Musik

Nackte Frau mit leeren Flaschen Lukas Graham machen Ghetto-Pop

Lukas Graham LG_2014 (c) René Sascha Johannsen.jpg

Magnus, Mark, Lukas und Casper (v.l.n.r) sind im Januar 2016 mit ihrem neuen Album auf Deutschlandtour.

René Sascha Johannsen.

Vor einigen Jahren startete die Band Lukas Graham ihre Erfolgsgeschichte mit den Hitsingles "Drunk In The Morning" sowie "Ordinary Things", und erreichte damit alles, was man in Skandinavien überhaupt erreichen kann: Das Debüt-Album "Lukas Graham" wurde in Dänemark mit Doppel-Platin ausgezeichnet. Zusätzlich wurde die Band 2012 sieben Mal für einen Danish Music Award nominiert und als beste Newcomer ausgezeichnet. Mit dem neuen Album laden Lukas Graham die Zuhörer wieder ein, an ihrem Leben teilzuhaben. n-tv.de sprach mit Lukas, Kasper, Magnus und Mark über Geschichten aus der Kindheit, in der materielle Güter keine Rolle gespielt haben, Abenteuer aus der Jugend und den frühen Tod von Lukas' Vater.

ntv.de: Vielleicht sollten wir zu Beginn mit einer kleinen Vorstellungsrunde anfangen? Ich heiße Juliane, bin 26 Jahre alt, gerade fertig mit meinem Politikwissenschafts-Studium und heute hier, um mit euch über euer neues Album zu sprechen.

Lukas: Ich bin Lukas, bin 27 Jahre alt und habe mein Jura-Studium geschmissen, um Lieder zu singen.

LoveStick: Mein Name ist LoveStick, ich spiele Schlagzeug und bin vom Gymnasium geflogen.

Magnus: Hey, ich bin Magnus. Ich spiele Bass, bin 25 und hab das Gymnasium geschmissen. Ich war ein Jahr in Berlin am Muskikonservatorium. Das habe ich aber geschmissen, um mit diesen Typen Musik zu machen.

Casper: Und ich bin Casper und ich sitze am Klavier. Ich habe sogar meinen Schulabschluss gemacht ...

Lukas: … um dann aber dein Wirtschaftsstudium zu schmeißen ...

(alle lachen)

Lukas: Interessant ist doch aber: Wie kommt es, dass ein Mädchen mit abgeschlossenem Politikwissenschafts-Studium jetzt hier sitzt und ein Interview mit uns für die Webseite eines Nachrichtensenders führt?

Weil ich lieber als Journalistin arbeiten möchte.

Magnus: Ah ok, das ergibt Sinn.

Wie eure US-Dokumentation auf Youtube zeigt, seid ihr für die Aufnahmen zu eurem zweiten Album nach Los Angeles geflogen und hattet dort viele "Speed Dates" mit Produzenten. Wie ist das abgelaufen?

Lukas: Das war ein sehr spannender Prozess, auch ein bisschen nervenaufreibend. Am Ende aber haben wir mit keinem der besuchten Produzenten gearbeitet. Weil keiner von ihnen das hatte, was wir von ihnen wollten. Am Ende haben wir mit drei verschiedenen Songwritern und einem Executive Producer gearbeitet. Wir haben aber keinen von denen in den Speed Dates in LA kennengelernt. Und ja, LA ist eine verrückte Stadt.

Was hat sich, abgesehen von der Art und Weise, wie ihr eure Platte aufgenommen habt, seit der Veröffentlichung eures Release-Albums 2012 für euch verändert?

Lukas: Wir sind besser geworden.

Magnus: Wir haben seitdem Pilo mit an Bord.

Lukas: Wir haben Pilo mit im Team, unseren "Finisher". Unser Writing und Production-Team hat jetzt mehr "Eier" und mehr Vertrauen in seine eigenen Entscheidungen entwickelt. Ich bin als Texter und Songwriter selbstbewusster geworden. Und wir als Band, als Einheit, haben mehr Vertrauen in unsere Bühnenauftritte gewonnen. Wir wissen jetzt, dass wir gut sind mit dem, was wir machen. Es ist immer ein bisschen wie beim Limbo tanzen, weil es eigentlich nicht erlaubt ist, zu sagen, wie gut man ist. Es ist immer ein Balanceakt. Du glaubst, du wärst der König der Welt, darfst aber nur zeigen, dass du ein Prinz bist. Es braucht eine gewisse Zeit, um seinen Platz zu finden. Aber am Ende des Tages geben wir einen Scheiß darauf, was andere denken.

Was sich bei eurem neuen Album nicht verändert hat, ist das Cover. Wie bei eurem Release-Album zeigt es eine nackte Frau zwischen leeren Weinflaschen. Gibt es eine Geschichte hinter der nackten Frau?

Lukas: Was wir alle an dem Cover mit der nackten Frau und den leeren Flaschen mögen ist, dass es, wie unsere Musik, sehr ehrlich ist. Sie sitzt im Morgenlicht da, neben sich ein paar leere Flaschen. Das Originalbild hängt in einem Café in Christiania in Kopenhagen, in das mich meine Eltern immer mitgenommen haben, als wir Kinder waren. Es ist ein riesiges Bild und früher fand ich, dass dieses Café der nobelste Ort war, an dem ich in meiner Teenagerzeit war. Und eigentlich ist es nur ein ganz normales Café. Aber für mich war es der tollste Platz der Welt.

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Ihr beschreibt eure Musik als Ghetto-Pop. Warum musste erst ein eigenes Genre erfunden werden, um eure Musik zu beschreiben?

Lukas: Jeder will von uns wissen, was für ein Genre unsere Musik ist. Wir sind gegen dieses ständige Kategorisieren. Andauernd muss etwas seinen vorgeschriebenen Platz haben. Nur damit es für andere leichter zu verstehen ist. Unsere Musik ist für alle. Deswegen haben wir entschieden, ein neues Genre zu erfinden. Ghetto-Pop soll die verschiedenen Stilrichtungen zeigen, die wir verbinden: Soul, Pop, Funk, Jazz, R'n'B, Hip-Hop, Folk Music. Der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, ist eine sozialschwache Gegend, ein Ghetto. Da leben 50 Prozent der Menschen von Sozialleistungen. Man wächst da anders auf.

Christiana ist ganz klar ein besonderer Ort in Kopenhagen. Wie war es denn, dort aufzuwachsen?

Lukas: Es war für mich der schönste Ort auf Erden. Im Gegensatz zu dem, was alle denken, ein sehr friedlicher Ort. Wo jeder jedem hilft. Mit einer Gemeinschaft, von der ich noch heute profitiere. Es ist so schwer zu beschreiben, was Christiania einzigartig macht. Es ist einfach besonders und man lernt, dass man kämpfen muss, wenn man etwas will in dieser Welt. Niemandem wird etwas geschenkt. Und dafür musst du dich mit Menschen umgeben, die dir helfen. Und du musst hart arbeiten, ansonsten bleibst du zurück.

In Christiania gibt es unter anderem die "No photo rule". Ansässige Anwohner und Drogendealer sehen es nicht so gerne, wenn man dort Fotos macht. In eurem Video "Mama said" lauft ihr durch den Freistaat. Wie habt ihr das angestellt und gab es Ärger?

Lukas: Genau, in der Pusher Street ist das nicht erlaubt. Aber ich kenne dort alle. Ich bin runter zur Pusher Street und meinte: Hey Leute, wir werden hier ein bisschen was drehen. Und alle waren einverstanden, einige haben Masken übergezogen. Nur ein Typ kam und hat sich beschwert. Dem hab ich gesagt, er kann sich verpissen. Du lebst hier seit 10 Jahren und willst mir erzählen, ich darf hier nicht drehen? Ich wohne hier seit 26 Jahren. Vielleicht solltest du das Weite suchen und dich um deine illegalen Geschäfte kümmern, du Stück Scheiße. Wenn man an so einem Ort aufwächst, hat man gewisse Privilegien. Keiner der Anwohner hat sich beschwert.

Casper: Man hat nicht nur ein gewisses Privileg, sondern auch eine gewisse Sprache gelernt.

(alle lachen)

Du hast auch irische Wurzeln. Was ist besonders irisch an dir?

Lukas: Vielleicht das Geschichtenerzählen bei unseren Live-Shows. Und das Gefühl, dass jeder Song besonders sein muss und Emotionen rüberbringt. Das man will, dass alle es auch fühlen, statt es nur zu hören.

Die Songs sind sehr persönlich, Lukas. In den Songs "Happy Home" und "You're Not There" geht es um deinen verstorbenen Vater. Wie schaffst du es, das auf der Bühne zu verarbeiten und dich so verletzlich zu zeigen?

Lukas: Ich habe keine Ahnung, wie ich das mache. Ich habe zuerst darüber geschrieben und dann habe ich darüber gesungen. Nach und nach wurde es immer einfacher, darüber zu reden. Ich habe relativ früh gelernt, dass man keine Kontrolle über das Leben hat. Das Öffnen macht mich stark. Ich entscheide, was ich wann erzähle. Dadurch, dass ich so komplett ehrlich bin, kann mich niemand verletzen. Niemand kann einen Artikel über meinen Vater schreiben und mich damit verletzen. Niemand kann einen Artikel darüber schreiben, dass ich total viel kiffe und mich damit verletzen. Niemand kann einen Artikel schreiben, in was für armen Verhältnissen ich aufgewachsen bin und mich damit demütigen.

Weil du es ja schon selbst erzählt hast.

Lukas: Die Verletzlichkeit wird damit zur Stärke. Weil ich jetzt unzerbrechlich bin. Ich kann auf der Bühne weinen und es ist mir egal.

Was war dein Vater für ein Mann?

Lukas: Er war großartig. Er hat unsere ersten Konzerte organisiert. Er hat uns auf unserer ersten Tour begleitet. Als unser Merchandise-Mädchen Marie krank war, hat er am Stand T-Shirts verkauft. Er hat meine drei Bandmitglieder inspiriert, mit seiner fürsorglichen Art und damit, wie er uns motiviert hat - ohne Geld. Er hat mit uns nie darüber gesprochen, wie reich und berühmt wir werden könnten mit unserer Musik. Aber er hat uns dazu inspiriert, jeden Tag besser zu werden. Ich weiß nicht, woher er die Energie genommen hat, zur Arbeit zu gehen und dann dafür zu sorgen, dass bei unseren Konzerten alles glattläuft. Wenn ich eine Party geschmissen habe hat mein Vater die Troublemaker der Gruppe am Ende so besoffen gemacht, dass sie nach Hause kriechen mussten. So hat er die Party beendet, ohne dass ich mein Gesicht verloren habe.

Im Januar kommt ihr auf Tour nach Deutschland. Wie erlebt ihr Konzerte in Deutschland?

Lukas: Die Deutschen sind sehr diszipliniert.

Du meinst, sie flippen nicht so aus?

Lukas: Doch, doch, total, aber kontrollierter.

Magnus: Sie sind sehr gute Zuhörer, sehr anerkennend. In manchen Ländern oder Städten kommen die Leute nur, um sich zu betrinken. In Deutschland wollen sie sich wirklich die Musik anhören und eine gute Zeit haben.

Lukas: In Deutschland sind die Leute nicht auf einem Konzert, nur um auszugehen, sondern sie wollen speziell uns sehen. Und das ist ein tolles Gefühl, wenn du dann auf der Bühne stehst.

Mit Lukas Graham sprach Juliane Kipper

Quelle: n-tv.de

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