Musik

Musiker, Schauspieler, Ikone Tom Waits wird so alt wie seine Stimme

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Nie angepasst, umso mehr verehrt: Tom Waits (in einer Szene des Films "Coffee and Cigarettes").

(Foto: imago images/Prod.DB)

Lyriker mit Scherbenstimme, durstiger Poet, Schauspieler und Sänger mit Hut und Heiserkeit - Tom Waits ist einer der Charakterköpfe überhaupt unter den amerikanischen Singer-Songwritern. Jetzt feiert das Multitalent seinen 70. Geburtstag.

Da gibt es diese Szene in Robert Altmans Film "Short Cuts" von 1993: Tom Waits und Lily Tomlin spielen in einer der Episoden ein Paar, ein überaus feuchtfröhliches. Der Ventilator läuft, die Musik ebenso. Die Cocktailgläser sind riesig, die Stimmung ist bestens. Waits trägt Unterhemd und eine Blumenkette um den Hals, der Vibe des Ganzen, frei nach Harald Juhnke: Keine Termine und leicht einen sitzen. Tom Waits als angejahrter Slacker, chronisch zwischen leichtem Hangover, Konter-Bier und mit lockerem Händchen gemixten Drinks - fürwahr, denkt man sich, das ist einer, mit dem man gut und gerne mal ein paar Tage durchfeiern möchte.

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Feucht-fröhliches Paar: Waits mit Lily Tomlin in "Short Cuts".

Regisseur Altman dreht Waits hier so ein wenig auf links, macht aus dem sonst etwas unnahbaren Bühnenmenschen einen Säufer von nebenan, einen wie Bukowski, nur mit etwas mehr Kleingeld für etwas solidere Drinks. Ein Kniff, der auch 25 Jahre später noch bestens funktioniert, die Szenen zusammen mit Tomlin sind bis dato durchzogen von durstig machendem Laissez-faire und ansteckend guter Laune.

Debüt 1973

Mit dem Thema Durst hatte es der Künstler, am 7. Dezember 1949 im kalifornischen Pomona geboren, schon früh zu tun. Seine Mutter eine Lehrerin, sein Vater ebenfalls, der Mann aus Texas jedoch ein Säufer vor dem Herrn, immer durstig, immer druff. Waits junior arbeitet als Pizzabäcker, die Musik aus der Jukebox des Restaurants wird zur prägenden Inspiration, der Song "The Ghosts Of Saturday Night (After Hours At Napoleone's Pizza House)" hält diese Zeit Jahre später fest.

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In Filmen wirkt Waits nach wie vor ab und an mit - wie hier 2018 in "Ein Gauner & Gentleman".

(Foto: imago images/Prod.DB)

Inspiriert von den Dichtern der Beat Generation, von Kerouac und Ginsberg, aber auch von den Croonern der legendären Jahre, von Frank Sinatra, Sammy Davis jr und Ray Charles, beginnt er, Songs zu schreiben. Anfang der 70er Jahre bespielt Waits die kleinen Clubs von San Diego, schnell macht die Nachricht von seinem Talent die Runde, Labelchef David Geffen holt ihn schließlich zu Asylum Records. Das Debüt "Closing Time" erscheint im Frühjahr 1973.

Aufstieg zum Superstar

Die Gegend um den Santa Monica Boulevard in Los Angeles wird in den Folgejahren seine Hood, sein Revier, der Ort, an dem Inspiration, Nikotin und Alkohol zum Klebstoff der Persona Tom Waits werden. Im weiteren Verlauf der 70er tourt er mit Frank Zappa, legt sich unter den Augen des oft ablehnenden Publikums ein dickes Fell zu, baut aus seinen taumelnden, mit krächzender Stimme vorgetragenen Balladen, dem morbiden Charme alter Varieté-Schuppen und massig Storys rund um die "Nighthawks", die Nachtgestalten der Bars, ein Image mit extremem Wiedererkennungsfaktor auf.

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Musikalisch hat er dagegen schon länger nichts mehr von sich hören lassen.

(Foto: picture alliance/dpa)

In den 80ern, mittlerweile - und bis dato - glücklich verheiratet mit der Künstlerin Kathleen Brennan, wird er mit Alben wie "Swordfishtrombones" und "Rain Dogs" endgültig zum Superstar, auch seine Filmografie füllt sich äußerst ansehnlich. Unter Coppola spielt er in "Rumble Fish" (1983), für die Vision von Regisseur Jim Jarmusch ist er wie gemacht, als Eigenbrötler mit Kippe. Aber nicht nur im Rahmen von Indie-Meisterwerken wie "Down By Law" hinterlässt er Duftmarken, auch in großen Produktionen wie "Bram Stoker's Dracula", "König der Fischer" und "The Book Of Eli" ist er zu sehen. Mit Theater-Regisseur Robert Wilson arbeitet er an Stücken wie "Black Rider" und "Woyzeck".

Seit Jahren trocken

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Absoluter Kult: Tom Waits in "Down By Law".

(Foto: Imago)

Während Klassiker wie "Downtown Train" und "Tom Traubert's Blues" in den Versionen von Rod Stewart als Coversongs ungleich größere Hits werden, findet Waits über die Dekaden seinen festen Platz im "American Songbook", erhält Grammys, eine Oscar-Nominierung und wird 2011 in die "Rock And Roll Hall Of Fame" aufgenommen.

Aus demselben Jahr stammt sein letztes Studio-Album, "Bad As Me", gemeinsam mit Ehefrau Kathleen geschrieben. Vielleicht wäre es an der Zeit für den Mann mit dem so unverkennbaren Krächzen in der Stimme, sich mal wieder das Hütchen aufzusetzen, die schmale Krawatte geradezurücken und den Weg ins Aufnahmestudio anzutreten. Viele seiner zahlreichen Fans würden sicher gern - im Gegensatz zum Sänger, der seit Jahren trocken ist - mit einem guten Cocktail darauf anstoßen. Happy Birthday zum 70., Tom Waits.

Quelle: ntv.de