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Die Beginner rappen wieder Rückkehr der hampelnden Pimmelköppe

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Da sind sie wieder: Jan Delay, Dennis Lisk (Denyo) und Guido Weiß (DJ Mad) von der Band Beginner (v.l.)

dpa

Die Füchse von der Elbe sind zurück! "Advanced Chemistry" heißt das erste Beginner-Album seit 13 Jahren. n-tv.de erzählt die Band von ihrer Hamburg-Liebe, ihrem Video zu "Es war einmal" und warum es okay ist, von Oliver Kalkofe beschimpft zu werden.

Der Testsieger rappt wieder! Nach 13 Jahren veröffentlicht die Hamburger HipHop-Legende Beginner ein neues Album. Mit ihrem zweiten Werk "Bambule" schafften Denyo (Dennis Lisk), DJ Mad (Guido Weiß) und Eizi Eiz aka Jan Delay (Jan Philipp Eißfeldt) 1998 den Durchbruch. Und alles deutet daraufhin, dass "Advanced Chemistry" ähnlich einschlagen wird. Auch dank ihrer zwei fetten Videos zu den Vorab-Singles "Ahnma" und "Es war einmal". Im Clip zu letzterem Lied werden sie zwar von Komiker Oliver Kalkofe als "hampelnde Pimmelköppe" beschimpft. Aber über diesen Seitenhieb können die Beginner nur lachen, als n-tv.de sie zum Interview in Hamburg trifft. Bei der Gelegenheit geben uns die drei auch einen kleinen Nachhilfekurs in Hip-Hop-Sprache.

Im neuen Beginner-Clip zu "Es war einmal" sind nicht nur viele Prominente, sondern auch diverse Hinweise und Gags versteckt. Haben Sie eine Gebrauchsanweisung für das Video, damit man nichts verpasst?

*Datenschutz

Jan Delay: Nicht wirklich. Denn eigentlich war das für die Ober-Nerds gedacht, die das 300 Mal gucken. Dabei haben wir aber die Rechnung ohne das Internet und die Pausentaste gemacht. Nur 20 Minuten, nachdem der Clip draußen war, gab es in den sozialen Netzwerken schon Posts mit Stills von den ganzen Nerd-Sachen. Somit konnte man das sehen, ohne es selbst im Video entdeckt zu haben.

Was schade ist.

Delay: Ja, natürlich. Früher wäre das anders gelaufen. Heute klärt die Jugendabteilung eines Online-Magazins mit einem Artikel schon alle Rufnummern, Internetseiten und sonstige Gags mit ab. Aber das ist auch o.k. Wir sind nicht eingeschnappt.

Lohnt es sich denn, die ganzen Rufnummern anzurufen?

Delay: Ja, auf jeden Fall. Vor allem die, die bei Palina Rojinski eingeblendet wird. Aber ich sag nichts weiter. Da müssen die Leute schon selbst anrufen.

Haben Sie eine Lieblingsstelle?

Delay: Ich habe viele Lieblingsstellen! Man entdeckt auch immer wieder ein Detail, das einen wegflasht, obwohl man das Video schon 200 Mal gesehen hat. Ich finde Gzuz als Beginner-Fan Jonas super. Ich finde auch mich gut als Menschen.

Sie haben Mut zur Hässlichkeit bewiesen.

Delay: Ja, voll. Aber das war auch lustig.

Giovanni di Lorenzo rappt in Ihrem Video zum ersten Mal.

Delay: Das kann man so sagen. Er hat es auch profimäßig gemacht. Er hat als Chefredakteur der "Zeit" von uns allen am wenigsten Zeit. Sein Tag ist minutengetaktet. Er kam angefahren und hatte ein Zeitfenster von 15 Minuten, in denen alles passieren musste. Und er hat top abgeliefert, unglaublich.

Sein Grinsen sieht im Clip ein bisschen so aus, als müsste er gleich loslachen.

Delay: Nö, ich kenne ihn ja ein bisschen und war ein paar Mal in seiner Sendung. Da grinst er auch immer so. Das ist wohl sein italienisches Charmeur-Gen.

Und wenn Oliver Kalkofe Sie als "hampelnde Pimmelköppe" bezeichnet ...?

Delay: ... dann ist das völlig ok. Wenn man ihn in seinem Video haben will, dann muss man auch damit rechnen, niedergemacht zu werden. Sonst braucht man ihn ja gar nicht zu fragen.

13 Jahre sind seit dem letzten Beginner-Album vergangen. Warum eigentlich?

Denyo: Hauptgrund ist der Flash, die Musik und die Freiheit, auch mal nach links und rechts schauen zu können. Denn Ende 2004, nach unserer Tour zum letzten Album "Blast Action Heroes", gab es hiphopmäßig viel Auf und Ab. Es war eine interessante, aber auch schwierige Zeit. Wir haben uns erst mal Solo-Projekten gewidmet. Mit Jan ging es durch die Decke, so dass er auch Bock hatte, weiterzumachen. 2010 haben wir uns das erste Mal ernsthaft die Frage gestellt, ob es eine neue Beginner-Platte geben soll. Und dann sind sechs Jahre gar nicht so viel.

Delay: Vor allem nicht, wenn man noch mal zwei Solo-Alben in der Zeit gemacht hat.

Wie haben Sie zwei zwischenzeitlich den Erfolg von Jan Delay beäugt? Da war ja von "Sesamstraße" bis "Biene Maja" alles dabei.

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Jan Delay bei der Premiere von "Der kleine Rabe Socke 2" im Zeise Kino Hamburg.

(Foto: imago/Future Image)

DJ Mad: Auf seinen Auftritt in der "Sesamstraße" bin ich hart neidisch! Ich finde es gut, dass – auch wenn die Band Pause hat –, die Einzelteile weiter an Skills arbeiten, die sich irgendwann weiterbringend in die Band zurückführen lassen. Das schließt auch Jans extreme Erfahrungen in der Oberliga mit ein. Für mich ist es jetzt überhaupt das erste Mal, in der digitalen Welt eine Platte rauszubringen.

Denyo: Mad und ich haben in der zweiten Liga gekickt, ganz klar, aber das macht Bock! Wir sind an die 60 Mal im Jahr unterwegs gewesen und haben aufgelegt. Da bist du ganz nah dran an den Leuten und weißt immer, was geht. So etwas wie Neid finde ich immer wieder irritierend. Wir sind Hippies, wir haben damit nichts zu tun, besonders nicht innerhalb unserer Familie, geschweige denn außerhalb. Ich freu mich für Jan, er hat es so verdient. Und ich freu mich für uns.

Herr Delay, Sie haben sich in Ihren Soloplatten in allen möglichen Stilistiken ausgetobt. Hat das auch die Beginner-Platte beeinflusst?

Delay: Wenn ich eine Reggae- und Funkplatte gemacht habe, war das nur die Ausarbeitung dessen, was es auf Beginner-Platten bereits gegeben hat. Wir hatten immer schon multiple Stylerose. Das wurde uns auch oft angelastet. Es gab Genre-Fetischisten, die damals meinten, dass wir keinen richtigen Hip-Hopper wären, weil wir Live-Instrumente und Reggae- oder Punk-Einflüsse hatten und nicht so waren wie der Durchschnitt. Früher haben wir quasi von so einer Zeit wie heute, in der jeder alles machen kann, ohne dafür verurteilt zu werden, geträumt.

DJ Mad: Der Dreh für das neue Beginner-Album ist, sich den Luxus erlauben zu können, Neo-Einflüsse auf dem Album zu haben, aber auch 'classic' zu bleiben. Es ist eine schöne Mischung aus alten Produktionsstilen, Zitaten, Samples und BigBand, gleichzeitig aber auch echte Soundcloud-Mucke und Low-Bass.

Auch das Hip-Hop-Publikum ist heute ein anderes, weil das Genre viel etablierter ist.

Denyo: Ja, voll. Wir haben 2014 in Hamburg ein Konzert für die Rote Flora gespielt, da standen drinnen 400 Leute und draußen vor der Leinwand noch mal 12.000. Da war vom Zahnarzt bis zum Juristen, vom Bullen bis zum Crack-Dealer alles dabei. Und alle haben zusammen den freien, urbanen Lebensentwurf gefeiert.

Delay: Es ist alles offener geworden. Wenn du früher deutschen Hip-Hop gehört hast, dann hast du dich auch so gekleidet. Heute können auch Leute ohne Turnschuhe und Cap Deutschraptexte mitrappen, weil sie es cool finden.

"Der Testsieger rappt wieder", heißt es in Ihrer Comeback-Single "Ahnma". Stiftung Warentest hat diese Punchline nicht ohne Humor mit der Note: Sehr gut (1,0) offiziell bestätigt. Gab es so was überhaupt schon mal?

DJ Mad: Nein. Es ist überwältigend, wie viel Liebe das alles auslöst. Natürlich auch im Fahrwasser mit einem gewissen Hass, aber die Liebe überwiegt auf jeden Fall. Wir hatten davor schon den Eindruck, dass da draußen noch ein gewisser Bedarf an unserer Musik ist, weil wir ja auch seit 13 Jahren immer wieder gefragt wurden, wann das Album denn endlich kommt. Ich dachte immer, das würde irgendwann aufhören – aber es hörte nie auf. Wie sehr sich die Leute freuen, wissen wir erst jetzt.

Song und Video sind ein klares Bekenntnis zu Hamburg. Auf Facebook motzten gleich einige, dass solch ein Lokalpatriotismus typisch Hamburg sei.

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Auftritt beim splash! Festival 2016 in Ferropolis, Gräfenhainichen.

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Delay: Jedes Jahr steht Hamburg auf dem ersten Platz, wenn gefragt wird, in welcher Stadt die Deutschen am liebsten Urlaub machen. Und es gab mal eine Studie darüber, in welcher Stadt die Bundesbürger am Glücklichsten sind – das war auch Hamburg. Da ist es doch nur legitim.

Denyo: Unser Statement ist ja nicht abgrenzend gemeint. Wir sagen ja nicht: "Hamburg ist geil und alles andere ist scheiße." Sondern wir sagen: "Hamburg ist geil. Wir lieben das."

Patriotismus bundesweit geht nicht, aber Lokalpatriotismus ist o.k.?

Denyo: Auch als linksalternative Menschen, als die wir uns am ehesten bezeichnen würden, ist es oft so, dass man stolz ist auf sein Umfeld und auf den Ort, wo man lebt. Ich als jemand, der mehrere Länder in sich vereinigt und nicht typisch deutsch aussieht, habe dann eher das Bedürfnis, zu sagen: "Ich komme aus Altona" oder "aus Hamburg". Das ist viel einfacher, als zu sagen, dass man Deutscher ist, denn da ist einfach zu wenig Identifikation.

DJ Mad: Ja, in dem Wort Deutschland schwingt zu viel AfD-Faktor mit, bei Hamburg ist das angenehmer.

Delay: Es ist doch so: Bei jeglicher Form von Nationalismus geht es darum, dass eine Ethnie oder eine Nation einer bestimmten Herkunft sagt: "Wir sind so, und das ist geil." Und dann im Gegenzug: "Die sind nicht so, deswegen sind die nicht geil". Aber beim Lokalpatriotismus geht es eben nicht um eine Sorte Mensch, sondern um ganz viele Sorten Mensch – und das ist es ja auch, was Hamburg ausmacht. Diese ganzen Einflüsse. Und deshalb können wir uns damit identifizieren, weil wir damit aufgewachsen sind, weil Hamburg einen Hafen hat und das immer schon ein Schmelztiegel war. Und weil wir das so lieben, versuchen wir allen zu sagen, dass es hier so schön ist.

Mit dem Titel "Ahnma", was so viel heißt wie "Erahne das mal", haben Sie einem Wort aus Hip-Hop-Kreisen zu bundesweiter Popularität verholfen. Freut man sich dann?

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"Advanced Chemistry" erscheint am 26. August 2016.

(Foto: Vertigo Berlin/Universal Music)

Delay: In Hamburg ist das schon seit Ewigkeiten gegenwärtig. Auf dem Beginner-Album "Bambule" ist es schon drauf und auf meinem Album "Mercedes Dance" ebenso. Es gab immer schon Sätze oder Wörter, die wir zwar nicht erfunden haben, die wir aber extrem geprägt haben, weil wir so geredet haben und weil genau der Song, auf dem wir so geredet haben, dann populär geworden ist. "Hammerhart" haben wir ja auch nicht erfunden, aber wir haben es wie ein Lautsprecher verzehnfacht in der Lautstärke, und dann hat es jeder mit uns verbunden. Oder auch "Der Reim ist fett" - ich habe ja nicht erfunden zu sagen, dass etwas fett ist.

Sagt man das noch in der Hip-Hop-Szene, dass etwas fett ist?

Delay: Ich glaube, das ist echt fies durch. Ich sag es noch, weil das in mir drin ist, ich kann das nicht ändern.

Okay. Und was ist mit Digga?

DJ Mad: Das sagt man schon noch. Aber Digga sagt heute jeder.

Denyo: Es gibt so ein paar Hipster-Experten, die sich extrem viel mit solchen Sachen auseinandersetzen, was man sagen darf und was nicht. Die würden jetzt sagen: "Nee, Digga, das geht ja nun gar nicht mehr." Krass und derbe übrigens auch nicht.

DJ Mad: Das erzähl mal den Kollegen bei mir im Viertel, dass krass und derbe abgemeldet ist.

Denyo: Oder Fatih Akin mit seinem "Weissu, weissu?"

Delay: Das ist in Hamburg nun mal so. Die Leute lachen über Dittsche, aber hier laufen 50.000 und mehr Dittsches rum, die genau so reden, den ganzen Tag. Mein Vadder hat meine Mudder vor 40 Jahren schon Digge genannt.

Und, war Sie beleidigt?

Delay: Nein! Die kennen das nicht anders. Das ist deren Sprache. Das ist der Dialekt, das ist in uns drinnen. Da geht es nicht drum, ob cool oder nicht.

Mit den Beginnern sprach Katja Schwemmers.

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Die Beginner sind vom 8. November bis 5. Dezember 2016 und vom 12. bis zum 27. März 2017 auf großer Deutschlandtour. Am 11. September 2016 haben sie bereits einen Auftritt beim Lollapalooza-Festival in Berlin.

Quelle: n-tv.de

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