem Komponisten, denn als die meine Stimme gehört haben, haben die gesagt: "Das ist ein Angebot, das wir nicht ablehnen können".

Ich bin sehr gespannt auf "Göttin sei Dank" und "Mein Body und ich". 

Warum? 

Weil du dich in "Mein Body und ich" ja bei deinem eigenen Körper bedankst. 

Ja, ich hab' meinen Body reichlich geschunden, war nicht immer nett zu dem, auf der anderen Seite war mein Body aber irgendwie immer mein Bodyguard, der mich durch alle Exzesse und Marathon-Partys gebracht hat, denn auch in der Trinkerkunde lag ich doch sehr weit vorn (lächelt). Ich dachte, zu meinem Geburtstag muss ich mich bei dem alten Body mal bedanken, dass er das alles so gut mit mir durchgezogen hat. 

Du wirst 70.

Ja, und jetzt macht er auch echt viel mit, der Body, wir rennen ja nachts immer.

Deine Shows verlangen dir viel ab, du rast quasi drei Stunden über die Bühne …

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Rauchen? Find' ich angenehm ...

(Foto: imago/Future Image)

… (lacht) ja, ich bin ein medizinisch-biologisches Wunder. Aber klar, es liegt daran, dass ich ordentlich Sport mache. Nachts, im Schutze der Dunkelheit, Robert Schuman und Gustav Mahler auf dem Kopfhörer, oder AC/DC, Hoodie an. Und da renne ich dann durch die Straßen, immer andere Strecken, egal, in welcher Stadt ich bin. Immer auf heißer Spur. 

Hast du mal überlegt, mit dem Rauchen aufzuhören? 

Ich qualme ja nur meine Zigarren. Inhalieren wäre zu heavy. Mit Zigaretten habe ich vor 20 Jahren aufgehört. Schlecht für den Body. Aber Rauchen find' ich schon angenehm. So wie Whiskey gurgeln, oder Eierlikör, für die Stimme, aber nur gurgeln! Ich trink' nicht mehr nach der Mengenlehre "mehr ist mehr" … 

Ich fand's ganz schön neulich, mit dem Eierlikörchen im Schokobecher, das bekommt man ja nicht mehr so oft angeboten. Wasser und Smoothies gibt's jetzt dafür. 

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Smoothie trinken, mit Whiskey gurgeln ... Udo zu Hause im Hotel.

(Foto: dpa)

Aber es gibt ja auch sehr leckere Smoothies, zum Beispiel im Hotel Atlantic (lacht). Aber bei uns gibt's natürlich Eierlikörchen, auf die Goldenen Zeiten und so, symbolisches Getränk!

Dein persönliches Eldorado sind deine Fans, sagst du. Ackerst du deswegen so?

Ich empfinde das gar nicht so als "ackern", das gibt mir einfach Speed! Das gibt so eine enorme Energie. Das ist wie ein Rausch, da braucht man auch keine Drogen. So eine Show ist ja auch sehr getaktet, da muss alles sitzen. Ich muss da auf Zack sein, mich kommen auf der Bühne 'ne Menge Leute besuchen. Also, ein paar Liegestütze reichen da nicht aus, ich geb' alles. 

Stuckiman - Bruder im Geiste

Auf der Bühne besuchen dich nicht nur einfach 'ne Menge Leute, sondern auch viele Freunde, ältere und jüngere, so wie Otto Waalkes oder Clueso. Wie hältst du deine Freundschaften als vielbeschäftigter Mann, teilweise über Jahrzehnte, aufrecht?

Ich bin zwar viel unterwegs, aber ich pflege die Kontakte. Und wenn ich so viel unterwegs bin, dann treffe ich natürlich immer viele Kollegen. Ich ruf' aber auch an und zwar nicht nur, wenn ich was will, auch so!  

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Ruft auch an, wenn er nichts will ...

(Foto: imago/Future Image)

Du bist also ein guter Kumpel - aber das Ding mit dem Stuckiman ist ja bisher ein bisschen an mir vorübergegangen. Ist das deine väterliche Seite? (Anm.d.Red.: Sein Buch "Panikherz" veröffentlichte Benjamin von Stuckrad-Barre kürzlich, es handelt vom Lebenshunger, den Drogen, dem Absturz, der Magersucht, der Panik. Seiner Panik. Und dann kam Udo und reparierte das Panik-Herzchen vom Stuckiman wieder. "Keine Panik (auf der Titanic)" - wurde zu Stuckrad-Barres rettender Lebensformel.)

Stucki ist mehr so 'n kleiner Bruder, manchmal auch ein großer. Ich habe ihn mit nach Los Angeles genommen, als es ihm echt dreckig ging.

Und da hilft L.A.? 

Ja, ich finde schon. Immer schön warm da, die Leute freundlich, die haben alle einen Sportswahn. Allein die ganzen Gyms am Strand, in West-Hollywood rennen alle. Da war ich also mit Benjamin, zum Relaxen, aber auch musikalisch wollte ich da gucken. "Chateau Marmont", "Sunset Marquis", gute Hotels, da kann man gut rumhängen und die Leute sind immer leicht bedröhnt (lacht). In New York ist ja immer mehr Larry, also mehr los, so wie in Berlin. In Hamburg kannst du auch besser relaxen, du verstehst, was ich meine? Der Wechsel ist aber super, zwischen quirlefix und ganz easy. Also, L.A. ist easy, wir streunen da so rum, besuchen ein paar Leute, und in dem Klima merke ich, der muss da sein Buch machen. Spontane Idee also von mir: "Bleib' doch hier!" und dann hat er sein geiles Buch da geschrieben, sehr hartes Ding. Viele erkennen sich darin und in der Zeit wieder … 

Du nimmst einen großen Teil in dem Buch ein ... 

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Schräger Bruder im Geiste?

(Foto: Tine Acke)

... jaja, meine Songs ziehen sich durch das Buch. Er hat meine Songs mit 12 Jahren entdeckt, und dann kam er nach Hamburg, um mich mal kennenzulernen. Er wollte sein Idol kennenlernen, so kann man das wohl sagen. Aber ich, ich war zu der Zeit damals ein wenig indisponiert (lächelt), nicht so gut drauf, kleine Krise, hoch die Tassen, er traf mich in einer anderen Verfassung, als er sich das vorgestellt hatte. Sein Bild von mir war also kaputt, und dann (zögert) … 

… hat er ein bisschen schlecht über dich geschrieben … 

... (lacht) ja, kann man so sagen, ich war schon verärgert, aber das musste wohl sein. Verrisse schreiben ist ja einfach. 

Absolut.

Und dann noch aus enttäuschter Liebe. Da kann man ganz böse schreiben. Aber dann haben wir uns wieder entdeckt, der ist ja auch ein crazy Mann, ein schräger Bruder im Geiste (lacht), und wir haben uns so gegenseitig geholfen dann. Und daraus ist dann die ganz dolle Freundschaft entstanden. Und sein Buch, ja, das find' ich prima.

So 'ne Art Kid Rock

Wirst du in Los Angeles oft erkannt? 

Nee, da bin ich ziemlich inkognito unterwegs. Die, die ein Autogramm wollen, denken einfach, ich hab' wahrscheinlich was mit dem Showbusiness zu tun (lacht), und holen sich sicherheitshalber eins (lacht): "Which Planet are you from, haha?" Die denken vielleicht, ich bin so 'ne Art Kid Rock oder jemand aus dem Hollywoodbusiness.

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Klicke di klack? Kein Problem.

(Foto: dpa)

Nervt dich das hier in Deutschland? Du hast eine Silhouette, einen Signature-Look, der ist unverwechselbar, wie bei Karl Lagerfeld … 

Nee, ich mag das, wenn ich angequatscht werde. Die wollen ja alle nur klicke-di-klack, ein Selfie, und sind doch schwer auf Zack. Ich hab' die Menschen gern. Ich hab' Menschen grundsätzlich erstmal gern, ich bin der gesellige Typ. Deswegen leb' ich auch im Hotel, da treff' ich die unterschiedlichsten Leute, mit denen spreche ich dann auch über meine Texte, die Shows. Auf der Straße aber auch, hey, was geht ab. Manchmal bin ich aber getarnt, mit 'nem Hoodie. Wenn ich jemanden gut finden würde, dann würde ich da übrigens auch hingehen und ein Selfie machen, ich versteh' das voll, ich will keinen abtörnen. Ich hab' ein so privilegiertes Leben, Mann. Aber denk mal, am Anfang war mein Hut meine Tarnung (lacht).

Du hast ja aber nicht nur die Musik, du malst deine Likörelles, du schreibst, du bist politisch engagiert. Wie sehr bedrückt dich denn die Gegenwart? 

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Udos Freundin Tine Acke und der Junge, der damals, 1981, "Wozu sind Kriege da?" gesungen hat: Pascal Krevetz.

(Foto: imago/Future Image)

Du meinst die AfD und so? Das bedrückt mich, ganz klar, aber das hatten wir auch schon mal, Republikaner, NPD. Das kann sich auch schnell wieder erledigen, weil Parlamentarismus auf Basis unseres Grundgesetzes, das liegt vielen von denen doch gar nicht. Jetzt tritt ein Protest zutage, wo die Menschen nicht mehr durchblicken, es ist ja auch kompliziert geworden. Aber: ein geeintes Europa muss kommen! Diese große Vision eines solidarischen Europas darf nicht untergehen, alle EU-Staaten, in gemeinsamer Verantwortung, nur so kriegen wir das hin ... Europa muss jetzt für die Schutzsuchenden aus den Kriegsgebieten wie 'ne Eins zusammenstehen. Keine Zäune, keine neuen Mauern, keine Kleinstaatlichkeit und auf doof machen und sich abschotten. Notfalls muss Brüssel da Druck machen.

Vertraust du auf die Selbstheilungskräfte der Zeit?

Nee, gar nicht, ich vertraue auf eine Politik, die sagt, Europa muss funktionieren. Es gibt keine Alternative. Da muss EU-mäßig was passieren. Dann haben wir die Möglichkeit, denen, die Hilfe brauchen, Hilfe zu gewähren. Wir können die doch da nicht hängen lassen, an den Grenzen. Da geht's doch auch um unser Gewissen und die Würde der Menschen. Aber es macht keiner so richtig Druck in Europa, deswegen passiert auch nichts. Und ansonsten? Politiker müssen mehr Klartext sprechen und mehr sensibilisieren für 'ne fairere Welt von morgen.

Statements aus der Schlager-Ecke - Fehlanzeige

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Du hast ja immer eine Message, viele andere halten sich raus.

Ja, ich wünsch' mir, dass mehr Rockstars was machen, das lief schon mal besser, stimmt. Es ist alles glatter geworden. Mehr Leute sehen sich als Entertainer, nicht mehr als Anschieber, auch politisch. Da könnten Sänger ruhig mehr machen. Ich warte noch auf ein paar klare Statements aus der Schlager-Fraktion (lacht)

Die haben vielleicht Angst, Fans zu verlieren. 

Ja, und wenn schon? Berufsrisiko (lacht). Ich krieg' auch viel Dresche, auf Facebook und so.  

Nochmal zur Musik: Du warst für "Stärker als die Zeit" unter anderem auch in den Abbey Road Studios, wo die Beatles bereits aufgenommen haben. Hat das eine ganz besondere Atmosphäre dort, immer noch? 

Ja, das muss ich schon sagen, ganz fantastisch. Vor allem in dem kleinen Beatles-Studio. Da haben die Jahrhundertwerke aufgenommen, das ist schon was sehr Spezielles, hat mich bewegt. Und in dem großen Studio hab' ich nasse Augen gekriegt, als wir dann "Stärker als die Zeit" mit dem Orchester aufgenommen haben. Sehr sehr schön. Da hab' ich auch Lust drauf, auf Symphonic. 

Udo Lindenberg in einer Casting-Show? 

Nee, in diese Kasper-Shows muss man nicht gehen. Wenn man was erreichen will, dann muss man sein krasses Ding machen als junger Mensch. 

Und bald gehst du wieder auf Kreuzfahrt?

Ja, mit dem Rock-Liner, jetzt Ende April, da geht's ab, rund um die Uhr. Da haben wir drei oder vier Bands, geben Gitarrenkurse, in den Bars sind Sessions. Man schläft recht wenig, aber naja (lacht). Für meine Birne ist das gut, da spiel' ich alle neuen Songs, bis die sitzen! Musste mal mitkommen! 

Mit Udo Lindenberg sprach Sabine Oelmann 

Das Album "Stärker als die Zeit" erscheint am 29. April bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de