Musik

Steven Wilson reist in die 80er "Mann, das ist doch nur Popmusik"

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"Ich halte nichts vom Geschmacksdiktat": Steven Wilson.

(Foto: Lasse Hoile / Universal)

Schon als Teenager produziert Steven Wilson seine eigenen Songs, später modernisiert er den Prog-Rock. Auf seinem neuen Album klingt er nun ungewohnt poppig. Ein Gespräch über musikalischen Snobismus, Donald Trump und die Musik von Kajagoogoo.

n-tv.de: Wenn wir auf Ihren Dachboden gehen und aus der staubigsten Kiste das älteste Demotape hervorholen würden - welche Musik wäre darauf?

Steven Wilson: Da wäre Musik von meiner Heavy-Metal-Band drauf, als ich so 12, 13 Jahre alt war. Wir hießen Paradox, spielten genau drei Shows, allesamt in unserer Schuldisco. Wir waren stark inspiriert von den Bands der New Wave of British Heavy Metal, von Iron Maiden, Saxon und Diamond Head, alles sehr simpel und riff-basiert. Ich habe sogar noch einen Mitschnitt von einem der Auftritte.

Ihr Vater hat Ihnen dann einen 4-Spur-Rekorder geschenkt.

Er hat ihn sogar selbst gebaut. Und wir sprechen hier von den frühen 80er-Jahren. Du konntest nicht mal eben ins Internet gehen und nachschauen, wie das funktioniert. Er hat einen normalen Kassettenrekorder gekauft, die passenden Bänder, ich habe keine Ahnung, wie er das geschafft hat. Da war ich also als 12-Jähriger und experimentierte mit Mehrspur-Aufnahmen, doppelte schon meinen Gesang, die Gitarrenparts. Während Kids in meinem Alter gerade Gitarre lernten, erforschte ich also bereits alles, was mit Musikproduktion zu tun hatte. Das war der Anfang.

Gab es damals eine Band, von der Sie dachten: "Genau so möchte ich klingen"?

Meine Eltern hatten schon einen ziemlich guten Musikgeschmack, die hörten alles von Abba bis Pink Floyd, Bee Gees, Mike Oldfield, Donna Summer und ich liebte das. Wenn du jung bist, dann gibt es für dich als Hörer keine stilistischen Grenzen.

Der Snobismus setzt erst später ein.

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Als Kind träumte er davon, zu sein wie Jeff Lynne.

(Foto: Lasse Hoile / Universal)

Ganz genau. Da bist du noch viel offener für alles, du denkst nicht in Genres. Meine Eltern hörten auf diese Art Musik, und ich habe mir das bis heute auch bewahrt. Ich halte nichts vom Geschmacksdiktat. Die erste Band jedenfalls, die ich liebte, war das Electric Light Orchestra. Ich studierte das Cover und die Credits von "Out Of The Blue" und dachte, hey, Jeff Lynne scheint es drauf zu haben. Ich kannte Bands, in denen jeder einen Posten hatte, Lynne aber machte alles von Gitarre bis Produktion. Ich dachte nur: Der Typ will ich sein! Songwriter, Sänger, Produzent, alles. Es war seine Band. Das gefiel mir.

Ihr neues Album "To The Bone" bezieht sich unüberhörbar auf die 80er-Jahre, Künstler wie Kate Bush, Tears For Fears oder Talk Talk werden als Einflüsse genannt. Was macht deren Musik so besonders?

Sie machten zugängliche Musik, waren dabei aber alles andere als schlicht oder simpel. Merkmale, die mir heutzutage fehlen. Sie machten große Popsongs, hatten Nummer-1-Hits, aber ihre Texte waren dabei vielschichtig und ambitioniert, die Themen oft kontrovers. Und sonst? Tolle Musiker, neue Technologien, Breitwand-Produktionen, das liebe ich an den 80ern.

Der Sound und der Look der 80er ist für viele Leute eher belastet. Ein Missverständnis?

Klar, da gibt es viele Klischees. Die Drums klingen komisch, alberne Synthie-Effekte, die lächerlichen Frisuren. Und ja doch, vieles davon stimmt. Aber vor allem waren die 80er unglaublich kreativ und innovativ, das vermisse ich im 21. Jahrhundert. Die Künstler damals wollten auch Popstars sein und das ist keine Schande. Prince war einer der größten Stars aller Zeiten und ist für einige der grandiosesten Popsongs verantwortlich.

Ihr Bassist Nick Beggs kann aus erster Hand berichten, wie das damals war. Er spielte früher bei Kajagoogoo.

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Dürfen wir vorstellen: Nick Beggs - bei Kajagoogoo und heute.

(Foto: Imago / Collage: n-tv.de)

Und dafür hat er im Bandbus schon so viel einstecken müssen.

Seine Frisur damals dürfte dabei immer mal wieder Thema sein.

In der Tat. Der arme Nick. Aber eins steht fest - er ist ein unglaublicher Musiker und am Ende des Tages kann ich nur sagen: Ich habe im Gegensatz zu ihm noch keine Single auf Nummer eins in England gehabt.

Ihr Schritt von Prog hin zum Pop - ist das getrieben vom Wunsch, auch endlich ein richtiger Star zu sein?

Ich glaube nicht, dass das noch möglich ist. Zum einen bin ich eh zu alt, zum anderen hat sich die Wahrnehmung im Mainstream auch stark verändert. Nimm' ein Album wie Michael Jacksons "Thriller". Ich glaube nicht, dass das heute Nummer eins werden würde, es ist viel zu durchgeknallt. Das Klima ist viel konservativer geworden, vieles aus den 80ern, genauso wie mein Material, wäre viel zu Avantgarde. Aber das ist okay für mich, ich werde trotzdem immer versuchen, möglichst viele Hörer zu erreichen, das ist ein ganz natürlicher Impuls. Und ich werde immer gern darüber reden. (lacht)

Nachdem Sie zuletzt eher inkognito waren, was Artwork und Videos angeht, zeigen Sie plötzlich Gesicht.

Meine letzten Platten waren konzeptionell geprägt, von einer Geschichte. "To The Bone" zeigt mich als Songwriter, ich spiele viel mehr Instrumente selbst. In Sachen Soloplatte ist das wohl die klassischste überhaupt von mir. Zudem ist mir meine Rolle als Künstler nochmal bewusster geworden. Es gibt wohl kaum jemanden in einer ähnlichen Position wie ich sie innehabe, das ist ziemlich schräg: Ich bin nicht Mainstream, habe aber ein großes Publikum. Ich habe diesen Wiedererkennungswert, selbst wenn es nur die Brille und diese Haare sind. Na ja, und wie gesagt ... ich rede halt ganz gern. (lacht)

Die Single "Permanating" erinnert im Chorus an Abba. Eine Band, die sogar ein ausgewiesener Badass wie Motörheads Lemmy Kilmister als Einfluss nannte. Was ist das Besondere an den Schweden?

Wenn du alles Wichtige über Songwriting wissen willst, dann hörst du die Beatles, Abba und die Beach Boys zu "Pet Sounds"-Zeiten. Das ist die ganze Lektion.

In Sachen Sound ist das Album also 80er-Jahre-beeinflusst, auch der politische Kontext mit Kaltem Krieg und atomarer Bedrohung ist wieder aktuell. Textlich verhandelt "To The Bone" Aspekte wie Fake News, Social Media und alternative Wahrheiten.

Andy Partridge (vormals XTC, Anm. d. Red.) schrieb den Text zum Titelsong, der von diesen Themen handelt, aber erst mit drei, vier weiteren Songs wurde die inhaltliche Richtung klar. Alles dreht sich um die Frage nach der Wahrheit. Stimmt meine oder deine? Gibt es eine absolute Wahrheit oder ist sie nicht sowieso immer abhängig von der Perspektive, von deiner politischen Meinung, deinem Geschlecht, deiner Religion, deiner Erziehung? Ich wollte das vor dem Hintergrund von Leuten wie Donald Trump und Ereignissen wie dem Brexit thematisieren.

Sie leben in der Nähe von London. Hat sich nach dem Referendum der Vibe dort für Sie verändert?

Das hat er auf jeden Fall, aber ich könnte nicht einmal in Worte fassen, in welcher Form. Das war alles sehr ähnlich, ob Brexit oder Trump, man dachte …

… das wird schon nicht passieren.

Ganz genau. Wenn du in der Musikindustrie unterwegs bist, dann wirst du nicht viele Leute treffen, die Pro-Trump oder Pro-Brexit sind.

Kid Rock und Ted Nugent höchstens.

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Ereignisse wie in Charlottesville machen Wilson fassungslos.

(Foto: Camila Jurado / Universal)

Aber echt. Normalerweise reisen wir um die Welt und sehen die Grenzen nicht, die Unterschiede sind nicht wichtig.

Dann sieht man so etwas wie den Fackelzug, der auf Charlottesville in den USA zumarschiert.

Und ich guck mir die Leute an und denke, die können unmöglich zur gleichen Spezies wie ich gehören. Jetzt aber sind diese Dinge plötzlich wieder da. Jemand wie Donald Trump regiert und bringt dieses Verhalten in den Menschen heraus. Es muss aber die ganze Zeit auch schon da gewesen sein. Das ist schon ziemlich deprimierend. Die sozialen Medien bieten das Forum dafür. Die Leute sind ungemein aggressiv, reiben sich an allem. Nimm’ so etwas Triviales wie eben den Song "Permanating". Du kannst dir nicht vorstellen, was für Hasskommentare da auf meiner Facebook-Seite abgelassen wurden. Diese Typen sind so auf Zinne, so wütend. Mann, das ist doch nur Popmusik. Aber der Punkt ist: Die Leute hören einfach gern den Klang ihrer eigenen Meinung und sie lieben das Extreme. Das sind die miesesten Impulse des menschlichen Wesens und die rücken leider immer mehr in den Vordergrund.

Das letzte Album "Hand.Cannot.Erase" erzählte die Geschichte von Joyce Carol Vincent, einer vereinsamten jungen Frau, die in ihrer Wohnung starb, ohne dass es jemand merkte. Im neuen Song "People Who Eat Darkness" geht es um den Terroristen von nebenan. Da gibt es eine Verbindung, oder?

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Das Album "To The Bone" ist ab sofort erhältlich.

(Foto: Universal)

Absolut. Je mehr wir das Gefühl haben, dass uns Technologie näher zusammenbringt, desto mehr ist das Gegenteil der Fall. Soziale Medien führen Menschen in die Isolation, Technologie befeuert die Entfremdung und wir lassen das geschehen. Du weißt, was jemand auf der anderen Seite der Welt, den du nicht kennst, zum Frühstück hatte, aber mit deinem Nachbarn hast du noch nie ein Wort gewechselt.

Gibt es zu wenig Politik im Popsong?

Ich denke, das ändert sich gerade wieder. Je schlechter die Zeiten, umso mehr ist da der Wunsch, die Stimme zu erheben. Musik war immer am stärksten, wenn sie auf den Zustand der Welt reagierte. Denk’ an Folkmusik, an Protestsongs, an Punkrock. Das kommt wieder. Man muss sich nur mal die neue Platte von Roger Waters anhören oder Depeche Mode, auch jüngere Bands entdecken das wieder. Wenn es einen Hoffnungsschimmer in dieser ganzen Scheiße gibt, auf die die Welt zu driftet, dann die Tatsache, dass Musik zum Widerstand und Protest beiträgt.

Was passiert mit jemandem wie Donald Trump? Wird der so einfach wieder verschwinden?

Oh mein Gott, wie ich das hoffe.

Im November feiern Sie einen runden Geburtstag. Schon ein wenig Angst vor der 50?

Ach was, gar nicht. Ich denke, ich werde mich einfach abends hinsetzen und all meine Lieblingsplatten hören.

Klingt nach einer ziemlich guten Nacht.

Definitiv.

Mit Steven Wilson sprach Ingo Scheel

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Quelle: ntv.de