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Robert Finster spielt "Freud" "Die Menschen hatten 1886 mehr Zeit"

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Robert Finster spielt Sigismund Schlomo Freud im Alter von 30 Jahren.

(Foto: Netflix/ORF)

Bei Netflix ist soeben mit "Freud" die erste österreichische Produktion gestartet. Die Rolle des jungen Psychoanalytikers, der eine Mordserie aufzuklären hat, spielt der 36-jährige Robert Finster. Mit ntv.de hat er über Erwartungsdruck und bewusste Entschleunigung gesprochen.

Die Mystery-Serie "Freud" ist eine Zusammenarbeit von Netflix und ORF und damit die erste österreichische Produktion des Streaminganbieters. Regisseur Marvin Kren erzählt in acht Folgen eine fiktive Geschichte rund um den berühmten Psychoanalytiker.

Krens Freud ist erst 30 Jahre alt und steht noch ganz am Anfang seiner Karriere. Erst durch das Aufeinandertreffen mit dem Medium Fleur gelingt es ihm, seine Theorie vom Zusammenspiel zwischen Körper und Geist in die Praxis umzusetzen. Gemeinsam machen sich die beiden auf die Jagd nach einem brutalen Serienmörder und tauchen dabei tief ins Unterbewusstsein sowie die Kanalisation von Wien ab.

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Verkörpert wird der junge Freud von Robert Finster. Der 36-Jährige ist selbst Österreicher und spielte bislang in Filmen wie "Vor der Morgenröte" und "Kaviar" mit. Freud aber ist seine erste große Hauptrolle. Wie er sich darauf vorbereitet hat und was er an der Zeit, in der Freud lebte, besser fand als heute, hat er ntv.de im Interview erzählt.

ntv.de: Freud ist neben Falco und Hitler der bekannteste Österreicher in Deutschland. Was bedeutet es für dich, ausgerechnet ihn zu verkörpern?

Robert Finster: Er war einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Ich weiß nicht, wie man einen der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts spielt. Das sind abstrakte Begriffe, mit denen ich nicht so viel anfangen kann. Ich habe mich dann mit der realen Figur beschäftigt. Mit jemandem, bei dem man biografische Details als Hinweise hat und Spuren nachgehen kann. Wodurch man nicht ganz so frei ist wie bei fiktionalen Figuren, aber dafür Hilfestellungen aus der Zeit bekommt.

Nun ist es eine Netflix-Serie mit internationalem Publikum. Dennoch wird ja der Österreicher an sich auf deine Arbeit vielleicht noch mal einen anderen Blick werfen als der Rest der Zuschauer. Hat dich das unter Druck gesetzt?

Ich habe versucht, alles, was da an zusätzlichem Druck oder an Erwartungshaltung und all diesen Dingen da war, ganz "freudisch" zu verdrängen. Mich auf die Arbeit zu fokussieren. Es ist ein bisschen wie die Hamlet-Frage. Wenn man ihn spielt, wissen auch ganz viele, was Hamlet kann, darf, sein muss oder nicht sein darf. Davon darf man sich, denke ich, in der Arbeit nicht beeinflussen lassen. Wenn ich mir zu viele Gedanken darüber mache, wie es rezipiert wird, dann schränkt mich das in meiner Lust an meiner Arbeit extrem ein.

In dem Fall war es dann vermutlich hilfreich, dass es sich doch um eine fiktive Geschichte handelt, die sich um die reale Figur Freud dreht?

Es war unser großes Glück, dass Sigismund Schlomo um seinen 30. Geburtstag herum beschlossen hat, alle seine Aufzeichnungen zu vernichten. Weil er uns diesen Gefallen getan hat, kann uns niemand Lügen strafen, da niemand weiß, wie es wirklich war.

Dein Freud ist eine sehr zerrissene und ehrgeizige Figur, die auf der einen Seite zwar mit vielem hadert, auf der anderen aber genau weiß, was sie will.

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Robert Finster ist weder bei Instagram noch bei Facebook.

(Foto: imago/SKATA)

Das war ja auch dem Zeitdruck geschuldet, denn damals galt man erst ab 40 was. Jugend hat nicht viel gegolten, da hat noch die graue Eminenz gezählt. Angeblich auch deshalb haben sich alle schon sehr früh Bärte wachsen lassen. Bei Freud war, was man biografisch weiß, beruflicher Erfolg für die Familie essenziell, dieser Erwartungshaltung galt es zu entsprechen. Unabhängig davon, dass er selbst das Gefühl hatte, ein Konquistadoren-Temperament zu haben, was er sich selbst immer bescheinigt hat. Es gab eine große Notwendigkeit zum Erfolg bei Freud.

Erfolgsdruck also. Das ist ja heute nicht viel anders, oder?

Nun, es war sehr heilend, befriedigend und schön, etwas im Jahr 1886 zu spielen, wo nicht jeder ständig erreichbar war, und sich in der Auseinandersetzung mit der Figur in diese Welt hineinzudenken. Wenn ich heute in zwei Stunden nicht zurückgeschrieben habe, gerade in Zeiten von Instagram und Facebook, dann bin ich ja schon unverschämt und unhöflich. Dass wir in einer Zeit leben, in der alles so schnelllebig ist, in der auch alles so schnell wieder vorbei ist. Die Menschen hatten 1886 einfach mehr Zeit. Man hat seiner Liebsten einen Brief geschrieben und dann irgendwann, drei Tage später, die Antwort bekommen auf drei Briefe davor. Also eine ganz andere Ruhe, ein anderer Rhythmus, vielleicht und eine ganz andere Ungeduld.

Hast du für dich und dein Leben, deinen Alltag, daraus eine nachhaltige Erkenntnis gewonnen?

Ich bin nicht bei Instagram und nicht bei Facebook. Noch nicht, sage ich mal. Wer weiß, was die Zukunft bringt, aber ich habe nach den Dreharbeiten auch Whatsapp gelöscht. Und ich bin schon fast wieder im 20. Jahrhundert. Man kann mich noch anrufen, mir eine SMS schreiben oder eine E-Mail schicken.

Aber hat man nicht auch gerade in deinem Beruf Angst, etwas zu verpassen? Eine wichtige Anfrage zum Beispiel?

Ich hatte in meinem Leben immer Glück mit solchen Dingen. Wenn es gepasst hat, hat es gepasst. Ich versuche, mir nicht allzu viele Gedanken darüber zu machen, was hätte sein können, wenn, sondern ein bisschen mehr, in dem was ist zu sein.

Ist das auch einer der Gründe, warum du nach wie vor noch auf Theaterbühnen stehst? Dabei geht es ja auch um das, was in diesem Moment ist, ohne Wiederholung, ohne Zeitversatz.

Theater ist mir wichtig, weil es ein Live-Medium ist. Weil es den unmittelbaren Kontakt zum Publikum gibt in dem Moment, in dem es stattfindet. Beim Film beteiligt man sich als Schauspieler an der Materialsammlung und über den Film selbst entscheiden dann andere. Ich habe über die Jahre verstanden, dass ich anders loslassen muss beim Film. Ich mache meine Drehtage, so gut ich kann, und versuche alles, was mir möglich ist, anzubieten. Aber entscheiden, wie es dann aussieht, das tut jemand anders. Da kommt dann der Schnitt und entwirft den Film, man ist als Schauspieler raus. Da ist man beim Theater einfach näher dran.

Wenn du dich zwischen Film und Theater entscheiden müsstest …

… da möchte ich gar nicht drüber nachdenken. Ich möchte mich nicht entscheiden. Ich hätte natürlich gern beides. Zurzeit ist es sehr drehlastig, aber ich freue mich, wenn dann auch wieder Theater passiert.

Gibt es eine bestimmte Rolle, die dir noch vorschwebt? Eine reale oder fiktive Figur, die du gern mal spielen würdest?

Jetzt habe ich den jungen Freud gespielt, Falco wurde unlängst erst gemacht. Falls also irgendwer wieder einen Film oder ein Theaterstück über Hitler plant, ich würde mich - als Österreicher - zur Verfügung stellen. (lacht)

Mit Robert Finster sprach Nicole Ankelmann - vor dem Ausbruch von Corona.

Die erste Staffel "Freud" ist seit dem 23. März bei Netflix abrufbar.

Quelle: ntv.de, nan